Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- Die Ansiedlung eines Volkes
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 8 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 8 „bis # weit Nr, 52 nicht so. Es handelt sich höchstens um Einrichtung der Unterkunft* Aber um die Neulinge zu beschäftigen, und zwar produktiv, braucht man nur ein paar Schaufeln, Hacken, Karste mehr. Man geht von extensiver zur intensiven Wirtschaft über. Man legt einen Teil des Getreidelandes in Kartoffelland um u. s. w. Die zweite Klippe, von der ich Ihnen sagte, dass an ihr die industrielle Produktivgenossenschaft gescheitert ist, ist der Kampf um den Absatz. Die industrielle Produktivgenossenschaft steht im Konkurrenzkampfe mit grossen Unternehmungen, die ihr durch Maschinen, durch Geschäftserfahrung ungeheuer überlegen sind. Sie trifft auf den wütendsten Konkurrenzkampf, sie ist ihm nicht gewachsen und je grösser sie wird, umso mehr wächst sie in den Kampf hinein. Ist sie klein, kann sie noch einen kleinen lokalen Markt erhalten. Je mehr Menschen sich aber zusammendrängen, umso grösser wird die Produktionsmasse und umso mehr ist man gezwungen, den grossen Markt aufzusuchen, den Kampf um den Absatz mit dem starken Konkurrenten aufzunehmen. Ganz anders in der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft. Da gibt es trotz Marx und Kautsky keinen Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Betrieben. Das beruht darauf, dass hier eine ganz andere Preisbildung besteht als in der Industrie. Hier bildet sich der Preis durch Unterbietung der Produzenten, dort aber in der Landwirtschaft durch Ueberbietung seitens der Kunden. Deswegen giebt es hier überhaupt keine Konkurrenz. Die Genossenschaft muss den Weltmarktpreis für Weltmarktprodukte akzeptieren, das ist alles. Aber auch das nur für den Anfang! Je mehr Genossen ihr beitreten, um so mehr wächst sie, gerade umgekehrt wie die industrielle Genossenschaft aus dem Konkurrenzkämpfe heraus. Je mehr Arbeiter, umso intensiver wird der Betrieb, und dieser geht mit Notwendigkeit an die Herstellung immer edlerer Produkte. Wenn ein dünn mit Arbeitern besiedeltes Gut Weizen oder Korn herstellt, so wird dasselbe Gut mit zehnfacher Anzahl von Arbeitern edle Gartengewächse, z. B. Spargel produzieren und Vorzugspreise für edlere Produkte beziehen. Die dritte Klippe ist der Kampf umdie Disziplin, u m dieArbeitsform. Auch hier herrscht der Gegensatz zwischen industrieller und landwirtschaftlicher Genossenschaft, von dem ich sprach. Je mehr eine industrielle Produktivgenossenschaft an Mitgliedern gewinnt, um so schwerer wird die Erhaltung einer Disziplin, Drei Schneider können gemütlich nebeneinander produzieren, indem der eine ausschliesslich Röcke, der andere Westen, der dritte Hosen macht, eine wesentlichere Schwierigkeit der Arbeitsordnung besteht da nicht. Wenn aber viele Arbeiter in einem Unternehmen beschäftigt sind, so müssen diese sich straff subordinieren und dies umsomehr, je zahlreicher sie sind. Diese Arbeiter, die Genossen, die Besitzer sind, müssen dem eigenen Angestellten, dem Leiter, gehorchen. Diesem Widerspruch vermögen sie sich auf die Dauer nicht anzupassen, dieses Problem ist nicht gelöst worden. Selbst wenn eine Genossenschaft alle Schwierigkeiten überwunden hatte, brach sie auseinander im Kampfe um die Arbeitsform. Auch dies liegt in.der Landwirtschaft gerade umgekehrt. Bei extensiven Betrieben, wenn im Verhältnis zum Lande wenig Arbeiter vorhanden sind, kann man Disziplin