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Die Welt · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 20 „bie # weit Nr. 1 Phantasie des Freundes ausgeheckt hatte. So ergänzten sie einander auf hübsche Weise, und sie hatten so vollauf genug aneinander, dass sie bald jeden anderen Verkehr vernachlässigten und unzertrennlich beisammen waren. In der ersten Klasse hatten sie überhaupt nur innerhalb der Schule miteinander gesprochen. Es war den Kindern streng verboten, sich vor dem Schulhause aufzuhalten, und da sie nur eins hinter dem anderen über die Stiege gehen durften und gerade in entgegengesetzter Richtung wohnten, so gingen sie vor dem Schultor gewöhnlich sogar ohne Abschied auseinander. Im zweiten Jahre, wo sie schon so viel mehr zu reden und zu erzählen hatten, kam es wohl vor, dass just im letzten ^ugeabiicke etwas uabedingt nochgesagtsein wollte. So geschah es auch einmal, dass Hans auf der Strasse noch ein paar Schritte mit dem Freunde ging und das Fräulein, das ihn abholte, warten liess. Als er dann umkehrte und auf sie zugelaufen kam, fragte sie, wer das gewesen sei. „Das ist der Pollak Sigi,u sagte er und es klang etwas wie Stolz auf den Freund aus seiner Stimme. Aber das Fräulein meinte verweisend: „Wie magst du nur mit dem Judenbuben gehen? Das schickt sich gar nicht für dich 1" Er sah erstaunt von der Seite zu ihr auf. Das „Ja, warum denn nicht?* war deutlich genug auf dem offenen Kindergesichte zu lesen; aber er sprach es nicht aus. Wozu auch? Wusste er doch schon längst, dass „Es schickt sich nicht" eine Instanz war, von der es keine Appellation mehr gab, so unverständlich es ihm meist blieb. So hatte er sich längst gewöhnt, es als unabänderlich hinzunehmen. Aber diesmal gingsihm doch im Kopfe herum, und abends beim Zubettegehen fragte er die alte Kindsfrau, zu der er in solchen Dingen noch das meiste Vertrauen hatte, was denn das sei, ein „Jude". Da hörte er nun freilich schreckliche Dinge: Das seien die Leute, die einst das Christkind umgebracht hätten, weshalb es auch jetzt nicht zu ihnen komme, und was ein braver Christ sei und den lieben Gott recht lieb habe, der suche ihnen möglichst wenig in die Nähe zu kommen, dem schmutzigen Volke. Sie sagte noch allerlei, was er gar nicht verstehen konnte; er hatte sie noch gar nie so böse gesehen. Als sie endlich, noch immer brummend und scheltend, zur Türe hinausgegangen war, lag er noch lange mit weitgeöffneten Augen in dem dunklen Zimmer und dachte nach. Nein, das konnte ganz unmöglich wahr sein, wenn er dabei an seinen kleinen, feinen Sigi dachte. Was das Christkind betraf, da konnte er doch gewiss nichts dafür. Das war doch schon so fürchterlich lange her, dass es schon in einem Buche stand, wie die Märchen. Dass das Christkind nicht zu ihm kam, wusste er wohl; sie hatten einst darüber gesprochen, als er selbst dem Freund mit klopfendem Herzen erzählt hatte, er wüsste es nun sicher, das Christkind von Weihnachten, das sei nur die Mama. Dafür hatte der Sigi noch von anderen Festen erzählt, die bei ihm zuhause gefeiert wurden, bei denen auch Lichter brannten und es allerlei Gutes gab. Und dann erzählte seine Grossmama gerade an diesen Tagen ihre schönsten Geschichten, und wenn er davon sprach, war sein kleines Gesicht gerade so licht und feierlich, wie das des kleinen Johannes auf dem Bilde über Hansens Bett. Nein, das war sicher alles nicht wahr, und er erzählte ihm auch gar nichts davon, um ihm nicht wehe zu tun. Ganz instinktiv aber begann er von dem Tage an seinen Verkehr mit Sigi zuhause geheim zu halten — es brauchte ja niemand davon zu wissen. Nun waren sie in der vierten Klasse und durften beide längst allein ihren Schulweg gehen. Da war's denn ganz gewöhnlich, dass der stramme Blondkopf den Arm unter den des schmächtigen, zarten Kollegen schob und ihn bis zur nächsten Strassenecke begleitete, ja, dass