Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- Die Ansiedlung eines Volkes
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 „biS # W?ltff Seite 7 und Hausierer auf ein Ackerstück setzen und sagen: So, nun schaut, wie ihr damit fertig werdet. Wir haben ausser dem Kolonisationswerk noch etwas anderes zu leisten, ein Erziehungswerk. Wir müssen diese Tausende und Hunderttausende, die wir hineinzuziehen hoffen, fürs Leben erziehen. Dazu gibt es nach meiner festen Ueberzeugung kein anderes Mittel als Ansiedlung im genossenschaftlichen Verbände, und zwar zunächst die Ansiedlung im wesentlichen, abgesehen von einzelnen Detailbetrieben, im Grossbetriebe der Genossenschaft, in einem Grossbetriebe, der bestimmt ist, allmählich zu einer Genossenschaft von Kleinbesitzern entwickelt zu werden. Was ich also empfehle, dass klingt sehr stark nach gewissen Bestrebungen, denen der Zionismus im allgemeinen feindlich gegenübersteht, Was ich empfehle, ist für den Anfang mindestens das, was man in unseren Kreisen mit Verachtung und Spott als Kleinkolonisation von sich weist. Trotzdem glaube ich, dass die besten Zionisten mit mir übereinstimmen werden, wenn ich ihnen den Sinn dessen, was ich damit sagen will, auseinandersetze : Kleinkolonisation als Endzweck halte ich für ein lächerliches Beginnen. Das, um was es sich hier handelt, ist eine gewaltige soziale Frage. Wenn nun jemand einer solchen, der grössten Not von acht bis neun Millionen Menschen zu Leibe gehen will damit, dass er ein paar hundert Menschen herausnimmt und im besten Falle wohlhabende Bauern aus ihnen macht, so ist er ein Wohltäter, aber als Politiker ist er nicht zu rechnen. Sein ganzes Beginnen ist eitel. Für uns alle, die wir nicht nur Philanthropen sind, die wir es nicht sein wollen, sondern die wir dem sozialen Uebel an die Wurzel gehen wollen, für uns ist die Philanthropie nichts anderes als ein Betäubungsmittel des schlechten Gewissens. Wir sehen keinen Zweck, wenn jemand aus einer grossen Menschenmasse ein paar Leute herausnimmt und besser stellt. Es ist kein Zweck, wenn jemand aus 100.000 Fabrikarbeitern 20 herausnimmt und sie in einer Produktivgenossenschaft zu wohlhabenden Meistern macht. Wir sehen nicht auf die 20 Wohlhabenden, sondern auf die 999.980 Elenden, die im Lande geblieben sind. Diese Philanthropie, die im kleinen herumpfuscht, ist uns lächerlich. Es ist gerade so, wie wenn einer in den Wienfluss, von dessen Übeln Eigenschaften ich mich während meines ersten Aufenthaltes in Wien zu überzeugen Gelegenheit hatte, eine Flasche Eau de Gologne hineingiessen würde. In diesem Sinne wird mir nicht einfallen, die Kleinkolonisation zu empfehlen. Ich bedauere, dass Mittel, welche grösseren Zwecken dienen könnten, in dieser V/ eise zersplittert werden. Aber zum Zwecke der Grosskolonisation gedacht, entweder als Experiment, um vor dem grossen Werke herauszubekommen, welche Art der Gliederung, welche Art des Betriebes, welche Art der landwirtschaftlichen Technik ist für unseren speziellen Fall am besten, aussichtsreichsten, in diesem Sinne, als experimentelle Kleinkolonisation, wird sie jeder Zionist unterstützen müssen. Ebenso wenn man sie auffasstals Legung der ersten Fundamente, als Festlegung der ersten Richtpunkte für eine alsbald folgende Grosskolonisation. Diese Kolonisation, die ihre ersten Versuche beginnen muss — denn keine menschliche Organisationskraft ist imstande, Hunderttausende von Menschen in ein Land hineinzubringen und Ordnung zu schaffen — diese soll nach meiner Meinung genossenschaftlich sein und kann nicht anders