leicht einhalten. Die Schnitter arbeiten in Rotten wie militärische Kompagnien. Das wird schon beim Rüben- oder Kartoffelbau unmöglich. Und beim Einsammeln der Früchte kann man schon kaum anders wie im Akkordarbeiten. Jeder Arbeiter bekommt seine Reihe, seine Fläche. Bei einer noch intensiveren Form ist von Disziplin überhaupt keine Rede mehr. 150 Gärtner in einem grossen Garten werden immer mehr nebeneinander geordnet, sie arbeiten als Kunsthandwerker, während bei der Industrie die Entwicklung vom Kunsthandwerk zum Maschinenbetrieb geht, macht die Entwicklang in der Landwirtschaft den umgekehrten Weg. Das sind völlig polare Gegensätze. Nun ergibt überdies eine psychologische Analyse folgendes: Es gibt prinzipiell zwei Arten von Genossenschaften. Erstens solche, die Waren durch Kauf vom Markte nehmen und untereinander verteilen. Wo solche Genossenschaften gegründet sind, ist das Interesse jedes einzelnen mit dem der Gesamtheit identisch. Alle diese Genossenschaften, wie Konsumvereine, Kreditgenossenschaften u. s. w. sind ohne weitere Schwierigkeit immer geglückt. Das ist die harmonische Form. Die zweite Art der Genossenschaften, die disharmonische, sind diejenigen, welche im inneren Kreise Waren herstellen, um sie auf den Markt zu bringen. Sit sind zusammengesetzt worden aus den besten genossenschaftlichen Gruppen, aus den Pionnieren von Rochdale z. B. und sind doch auseinandergetreten, weil sie eben so organisiert sind, dass das Interesse des Einzelnen dem des Ganzen gegenübersteht. Nun ergibt eine Analyse der beiden Formen der Produktivgenossenschaften, dass die industrielle eine disharmonische, die landwirtschaftliche eine typisch-harmonische ist, so dass man also von ihr dasselbe Gedeihen erwarten kann, wie bei dem Konsumverein, der in allen Ländern, in allen Klimaten, bei allen Temperamenten, bei Sozialisten und Feudalen, bei Anarchisten und Monarchisten, bei Liberalen und Klerikalen immer gediehen ist. Zum Glück bin ich in der Lage, mich für diese theoretische Behauptung auf praktische Erfahrungen berufen zu können. Wohl ist bis jetzt jede industrielle Produktivgenossenschaft zugrunde gegangen, entweder im eigentlichen Sinne des Wortes oder kapitalistisch degeneriert. Aber umgekehrt, jeder mir bekannt gewordene Fall von landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften, oder ihr nahestehenden Formen sind bis jetzt geglückt. Es finden sich da Dinge, die so fabelhaft sind und die für die geltende wirtschaftliche Auffassung, sowohl der Universitätsoekonomie, wie der proletarischen so unerklärbar sind, dass sie in dem staubigen Winkel verschwunden sind. Man spricht nicht gern von ihnen. Die wunderbarste Leistung stellt das irische Gut Rahaline dar. Versetzen sie sich mit mir in die Zeit von 1827 bis 1830 und nach Irland. Das Land war überbevölkert für seine Verfassung, der irische Ackerbauer lebte in der unglücklichsten Not: Es herrschte ein unseliges System von Zwischenpächtern. Für einen Acker Kartoffelland zahlte man bis acht Pfund Sterling Jahrespacht. Die Leute lebten im bittersten Elend. Es entstanden Kartoffelkrankheiten, Cholera etc. und die Leute starben zu Tausenden dahin. Da kam es zu einer der seltenen Erscheinungen, dass ein ganzes Volk den Druck nicht mehr ertragen konnte. Nicht nur einzelne Hitzköpfe, sondern das ganze Volk ist aufgestanden. Es war kein organisierter Aufstand, aber wo die Polizei nicht war, loderten Gutshäuser in die Höhe, knallten Büchsen aus dem Hinterhalt: die ganze Insel glich einem siedenden