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Die Welt · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr; 1 „Die & w^it Seite 11 Erzprotz Schminkeies in die Lächerlichkeit seines Antisemitismus. Die Dummheit ist — leider! — nur allzu menschlich aber wann sie von diamantenfunkelnden „Händen" geredet wird (um mit Herrn stud. jur. Schminkeies jun. geistreich zu sprechen), so ist sie ungemein gefährlich. Sie hatz. B. eine Art psychopatischen „ Schuldigkeitsgefühls" in die Massen der armen Juden getragen, die ehrlich arbeiten, aber jeden nichtsnutzigen Goldsackerben verehren. Nur der, der diesen akynetischen Seelenzustand zu beobachten Gelegenheit hatte und sich über die schauderhaften Folgen, welche er auf die psychische Entwicklung des jüdischen Volkes haben musste, im klaren ist, kann die grosse Bedeutung des modernen Herzl'schen Zionismus richtig beurteilen. In Bukarest ist M. C. A. oder A. A. R. (Äliantza antisemite romana) dieser Tage gesperrt worden. Der berühmte Antisemitenhäuptling und Faktotum des A. A, R. Nae. Dumitresku kommt nächstens vor die Geschwornnen als Defraudant etc. Hunderttausende von armen Popen und Dorfschullehrern gesammelte Franks hat der Judenverdammer, lg r and pretre des rumänischen Antisemitmus Nae. verottert und verlumpt. Die Möbel des A. A. R. wurden vor kurzem verkauft, lyrische jüdische Gemüter wollten gerade in Lobesbymnen ausbrechen, als die offizielle „V o i n t z a Natzionala"und andere rumänische Regierungszeitungen, die Tätigkeit des M. C. A. in ihren Wirkungskreis übernahmen. (Seit einiger Zeit nämlich betreiben die Regierungsblätter eine antisemitische Hetze, deren Zweck wir gar nicht herausfinden können. Es wird sicherlich irgend eine Politik dahinter stecken; fühlen sich die Liberalen nicht mehr regierungsfest, und bereiten sie sich damit einen ehrenvollen Rückzug vor, oder benützen sie den Antisemitismus als Tonikum gegen die interne Auszehrung? Die Herren vergessen aber, dass der Regierungsantisemitismus jetzt viel gefährlicher ist als sonst. Kischenew liegt einige Stunden weit von Jassy und ist den Herrn Jungliberalen die jetzt die „VointzaNatzionala" leiten (zum Liberalismus bekehrte Sozialdemokraten) ein Kischenew erwünscht?) Die Möbel des A. A. R. bilden nicht die Grundlagen des rumänischen Antisemitismus, wie auch nicht die „Charakterdefekte" der zahlungsunfähigen Juden. So lange man in Rumänien mit dem Antisemitismus Geld sammeln kann, so lange werden sich immer von neuem A. A. R. und M. C. A. gründen. Ueberalljwohin ein vekaufter Sessel der A. A. R. gelangen wird, wird ein spekulativer Antisemit darauf zusitzen kommen, der neue Systeme der Judenverfolgung resp, Gelderpressucg erfinden wird. * I) Die jüdischen Handwerker. In. einer Statistik des rumänischen Domänenministers, welche vor Kurzem veröffentlicht worden ist, finden wir angegeben : Rumänische Handwerker (in ganz Rumänien) 112 000 Jüdische „ „ „ „ 20.000 Wenn man die Zahl der rumänischen Juden nach der Statistik des Ministeriums des Innern auf 250.000 schätzt, so haben wir über 10% jüdischer gegenüber 2% rumänischer Handwerker. Aber diese Handwerkerstatistik wird selbst von den Rumänen nicht ernst genommen. So schreibt der regierungsfreundliche Herr G. Panu in seiner für die Verteidigung der rumänischen Politik in der Judenfrage herausgegebenen Brochüre (Campanie contra tarü), dass sie „phantastisch ist" und die Wäscherinnen, Flösser etc. zu den rumänischen Handwerkern rechnet. Der genannte Autor behauptet — notabene in einem tendenziösen, rumänischnationalen Büchlein —- dass in der Moldau jetzt schon halb so viele rumänische Handwerker als jüdische sind. Vor 00 Jahren waren die Juden nahezu die alleinigen Handwerker (G. Panu loc. cit.) Die Juden üben alle Handwerke aus, die anstrengendsten, wie die kunstreichsten. „Wer noch im Zweifel ist, ob die Juden die schwersten Handwerke ausüben können, der mache eine Reise nach Rumänien und wird seinen Zweifel verlierentf schreibt Major Gordon, der vor einigen Monaten in Rumänien die rumänische Juden frage studiert hat, in seinem der englischen A.