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Die Welt · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 22 ii Ol* # W*U" gens dein Glück. Vor dem Klugen >muss man auf der Hut sein, dich aber kann ich getrost laufen lassen, du weisst gar nicht, was du deiner Dummheit dankst.4' Der Barbier lächelte wieder unendlich albern, streckte die Hand nach dem Oelde aus, das ihm der Fürst reichte und ging mit einem tiefen Bückling. -;. ■•- ■■- . -. ,.. ., *- - Am nächsten Tage liess. Ben-Dagon den zweitmächtigsten Philisterfürsten — Elek war sein Name — hinrichten. Elek hatte nämlich" in grausamer Lust dem wehrlosen Simson die Augen ausstechen lassen. Ben-Dagon war empprt über solche Schandtat/und da er jenem Philisterfürsten ohnehin seit langem gram .war, Hess er ihn kurzerhand beseitigen. .Den Aufruhr, den die Freunde Eleks entfachten, schlug Ben-Dagon mit über- : mächtiger Faust nieder. Simsons Kraft war in seiner Faust. Dem blinden Simsöri gewährte Ben-Dagon in seinem Hause liebevolle1 Unterkunft. Sein Herz hing' an dem erniedrigten Riesen. ~ *; - Nach einiger Zeit Hess Ben-flagon die alte Rahab ~zu sich bescheiden, die eisgraue Waldfrau, die in der verfallenen Hütte hauste und aus Wurzeln und Beeren zauberkräftige Tränklein zu brauen verstand. Was willst du von der alten Rahab, mein Söhnchen? Soll ich dir wieder, ein Wässerlein bringen, das dir die Liebe der schönsten Jungfrau gewinnt?" „Mit deinen' schönsten Jungfrauen bleib1 mir einstweilen vom Leibe'4, sagte der Fürst verächtlich. „Sag', Rahab, hast du ein Mittel,, mit dem man das Wachstum der Haare verhindern kann?" „Gewiss," sagte die Alte mit pfiffiger Miene, „gewiss habe ich solche Mittel-! Aber ich muss erst wissen: soll es für einen Mann sein oder für eine Frau? Ist sie jung, alt, gross, klein, —?" „Wie schlau du es anstellst, um mich auszufragen! Doch dir kann ich ja vertrauen. Ich weiss, du kannst sclvweigen! So höre: Simsons Haare beginnen nachzuwachsen. Mir bangt vor dem Wiedererwachen seiner 'Riesenstärke." „Schlag'Ihm das Haupt samt den Haaren ab. Sie werden dann gewiss nicht mehr nachwachsen. Wozu erst die Salbe?" „Ich will, ich kann nicht! Er tut mir leid. Ich kann einen gefesselten Löwen nicht töten." „Ha, ha, ha! Mein Söhnchen lässt sich vom Mitleid gängeln. — Nimm dich inacht, Ben-Dagon!" „Hast du das Mittel?" r,Ich werde, dir das Mittel verschaffen, mein Söhnchen. Die alte Rahab kann alles verschaffen. Du wirst deine Freude haben'an meiner Salbe. Sie wirkt ^wie ein verzehrender Brand, wo sie hinkommt, da .gedeiht nie mehr ein Härchen." „Recht so! Je grimmiger deine Salbe wirkt, desto besser! Ich werde nicht eher ruhig schlafen können, als bis, dieser Simson einen tadellosen Kahlkopf hat. Worüber sinnst du,. Alte?" ., . . - . „Ich' denke nach — ich überlege — hm--sollte man nicht doch Simsons Haare Wachsen lassen? — " , . „Bist du von Sinnen? Wozu? Was brauch' ich Simsons Haare?'V \; . .; " . . . ' V . „Freilich — freilich!" murmelte die Alte, in Nachdenken versunken, „man kann ja mit den Haaren nichts anfangen — hm — hm! — Sag' einmal, mein Söhnchen, was ist mit den. Haaren, geschehen, welche Delila dem Simson abschnitt?" Der Fürst brach in ein bösartiges Gelächter aus. „Das also ist es! O du verschmitzte Waldeule! Jetzt, versteh' ich: du möchtest gerne mit dem wundertätigen Haar einige kleine Versuche anstellen." — Die Waldfrau hatte, inzwischen in sichtlicher Erregung das Haupt des Fürsten gemustert, und eine blitzartige Erkenntnis kam über sie. Starr sah sie auf die' lan'gen Seidenweichen Nt. i; ' Locken, von denen ein seltsamer Waldduft -ausging. - 'Unä^ne heisse,. habsüchtige Gier nach den seidenweichen Locken erdachte in der Brust der Waldfrau. < „Ah, ich glaube, du hast etwas begriffen,"; «lachtedfer Fürst. .Ein rauher, tückischer;rTon war in seinem Lachen. „Du siehst, Mütterchen, es gibt ausser-dir noch andere ziemlich kluge Leute. Du kommst etwas zu sf>ät mit deinen guten 'Absichten. — —■ Also morgen bekomme ich die Salbe, Mütterchen?" . .