Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Die Rückkehr von Jerusalem [Rezension]
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 „bie $ weit Seite 13 An der Meinung der Welt liegt ihr nichts. Bekanntlich denken die jüdischen Bänkerstöchter, die gesellschaftlichen Ehrgeiz haben, immer so. Michels Schwester, Frau Daincourt, die sich nicht scheut, ihre Schwägerin zur linken Hand im neuen Heim zu besuchen, hat andere Ansichten, die sie Judith wohlgefällig auseinandersetzt. Sie hat mit ihrem Mann das Abkommen getroffen, dass beide nach Kräften die Ehe brechen, dabei aber treu beisammen bleiben. Einmal bewahrt man auf diese Weise .die gesellschaftliche Stellung und die Achtung der Welt, und dann ist es so bequem. Die grosse Schwierigkeit bei einem Verhältnis ist bekanntlich, loszukommen. Wenn Mann und Frau treu zusammenhalten, ist die Sache im Gegenteil kinderleicht. Sie sagt dem Anbeter, dessen sie satt geworden ist: „Mein Mann weiss alles, lebe wohl für immer!" Er sagt der Geliebten, von der er genug hat: ,,Meine Frau weiss alles, es muss geschieden sein/' und beide reichen einander im Hochgefühl der wieder errungenen Freiheit lächelnd die Hand. Donnay rühmt sich, unparteiisch zu sein. Deshalb hat er neben die verderbte Semitin den arischen Auswurf gestellt. Aber merkwürdig: Frau Daincourt bleibt ein einzelner Abschaum, und niemand, sei es im Stücke, sei es im Saale, sagt: „Ja. So sind diese Arierinnen/4 Judith dagegen ist nicht sie allein, sondern ihr ganzer Stamm, und wie im Stücke, so sagt im Saale jedermann: „Die richtige Jüdin! So sind sie eben alle." Zwischen dem ersten und dem zweiten Aufzuge sind einige Monate verstrichen, die Judith zu einer empfindsamen Reise nach Jerusalem benützt hat. Den armen Michel hat sie mitgeschleift. In der heiligen Stadt ist sie zur Klagemauer, dem letzten Reste des Tempels Salomonis, gewallfahrtet und hat dort alle Tränen ihrer schönen Seele ausgeweint. Sie hat dort Rudel polnischer Kaftanjuden gesehen, die mit ihr geschluchzt haben, und bei dem Anblick dieser Unglücklichen hat sie gefühlt, dass sie deren Schwester ist, und sich geschworen, der Förderung, der Erhöhung, der Verherrlichung ihrer verfolgten Brüder ihr ganzes Leben zu weihen. Bekanntlich trauern jüdische Bänkerstöchter um die Zerstörung Jerusalems und fühlen ihre Zusammengehörigkeit mit polnischen Kaftanjuden auf das stärkste. Michel ist im Besitze Judiths nicht glücklich. Er hat durch seine Schwester, durch seinen Oheim erfahren, dass seine verlassene Suzanne vor Schmerz beinahe gestorben ist. Darüber kommt er nicht hinweg. Auch nicht über die Trennung von seinen beiden Kindern. Judith freilich versteht das nicht. Wie soll eine Semitin solche edle Regungen verstehen! „Diese Reue, dieses Bangen,'4 sagt er ihr, „sind dir unbegreiflich . . . Dich hat man Selbstsucht und. Auflehnung gelehrt, dich hat man gelehrt, dass augenblickliche Befriedigung aller Gelüste um jeden Preis der einzige Lebenszweck ist. Mich hat man Pflicht, Selbstunterordnung, Entsagung und Opferfreude gelehrt.44 Die Semitin, die ganz Gehirn ist, die Leserin der Zioniden von Jehuda Halevy weiss darauf nur zu erwidern: „Die deinigen haben die Trauer und die Grübelei in die Welt gebracht. Wir wollen Tatfreudigkeit, Schönheit, Lust und Glück.44 Um ihn aus seiner Schwermut herauszureissen, stachelt sie ihn an, ehrgeizig zu sein. „Gib dir Mühe! Dränge dich vor! Mache dich geltend! Das gibt Befriedigung!44 Sie empfängt den Besuch des reichen Lazare Händelsohn. Er hat sie einst geliebt, Sie haben im Seebad zusammen tagelang Spinoza gelesen, bekanntlich die Lieblingsbeschäftigung jüdischer Millionärkreise. Sie hat ihn verschmäht, denn ihr Ehrgeiz bestand auf einen Adelstitel. Jetzt ist sie glücklich, ihn wiederzusehen. Er hat einen Menschenverbrüderungs- und Aufklärungsverein „Friede und Licht44 gegründet und ist gekommen, Michels Unterschrift für diesen Verein zu erbitten. Michel verweigert sie, denn die Seinen sind Mitglieder des Gegen Vereins. Daraus ergibt sich ein Streit mit Judith, die taktlos gegen Michels Blutsverwandte loszieht. Lazare Händelsohn ist der gute