Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 1 „bie # Weit" Seite 9 ja gar nicht planmässig vorbereitet, sie sind vielmehr aus einem weitaus harmloseren Anlass hervorgegangen, — aus Judenhass. Aber nicht nur dieser ausserordentlich lindernde Balsam wird den Juden als Ergebnis des Kischinewer Prozesses dargereicht, es ertönt aus dem Munde des öffentlichen Sachwalters noch eine zweite Hoffnungsbotschaft: Eines Tages wird der Judenhass schwinden, vorläufig ist aber „die Antipathie eine sehr mächtige, tief wurzelnde." Die Juden werden also auch vorläufig, d. i. in den nächsten Jahrzehnten, bei allfälligen Exzessen den unendlich wertvollen Trost haben, dass die Ausschreitungen nicht in irgendwelchen abseits liegenden Motiven ihren Ursprung haben, sondern lediglich im Judenhass. Da also der Judenhass gewissermassen als Entlastungsgrund hingestellt wird, so ist wohl die Bemerkung gestattet, dass das gleiche entlastende .Argument übrigens auch dann geltend gemacht werden könnte, wenn eine vorbedachte Organisation der Exzesse zugegeben würde. Denn man darf mit gutem Recht behaupten, dass auch die hypothetischen „geistigen11 Arrangeure der Mordtaten „nur* von Judenhass inspiriert waren, als sie zur Erprobung irgend eines Experimentes, just den Juden die Rolle von Versuchstieren verliehen. Es ist daher ersichtlich, — wenn schon spitzfindig theoretisiert werden soll — dass der vom Kischinewer Staatsanwalt aufgestellte Gegensatz zwischen planmässiger Organisation und Judenhass nicht aufrecht erhalten werden kann. Wenn schon spitzfindig theoretisiert werden soll! Das ist ja das bittere Satirspiel nach der Tragödie. Auf die Tage von Kischinew folgt eine Gerichtsverhandlung, in der mit pilpulistischer Dialektik des Langen und Breiten das Grundproblem behandelt wird, ob ein Bandit zur VerÜbung von Mordtaten einer „höheren" geistigen Anregung bedarf, oder ob er aus der Tiefe seines eigenen Gemütes die nötige Begeisterung zu schöpfen vermag. Und der letzte Verhandlungstag bringt dann das kostbare Endglied der rechtsphilosophischen Untersuchung: Die Aufstellung des prinzipiellen Gegensatzes zwischen „Organisation" und „Judenhass". Und als Schlussakkord reiht sich ein Urteil an, das sich folgerichtig mit zwei höchsten Sträfsätzen — Zwangsarbeit zu je sieben und fünf Jahren — begnügt. Ob wohl der unglückliche Vater des ermordeten jungen Baranowitsch die Bereicherung seiner rechtsphilosophischen Kenntnisse, die ihm aus dem Prozesse zufliesst, in genügendem Masse zu schätzen versteht! r. Nordamerika und die russische Judenfrage. Aus Washington kabelt der Korrespondent der „Morning Post": Wenn es ein erneutes Judenmassacre gebe, so würden die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Amerika so gespannt, dass ihr Abbruch möglich sei. Die amerikanischen Juden sind fest überzeugt, dass einneuer Angriff auf ihre Glaubensgenossen in Kischenew bevorstehe, und petitionierten bei R o p s e v e 11, dass er die Greuel durch Vorstellungen zu verhindern suche. Die amerikanischen Konsuln an den verschiedenen russischen Plätzen sind zur Berichterstattung aufgefordert worden. Präsident Roosevelt hat sich bis jetzt noch nicht zu aktiven Massnahmen veranlasst gesehen, weil noch kein Ausbruch erfolgte. Aber die Juden steilen für den Fall Jedweder weiteren Ausschreitung eine derartige Aufwallung der öffentlichen Meinung in Aussicht, dass der Präsident drastisen eingreifen müsste. Das Kabinett befasste sich in ausserordentlicher Sitzung mit der Judenfrage, und der britischen Regierung wird mitgeteilt werden, dass