-J.-Kommission vorgelegten Bericht. Die Juden sind Schneider, Spengler, Schuster, Hutmacher, Fell- und Pelzarbeiter, Rosshaararbeiter, Tischler, Drechsler, Maurer, Dachdecker, Mechaniker, Schlosser, Glaser, Fassbinder, Buchmacher etc. etc. Major Gordon führt in seinem Berichte aus, wie seltsam es sich ausnehme, jüdische Dachdecker eine Kirche deckend und dabei jüdische, traurige, von unsagbaren, ausgestandenen Leiden erzählende Melodien singend, in Rumänien zu sehen! Wie diese jüdischen Arbeiter zu kämpfen haben, werde ich sofort berichten, ich will jetzt nur auf eine Bemerkung des Herrn Chamberlain in seinem Artikel gegen die rumänischen Juden (loc. cit.) eingehen, weil sie typisch ist. Es ist das Argument, dass die Juden durch Schundarbeit und Pofelware die einheimische alte und ehrliche Industrie zugrunderichten. Als Beweis führt Herr Chamberlain England an, wo die eingewanderten jüdischen Kaufleute durch Schwindelkrida und Sohwindelware die einheimischen Kaufleute ruiniert hätten. Ich kann mit gutem Rechte nur von den rumänischen Juden reden und will hier die Aeusserung eines dem Bestechungsverdacht nicht unterworfenen Augenzeugen anführen; ich meine den rumänischen Minister P. P. Carp. Vor 28 Jahren noch, im Jahre 1875, als die jüdische Präge zum erstenMal brennend wurde, sagte der damalige Unterrichtsminister Herr P. P. Carp im rumänischen Abgeordnetenhause folgendes über die rumänische Judenfrage und die rumänischen Schwindeljuden. „Meine Herren, glaubt ihr, dass es möglich sei, die jüdische Frage durch Gesetze und Reglements zu regeln? . . . Nein, seit 8 Jahren kämpft man mit allen Mitteln der Repression (also doch Repression!) gegen die Juden, was habt ihr erreicht? Nichts, absolut garnichts! (Jetzt hat sich das schon gebessert! Die Repressalien haben doch ihre Wirkung erzielt: Die jüdischen Handwerker und Geschäftsleute sind endlich zu gründe gerichtet!) Wissen sie, wie man die Judenfrage lösen kann? Einmal gingen ich und einige Freunde aus einer Versammlung spät nachts nachhause. Vor einem jüdischen Hause sehen wir einen armen Juden um 3 Uhr Morgens arbeitend: ein echtes Rembrandtbild! Zur gleichen Zeit kamen aus einer in der Nähe sich befindenden Schänke drei rumänische Arbeiter, sie waren betrunken und sangen patriotische Lieder. Ich sagte zu meinen Freunden: D a s ist die jüdische Frage! Wollt ihr mit Erfolg gegen die Juden kämpfen? Seid so arbeitsam und sparsam wie es die Juden sind und wir werden nichts von ihnen zu befürchten haben. Die Lösung der Judenfrage ist die Arbeitskonkurrenz/ Das war vor 28 Jahren und Major Gordon schreibt jetzt: „Der jüdische Handwerker ist ein ausgezeichneter Handwerker, tüchtig**) und geschickt, hat aber wenig *) Die Behauptung dass die jüdischen Handwerker nicht so tüchtig wie die christlichen sind, ist, wie man sieht, tendenziös falsch. Sondern es wandern die jüdischen Handwerker aus, nicht weil sie unterlegen sind im Konkurrenzkampfe, sondern weil ihnen die Konkurrenzmöglichkeit gesetzlich und ungesetzlich genommen worden ist. Ich werde später zurückkommen auf diese „Konkurrenz K der rumänischen nachgewachsenen Handwerker. **) Der Herr Autor nennt die Unterdrückung der jüdischen Handwerker durch die angeführten Repressivmittel eine Selektion zwischen den tüchtigen und un tüchtigen Handwerkern.

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