■: - r „Wird nicht morgen Simson vor dem versammelten Volke die Laute schlagen, zur Erheiterung von Jung und Alt?" „Der Aermste! . ..Er wird dem Pöbel als Possenreisser dienen. Aber ich kann nichts dagegen tun. Man muss dem Volke hie und da einen Leckerbissen hinwerfen. Und dann Ist die öffentliche Demütigung des besiegten Riesen ein Triumph für Ben-Dagon, den Sieger. Es hebt mein Ansehen." „Also morgen nach dem Feste bringe ich 'dir die Salbe, mein Söhnchen!" sagte die Alte mit blinzelndem Blicke. „Also morgen nach dem Feste, Mütterchen!" sagte freundlich lächelnd der Fürst. Und es ging ihm durch den Sinn, dass der welke Busen der Alten einer eindringenden Schwertspitze wohl keinen allzuharten Widerstand werde leisten können. „Also morgen nach dem Feste," wiederholte er lächelnd. Morgen nach dem Feste gedachte er sie stumm; zu machen, auf dass sie sein Geheimnis nicht weiter erzähle. — Sie soll nur die Salbe bringen — \ * Unter dem grossen Olivenbaum, der hinter dem Hause Ben-Dagons war, sass Simson. Er starrte geradeaus in die Sonne, die rotglühend unterging, Der blinde Riese nahm ein feines Flimmern wahr, wenn er ins lodernde Antlitz der Sonne blickte. Wie einen matten Sternenschein auf trübem Himmelsgrunde. Plötzlich hob der Riese sein Haupt. Jemand hatte in der Nähe leise seinen Namen gerufen. „Simson!" raunte jemand. „Simson, du wirst morgender Narr der Philister sein. Du wirst die Laute schlagen und vor dem Volke tanzen. Die Weiber und Kinder werden mit Fingern auf dich weisen und des armen Narren spotten. Simson, du hast die Philister gleich winselnden Hunden vor dir hergetrieben und morgen wirst du ihr Narr sein. Simson, :schon ist dir dein Haar wieder gewachsen und mit dem Haar deine Stärke. Der Festpalast der Philister ist ein Trümmerhaufen, wenn du es willst. Und unter den Trümmern seufzen die Philister ihren letzten Seufzer, wenn du es willst. Simson, du wirst nicht der Narr der Philister sein Also raunte die Stimme. Und auf leisen Sohlen sdhlich der Barbier von dannen. Simson sass regungslos. Ein knirschendes Geräusch ging durch die Abendluft, wie wenn jemand in wahnwitzigem Grimme die Zähne aneinander presst. Die Sonne war untergegangen, der dünne Sternenflimmer vor dem Auge des Blinden war erloschen. Tiefe Nacht. Nach einer, Weile ging wieder ein Zischeln durch die Luft: „Simson, morgen werden die Philister einen Possenreisser verhöhnen, der Simson heisst. Simson, du wirst kein Possenreisser sein. Hast du nicht wieder deine Locken? .Der Palast ruht auf zwei Säulen; du wirst sie wie Halme biegen.;Die erschlagenen Philister werden Simson nicht verhöhnen." -Das Zischeln verstummte. Ein altes Mütterchen humpelte dem Walde zu. Simson erhob sich und tastete sich fort nach seiner Lagerstätte. Als er aufgestanden war, hatte er nach dem Stamm des Olivenbaumes gegriffen,; um sich .zu-stützen. Da*hatte sich der mächtige Stamm gebogen .wie ein Halm. . * An. den halbverkohlten Tragbalken, die auf dem Boden lagen, nagten noch kleine Flammcheni Hastig stieg der Bar-

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