Jude des Stückes. Denn Donnay ist unparteiisch. Lazare Händelsohn sagt: „Wenn ich gewisse Juden sehe, möchte ich Antisemit werden.44 Lazare Händelsohn schwärmt für hohe Ideale. Und Lazare Händelsohn sagt im nächsten Akte: „Nimm mich!44 — „Unmöglich. Du bist zu lange bei den Fremden gewesen.44 Der „gute4* Jude des Stückes ist die einzige Gestalt, die einen Juden wirklich verletzen kann. Im dritten Aufzug sehen wir einen Abendempfang bei dem Freiehepaar. Judith umgibt sich in ihrem Salon ausschliesslich mit Juden. Das tun Jüdinnen, die sich durch die Taufe in die christliche Adelsgesellschaft einschleichen, bekanntlich immer. Diese Juden beschimpfen mit der ihnen eigenen Frechheit alles, was Michel heilig ist: das Vaterland, die Fahne, das Heer, die Kirche, das französische Volk. Schliesslich kann selbst diese Auster von einem Philosophen es nicht länger aushalten, und Michel wirft den vorlautesten seiner jüdischen Gäste, den jungen Vowenberg, vor der ganzen Gesellschaft zur Türe hinaus. Judith nimmt für Vowenberg Partei. Nun bricht der lang verhaltene Sturm los. Michel sprudelt alles heraus, was er gegen die Juden auf dem Herzen hat. Judith verteidigt ihre Rasse. „Wir sind überall die ersten.44 — „Nirgendwo. Nur im Geschäft. Und da nur, weil ihr bedenkenfrei seid." — „Wir sind ein grosses Volk.44 — „Ihr seid eine Bande.44 — „Wir haben Dichter, Künstler, Forscher.44 — Ihr habt gar nichts, ihr seid nur Hausierer mit fremden Gedanken.4' Judith verfällt in Nervenkrämpfe. Michel flüchtet sich auf sein Zimmer. Lazare Händelsohn und ein Arzt stehen ihr bei. Endlich kommt sie wieder zur Besinnung, und ihr erstes Wort ist, denselben Vowenberg, den Michel eben hinausgeworfen hat, dem einflussreichen Lazare Händelsohn dringend zu empfehlen, damit er ihn zum Sekretär eines neuen Ministers ernennen lasse. Im vierten Aufzug erscheint Frau Suzanne wieder auf der Bildfläche. Sie will sich von neuem verheiraten, ohne Liebe, nur um Ruhe zu finden. Sie kommt, Michel zu bitten, dass er ihr die Kinder lasse. Nach einer wehmütigen Auseinandersetzung, die in eine Klage um zwei gebrochene Leben ausläuft, geht er auf ihr Verlangen ein. Er hat jetzt die Frau, die Kinder, alles, was er liebte, endgiltig verloren. In dieser Stimmung muss er erfahren, dass Judith die Sekretärstellc beim neuen Minister, die er einem jungen Freunde verschaffen wollte, ihrem jungen Juden Vowenberg zugeschanzt hat. Dieser Tropfen macht das Gefäss überlaufen. Michel sagt Judith nochmals seine Meinung über die Juden — das kann man, im Hinblick auf den Zweck des Stückes, ja nicht oft genug tun; aber auch Judith hat es satt, und sie kündigt ihm an, dass sie ihn nicht liebt, nie geliebt hat, dass sie ihre Freiheit zurücknimmt und ihn verlässt. Das hat er nun davon, dass er einer Jüdin nachgelaufen ist. Der Vorhang fällt. Michel hat alles verloren, er hat keine Frau, er hat keine Kinder, er hat nicht einmal seine Jüdin. So waltet die Gerechtigkeit schön hienieden. Wer nur einigermassen im Schrifttum Bescheid weiss, der unterhält sich bei diesem Machwerk vorzüglich. Denn er sieht eine Harlekinsjacke vor sich, von deren jeglichem Lappen er auf den ersten Blick die 'Herkunft erkennt. Zuerst die Handlung, wenn ich so sagen darf. Der edle arische Künstler, den die semitische Circe betört und in eine ausschliesslich jüdische Umgebung hineinzerrt, in der alles Höhere in ihm untergeht, das ist der Maler Coriolis aus „Manette Salomon44 wn E. de Goncourt. Der Maler Coriolis, der in einem Augenblicke der Selbstbesinnung verzweifelt ausruft: „Das ganze Haus — youtre! youtre! youtres, die Dienstboten! youtre, die Frau! youtre, das Gör, youtre, mein Freund! youtre! alle, youtres! Nur ich noch nicht, youtre!44 Der Schwachkopf, der platonische Anregung braucht, der zu Hause erstickt, der nur im Luftkreis der Geliebten atmet, aber seiner treuen Gattin keinen Kummer bereiten möchte, das ist Vockerat aus Gerhart Hauptmanns „Einsamen Menschen44. Dann die Charaktere, oder was in dem Stück ihre Stelle einnimmt. Judith ist Hedda Gabler, mit einem schwachen Einschlag von Rebekka aus „Rosmersholm", im ganzen unver-