Amerika sich allen etwaigen Vorstellungen anschliessen wird. („Neue Freie Presse.") Dreyfus. Das Schicksal dieses Mannes erhält die Spannung der Juden wie sonst das Schicksal ganzer Völker. Wenn sonstwo der Judenhass stärker war als das Gesetz, so konstatierten die Juden die Beschränktheit bäuerlicher Richter und trösteten sich. Paris aber ist das Herz der Kultur. Die Franzosen sind ritterlich und human. Das ganze bisschen Macht des Judentums arbeitete fieberhaft. Und dann doch dieser Sündenfall der Gerechtigkeit, weil es einein Juden galt. Der Marsch der Wahrheit für Dreyfus, den Zola so stolz ankündigte, wurde zu einem Bittgang in Ministerpalais und eine jämmerliche Gnade machte der Brutalität gegen einen Unschuldigen ein vorläufiges Ende. Einige wenige, die Freunde Dreyfus' sind, weil sie Feinde seiner klerikalen Feinde sind, haben derzeit die Affäre nochmals aufgerollt und. eine nochmalige Revision mit wahrscheinlich günstigem Ausgang durchgesetzt. Die Massen demonstrieren nicht mehr, der Antisemitismus hat sich ausgetobt. Er ist aber in Frankreich wie überall still und tief geworden. Eine starke Regierung kann es dort wie auch in Deutschland wagen, ihm ein einzelnes Opfer zu entreissen, noch dazu, wenn ihre Freunde es verlangen. Aber der Geist der Massen wird sich, wie überall, schadlos zu halten wissen. — Kachstehend die Meldungen: Paris, 24. Dezember. In der heutigen Sitzung der konsultativen Revisionskommission wurde die Verlesung des Referates Merciers fortgesetzt. Derselbe bietet eine sehr ausführliche Darstellung aller Phasen des Prozesses Dreyfus und begründet den Antrag, dem Revision s b e g e h r e n des Exkapitäns Dreyfus zuzustimmen, insbesondere mit folgenden drei neuen Tatsachen, welche im Sinne des Gesetzes als Revisionsgründe erscheinen: Erstens hat G r i b e 1 i n, der bekannte Archivar, ausgesagt, dass seine Zeugenaussage vor dem KriegsgerichtinRennes, in welcher er behauptete, er habe den Obersten Picquart im Kriegsministerium überrascht, wie er mit dem Advokaten L e b 1 o i s das geheime Dossier über die Brieftauben studierte, falsch gewesen sei. Picquart habe nur das administrative Brieftaubendossier vor sicli gehabt, wozu er berechtigt gewesen ist, da er den Rat eines Rechtskundigen über das administrative Dossier einholen musste. Oberst Henry habe Gribelin veranlasst, diese falsche Zeugenaussage abzugeben. Unter den in dem Gesetze aufgezählten Revisionsgründen findet sich an hervorragender Stelle angeführt: ,,Eine im früheren Verfahren abgegebene falsche Zeugenaussage.'4 Der zweite Revisionsgrund ist der Brief des verstorbenen deutschen Botschafters Fürsten Münster an Josef Reinach, in welchem Fürst Münster ausdrücklich erklärt, dass Schwartzkoppen ihm versichert habe, er sei mit W a 1 s i n - E.s t e r h a z y in Verbindung gestanden und habe Dreyfus niemals gekannt. Dieser „Brief" war zur Zeit des Prozesses in Rennes nicht bekannt; er erscheint also als das von dem Gesetze für eine Revision geforderte neue Beweisdokument, welches in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit ist, da auch das Kriegsgericht Dreyfus als Autor des Borderaus verurteilt hat. Der Kassationshof hatte zwar in dem früheren Verfahren festgestellt, dass Waisin.-Esterhazy das Borderau geschrieben und auf die in Betracht kommende Botschaft getragen habe. Aber nachdem das Kriegsgericht von Rennes gleichwohl Dreyfus wegen des Borderaus verurteilte, kommt der Brief des Fürsten Münster als neues Beweisstück, dass die M i 1 i t ä r r i c h t e r sich geirrt haben, in Betracht.