Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- Die Ansiedlung eines Volkes
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bie * weit" ■Nr. 52 welchem Nahrung in genügender Menge gedeiht und das genügend gross ist, und geben Sie ihm Unterkunft und Nahrung bis zur ersten Ernte, so wird dieses Volk in kurzer Zeit die Blüte des Landes, aus dem es durch ein Zaubermittel versetzt worden ist, erreicht haben. Denn der Reichtum eines Volkes, das wissen wir wohl, beruht nicht in dem, was von vergangener Arbeit aufgespeichert ist, nicht in den aufgespeicherten Kapitalsgütern der Vergangenheit, sondern in der Kraft der gegenwärtigen Arbeit. Je zahlreicher ein Volk ist, je mehr es sich in die Arbeit teilen kann, desto ergiebiger ist seine Arbeit. Dagegen wird das Volk, das Land, aus dem sich das Volk wie durch einen Zaubeispruch entfernt hat, auf die bitterste Armut herabsinken. Denn vergangene Arbeit hat nur Wert, wenn gegenwärtige Arbeit, der einzige Wertbildner, sie befruchtet. Und so wäre denn die Ansiedlung eines Volkes ein verhältnismässig leichtes Spiel, ausführbar mit verhältnismässig geringem Kapital, mit verhältnismässig geringer Aufwendung von Mühe und Arbeit — im Verhältnis nämlich zu dem Riesenwerke — wenn ein Volk vorhanden wäre und wenn ein Land vorhanden wäre. Wenn eines von diesen beiden Requisiten fehlt, so steigt die Schwierigkeit ins Ungeheure. Und, meine sehr verehrten Damen und Herrn, das Werk, das der Zionismus sich zu leisten vorgenommen hat, ist das schwerste von allen, denn es entbehrt beider Faktoren: Es ist kein Volk vorhanden und es ist kein Land vorhanden. Darum ist die Aufgabe von einer Schwierigkeit, die die Welt noch nicht gekannt hat Ich sage, es ist kein Volk vorhanden. Damit will bch nicht sagen, dass die Juden, über alle Welt vertreut, nicht noch eine Nation bilden. Als eine Nation mag man sie auffassen, als Abkömmlinge gleicher Vorfahren, als Träger derselben Religion, derselben sittlichen Anschauung und vor allen Dingen zusammengehalten durch dasselbe soziale Leid, durch dieselbe Not des Golus. Das bildet schon eine Nation. Aber unter einem Volk verstehen wir eine Nation, die auf eigenem Grund und Bo'den festgewurzelt ist. Und das sind die Juden nicht. Was wir brauchen, was zu allererst die Grundlage jedes möglichen Volkstums auf neuem Boden ausmacht, das ist die Faust des Bauern, der Ackerbau. Erst auf der Grundlage des Ackerbaues kann alle höhere Kultur erblühen und das Volk, das wir übersiedeln sollen aus grauenhaftem Elend, aus zermalmender Not, hat nur zum allerwenigsten Bauern. Umso mehr aber arme, elende, durch den immerwährenden Druck auch körperlich herabgekommene Handwerker und Händler. Und wir haben auch kein Land. Wir hoffen ein Land zu bekommen, ein Land, in dem diese jämmerlichste Menschenmasse der Weltgeschichte wieder zu neuem Leben aufblühen kann, in dem die verdorrte Wurzel dieser Nation wieder mit der Bodenfeuchtigkeit in Berührung kommen wird um den verdorrten Zweigen, dem vertrockneten Stamm neue Säfte zuzuführen. Aber wir haben auch hier im günstigsten Falle mit der grossen, grossen Schwierigkeit zu kämpfen, dass dieses Land klein sein wird, sehr klein für die furchtbare Menge von Not, die wir zu erlösen haben, für die ungeheure Anzahl duldender Menschen, denen wir eine neue Heimat bereiten wollen. Wir haben also weder Volk noch Land und trotzdem stellt sich uns die Aufgabe mit aller gebieterischen Kraft. Wir müssen versuchen, dieser Schwierigkeit Herr zu werden. Warum müssen wir es