sie eine ganze Weile noch dort standen im eifrigsten Gespräch, bis alle anderen Schüler längst nach den verschiedenen Richtungen verschwunden waren, bis sie sich endlich zögernd trennten, um nun aber mit glühenden Wangen im Sturmschritt nach Hause zu eilen. Die wenigen Augenblicke aber schienen ihnen die köstlichsten des ganzen Tages. War etwas Besonderes in der Schule vorgefallen, so nahmen sie dann erst Stellung dazu; hatte der Lehrer irgend etwas Schönes und Interessantes erzählt, so erhielt das erst den rechten Wert, wenn sie darüber gesprochen hatten. Leise spielten auch schon die grossen Tagesereignisse, von denen sie hörten, in ihre Unterhaltung herein. Aber das Schönste war es doch noch immer, dass man sich so ganz geheime Gedanken und Wünsche und Träume gegenseitig anvertrauen konnte, dass es war, als hätten sie beide gleichsam ein ganzes unsichtbares Reich für sich, von dem niemand eine Ahnung hatte. Zu Hause hatten sie dann freilich so viel nachzudenken über das, was sie miteinander gesprochen und verhandelt hatten, dass sie meist still und verschlossen schienen, und besonders Hansens Eltern sich wunderten, was aus ihrem lebhaften, heiteren Jungen geworden war» Nun war einmal ein grosses Wohltätigkeitsfest im Stadtpark und Hans war von sein er Mama dahin mitgenommen worden. Sie gingen in einer grösseren Gesellschaft, in der Hans auch einige Altersgenossen hatte, mit denen er sich unterhalten sollte. Er hatte aber gerade seinen nachdenklichen Tag und das Gerede der anderen passte ihm nicht. So ging er mit einem etwas überlegenen Gesichtsausdruck still neben seiner grossen, schönen Mama einher. Plötzlich hörte er seinen Namen neben sich rufen, und als er sich umwandte, stand der Freund vor ihm und streckte ihm die Hand entgegen : „Du, das ist gescheit, dass du da bist, ich muss dir was sagen." Hans war die helle Röte ins Gesicht gestiegen und einen Augenblick schien es, als zögerte er, die ausgestreckte Hand zu ergreifen. Dann aber schlug er herzhaft ein. Mochten sie zanken, er konnte nicht anders. Und schob wie sonst seinen Arm unter den des Freundes. In dem Augenblick aber wandte sich seine Mama um und mit einem scharfen: „Hans, bleib' da neben mir!" rief sie ihn zurück an ihre Seite. Nun musste er den andern im Stich lassen und richtig empfing ihn auch dort die vorausgeahnte Strafpredigt: ,Ist das dein bester Freund? Wenn du dich unterhalten willst, geh' mit den Kindern da, die viel eher zu dir passen!" Auf der Bank, an der sie eben vorübergingen, sass eine kleine, zarte Frau, mit durchsichtig blassem Gesieht und krausem, dunklen Haar. Sie hatte die ganze Szene mitangesehen und ein bitteres Lächeln kam einen Augenblick auf ihre Lippen. Jetzt kam der kleine Sigi auf sie zu. „Komme her" sagte sie, und zog ihn neben sich auf die Bank nieder, „komm' ich will dir einmal was sagen". Und nan erzählte sie ihm die lange, traurige Geschichte von dem alten Hass und Kampf gegen ihr Volk. „Aber Hans ist nicht so lu sagte er hartnäckig immer wieder, als sie schliesslich verlangte, er solle nicht mehr mit dem Freunde gehen. „Ja, Hans ist nicht so, und du sollst ja nicht böse auf ihn sein", sagte sie mild, „aber Hans wird von seinen Eltern gescholten, wenn er mit dir geht." Das wirkte. Noch wusste er freilich nicht, wie er es anfangen sollte, ohne dem Freund weh zu tun. Aber die Mutter wusste Rat. Er sah doch schon lange nicht mehr zur Tafel von seinem Platz aus, den er dem Freund zu lieb nicht hatte aufgeben wollen; sie würde dem Lehrer schreiben, er möge ihn seiner schwachen Augen wegen versetzen. Und am nächsten Morgen, vor der ersten Stunde, legte Sigi eine Karte seiner Mama vor den Lehrer hin ud dann wurde er um vier Bänke nach vorn versetzt. Er hatte dem Freund nichts davon sagen können — es würgte ihn in der Kehle, dass

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