sein, als genossenschaftlich. Den Anfang soll nach meiner Ueberzeugung die landwirtschaftliche Arbeiter - Produktivgenossenschaft bilden. Es gibt unter Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herrn, vielleicht eine Anzahl von sozialpolitisch Geschulteren, denen sofort bei diesen Worten all das Fiasko, die unzähligen Misserfolge einfallen, welche der Gedanke der Produktivgenossenschaft erlitten hat. In der Tat sind von hunderten von Versuchen, die in Frankreich von Bouche und Proudhon, die in England von den christlichen Sozialisten, die dort eine ganz andere Bedeutung haben als in Wien, — es sind dies Männer, frei von jedem Klassen- und Rassenhass, aufopferungsvolle, edle Menschen — die in Deutschland, Amerika u. s. w. von wahren Fortschrittsfreunden gemacht wurden alle — diese Versuche sind ohne eine einzige Ausnahme gescheitert und zwar gescheitert in einem doppelten Sinne. Sagen wir 95%, mässig gerechnet, sind überhaupt zerbrochen, sind gescheitert im Kampfe ums Dasein, sind nicht über den ersten Anfang hinausgekommen, sind gescheitert im Kampfe um den Kredit, den Absatz und die Arbeitsform. 5°/0 sind zur Blüte gekommen, und diese haben aufgehört, Genossenschaften zu sein im volkswirtschaftlichem Sinne. Die demokratisch wirtschaftliche Form haben alle Arbeiter-Produktivgenossenschaften aufgegeben. Sie haben sich entweder verwandelt in kleine Unternehmungen oder sie haben sich verwandelt in Aktiengesellschaften, in denen eine grosse Anzahl von kleinen Aktionären ein paar Lohnarbeiter exploitierten. Die reine Arbeiter-Produktivgenossenschaft hat niemals Bestand gehabt und sie kann niemals Bestand haben. Die Gründe, die ich in meinem Buche über die Siedlungsgenossenschaften entwickelt habe, will ich hier nicht auseinandersetzen. Das würde mich in die tiefsten Probleme hineinführen. Und nun komme ich und empfehle Ihnen als Lösung einer sozialen Frage dennoch die Arbeiter- Produktivgenossenschaft. Wie kann ich das tun P Aus dem Grunde, weil alle die geschilderten Versuche die gescheitert sind, industrielle Arbeiter-Produktivgenossenschaften sind; unser Versuch betrifft jedoch die landwirtschaftlichen. Und es lässt sich erhärten, dass diese beiden Dinge, obgleich sie denselben Namen tragen, obgleich sie dieselben Absichten haben, doch Antipoden sind. Dieser Gegensatz zeigt sich schon bei der Gründung. Die industrielle Arbeiter-Produktivgenossenschaft braucht bei der Gründung Personalkredit zur Errichtung der Werkstätten, zur Anschaffung der Werkzeuge und der Rohmaterialien. Sie braucht einen Personalkredit, der ihr gewährt werden soll auf eine zweifelhafte Unternehmung hin, die fremd und unerfahren in den Konkurrenzkampf der Grossindustrie hineingeworfen werden soll, deren Chancen noch geringer sind als die eines Privatunternehmers. Und wir wissen, dass von 100 Privatunternehmern 80 zugrunde gehen. Sie werden begreifen, dass für diesen Konkurrenzkampf die industrielle Produktivgenossenschaft nur schwer und teuer Personalkredit erhält. Die landwirtschaftliche Produktivgenossenschaft dagegen braucht nur Realkredit. Sie braucht ein Stück Land mit den nötigen Gebäuden zu ihrer Verfügung, ein Stück Land, dessen Wert durch die H)< potheken gesichert ist. Sie braucht keinen Kredit, der gefährdet ist. Denselben Unterschied finden wir bei der Frage des Erweiterungskredites. Sobald eine industrielle Produktivgenossenschaft neue Mitglieder gewinnt, muss sie die Werkstätten erweitern, neue Werkzeuge, neues Rohmaterial u. s. w. anschaffen. Sie braucht also Erweiterungskredit. Bei der landwirtschaftlichen ist das