versuchen? Weil diese armen Menschen nicht warten können, weil wir nicht warten können, bis sie totgeschlagen, niedergemetzelt und im Schmutz und Kot, auch im sittlichen Sinne, völlig zugrunde gegangen sind. Daher müssen wir alle Kraft daran setzen, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen, das scheinbar Undurchführbare durchzuführen. Gewiss, wäre der Zustand dieser Enterbten, die nicht nur wie der russische Bauer vom Hunger und von der Bureaukratie, sondern auch vom Antisemitismus erdrückt werden, wäre deren Schicksal so, dass man sagen könnte, sie werden sich erhalten bis auf bessere Zeiten, so dürfte man warten. Denn es kann kein Zweifel sein, dass das Licht, das dämmernd, doch sichtbar im Westen aufgegangen ist, auch den dunklen Osten wird erhellen müssen. Es ist kein Zweifel, dass, wenn einmal in ferner Zukunft, vielleicht in gar nicht zu ferner Zukunft auch im russischen Reich, auch in Rumänien, im ganzen Halbasien, wenn da einmal der soziale Gedanke segensreich vorgedrungen sein würde, damit auch die Not der Juden ihr Ende erreicht haben wird. Doch darauf können die armseligen Menschen nicht warten, und deswegen müssen wir sie .erlösen, sie in ein Land führen, in dem sie besseren Zeiten entgegensehen können. Das ist die Aufgabe des Zionismus, wie ich sie verstehe. Nun ich sagte schon, wir brauchen als Grundlage jedes neuen Volkstums Ackerbau. Wir müssen im Ackerbau die Fundamente des Gebäudes errichten, um darauf die oberen Stockwerke, Gewerbe, Handel und geistige Kultur, aufrichten zu können. Und zum Glück gibt es ja für die Absteckung der ersten Fundamente genügend Kräfte im Osten. Es gibt ein paar Hunderttausend jüdische Ackerbauer und unter den Bergarbeitern gibt es auch genügend rüstige Elemente, denen man die schweren Arbeiten des Landbaus zumuten kann. Mit diesen Elementen, denke ich, wird die Organisation beginnen müssen. Ich Föchte das Bild wiederholen, mit dem ich meinen Vortrag in Basel begonnen habe. Die ersten Kolonien, das sollen die Haken sein, die wir einschlagen. Zwischen diesen sollen^ wir die Stricke spannen, Kolonien, die schon mit einander in Verbindung sind, auch diese wahrscheinlich noch aus Ackerbauern eingerichtet. In diesem grobmaschigen Netz sollen wir die besten Elemente der Handwerker als Ackerbauer einsetzen. So müssen wir langsam vorwärtsschreiten; das ist der einzige Weg. Jede andere Art der Kolonisation als die der Bauernkolonisation ist von vorneherein ausgeschlossen. Stellen wir uns vor, dass man versuchen wollte, ein Plantagensystem einzuführen, so müsste es unmöglich sein, weil ein solches für nur wenige Menschen Möglichkeiten bietet und Palästina hiezu viel zu klein ist. Aber die Latifundien treiben auch die Menschen geradezu vom Lande fort. Der Latifundienbesitzer gleicht dem Löwen, aus dessen Nähe alles vom Lande flieht. Wollten wir auch all das Elend der Sklavenhändler ins neue Land übertragen, wir müssten es aufgeben, weil ein Land wie Palästina für nur tausende Menschen Platz hätte, während wir hunderttausende anzusiedeln berufen sind. Dasselbe gilt auch für Grossbauern. Auch der Grossbauer frisst noch zuviel Land; uns aber stellt man keinen Erdteil zur Verfügung. So werden wir ohne weiteres hingewiesen auf Kleinbauernkolonisation. Wie soll nun diese vor sich gehen? Denken Sie an die Schwierigkeit, der wir gegenüberstehen! Wir können und dürfen nicht Menshen, die bisher die Nadel geführt haben, ins Leben hineinstellen und sie schuldig werden lassen. Wir können nicht Schneider, Schuhmacher