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Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Die Rückkehr von Jerusalem [Rezension]
Date
1903-12-18
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 flbie $ w^it" Nr. 51 vieler anderer Stücke, in denen er der Menge mehr oder minder geschickte Nachahmungen der Modeartikel bot, für die gerade Nachfrage bestand, hat sich nach seinen eigenen Normen entwickelt und ist ihnen mit schöner, schulgerechter Logik bis zum Schlüsse gefolgt. Das gewährt dem ästhetischen Sinn und dem Bedürfnis nach Folgerichtigkeit immer starke Befriedigung. Alle Wege führen nach Rom. Man kann auch von Montmartre über den Chat Noir an dieses Ziel gelangen. Maurice Donnay ist nun im Hauptquartier des wehrhaften Nationalismus angekommen, wenn auch einigermassen als Nachzügler, denn die Maurice Barres, die Paul Bourget, die Ferdinand Brunetiere ü. s. w. sind ihm in weitem Abstände voraufgegangen. Aber er sucht durch doppelten Eifer für sein Zögern und Säumen Nachsicht zu erlangen. Schliesslich ist er doch im besten Schaffensalter, und wenn seine jüngste Tat ihm so reichen Lohn einbringt, wie er wünscht und hoftt, so kann man von ihm noch manche Dienste für die gute Sache erwarten. Freilich, wenn er mit seinem antisemitischen Stücke nicht genug verdienen würde — aber das ist ja zum Glück ausgeschlossen. Wie alle Schriftsteller, die nur Erfolgstreber und sonst nichts sind, blickt Donnay, wenn er an die Arbeit geht, nicht in sich, sondern um sich. „Was mag der Bande wohl augenblicklich am besten gefallen?" fragt er sich sorgenvoll und lässt erst nach aufmerksamer Beobachtung der Windfahne seinen Drachen steigen. Er hat bemerkt, wozu in der Tat kein Scharfblick gehörte, dass in den Pariser Kreisen, die Logen und Sperrsitze kaufen, zur Zeit der Antisemitismus die beliebteste Ware ist. Er beeilte sich, seinen Verkaufsladen mit Antisemitismus vollzuräumen. Es war eine gute Spekulation. Er hat den gewünschten Zulauf. Dass er sich nicht anstrengte, seinen Kunden etwas Neues oder besonders Gutes zu bieten, darf ihm füglich nicht vorgeworfen werden. Donnay ist nicht so töricht, sich die Sache unnötig zu erschweren. Er folgt dem Gesetze des geringsten Kraftaufwandes. Er hält sich bequem an das bewährte antisemitische Schrifttum, das für ihn dichtet und denkt. In der Rückkehr von Jerusalem'* triumphiert die interessante und löbliche Industrie der Verwertung der Abfälle. Das Stück besteht nämlich von Anfang bis Ende aus verarbeitetem Kehricht, den die Müllkiste der „Libre Parole" dem anschlägigen Verfasser unentgeltlich geliefert hat. Das dramatische Gerüst des Stückes ist, wie wir gleich sehen werden, nicht einmal Schund; es ist noch weniger; seine ganze Bedeutung, sein ganzer Marktwert, um im Sinne Donnays zu sprechen, liegt im aufgetragenen Verputz aus dem Fegsei des antisemitischen Schrifttums. Die Gräfin Henriette de Chauzey ist bei den Aubriers zu Gaste, während ihr Gatte, Reserveoffizier, zu einer achtundzwanzigtägigen Uebüng eingezogen ist. Die Aubriers: eine urfranzösische aristokratische Familie; der Vater Ueberlieferungsmensch mit royalistischem Anflug; dessen Bruder, ein alter Hagestolz, äuserlich Voltairianer und ein wenig Anarchist, doch im Herzen besser — im Sinne des Herrn Pfarrers — als sein Schein; ein Sohn Berufsoffizier; eine Tochter, Frau Daincourf, Weltkind mit den unheiligsten Ansichten über Ehemoral; der andere Sohn, Michel Aubrier, grundstürzend freisinniger philosophischer Schriftsteller, Gatte einer reizenden und stark "fühlenden Frau und Vater zweier Kinder. Aus den Gesprächen der Familie und Äusserungen der Gräfin de Chauzey erfahren wir, was es mit dieser für Bewandtnis hat. Ihr eigentlicher Vorname ist nicht Henriette, sondern Judith. Sie ist nämlich eine getaufte Jüdin, die Tochter einer grossen Bänkers. Sie ist ein unheimlich gelehrtes Haus. Sie beherrscht sechs lebende Sprachen und Hebräisch. Die grossen jüdischen Bänker legen bekanntlich besonderen Wert darauf, dass ihre Töchter hebräisch können. Sie ist furchtbar klug, eigenartig, in ihren Anschauungen und Urteilen atemraubend unabhängig und scheinbar ganz Gehirn, nur Gehirn, bis wir aus ihrem eigenen Munde erfahren, dass es ihr auch an anderen, minder verständigen Organen durchaus nicht fehlt. Sie besitzt Universitätsdiplome, und durch diese ist sie sogar zu ihrem Manne gelangt. Auf dem Wege nach der Sorbonne begegnete sie ihm närniieh immer und wählte ihn zu ihrem Schulschatz. Bekanntlich lässt man in Paris in den reichen Familien die jungen Mädchen immer allein in die Schule und nach Hause gehen. Bei der schriftlichen Prüfung für das Baccalaureat, die sie mit Auszeichnung, er gerade" noch genügend bestand, machte sie ihm die Prüfungsarbeit. Verliebt war er schon in sie. Nun verlangte er auch ihre Hand. Sie heiratete ihn aus gesellschaftlichem Ehrgeiz. Sie wollte Gräfin sein. Zu diesem Behufe liess sie sich taufen. Aber schon als sie die Stufen der Madeleine hinabschritt, nahm sie sich vor, ihrem neuen Christentum zum Trotze, im Herzen ihre jüdischen Gefühle zu pflegen und fürder nur für ihre Rasse zu leben. Sie lässt sich lieber Judith als Henriette nennen, erteilt Michel Aubrier hebräischen Unterricht und liest mit ihm die Zioniden des Jehuda Halevy. Ihr Mann langweilt sie. Sie sieht mitleidig und geringschätzig auf ihn hiaiab. Sie weiss nicht, bei welchem Truppenteil er dient, und kann sich nicht erinnern, wie seine Uniform aussieht. Jüdische Bänkerstöchter, die Offiziere heiraten, haben bekanntlichnie das geringste Interesse für die Uniform. Wir merken schon, wie es mit Judith und Michel steht. Das erstemal, dass wir sie allein sehen, erhalten wir volle Klarheit. Die beiden duzen einander. Michel schreibt ihr leidenschaftliche Liebesbriefe. Sie haben Stelldichein in abgelegenen Pariser Strassen. Sie ist aber nicht seine Geliebte. Das Verhältnis ist bis jetzt platonisch geblieben. Zum grossen Missvergnügen Judiths, die Michel im verwegensten Putipharstil seine Kälte, seine Zaghaftigkeit vorwirft. In der Schilderung ihrer eigenen Gefühle ist sie von einer Deutlichkeit, die an Donnays gediegenste Leistungen in seiner tendenzlosen Pornogiaphenzeit erinnern. Michel verteidigt sich, ohne seine L ächerlichkeit wahrzunehmen, mit der Rücksicht auf seine Frau, die zu betrügen ihm widerstrebt. Judith spottet über diese Bedenken. Erste Pflicht des Menschen ist, sich auszuleben. Erstes Menschenrecht ist das Recht auf Glück. Rücksicht ist Schwäche. Sittliche Bedenken sind Feigheit. Und so weiter. Der tugendhafte Arier ist von der semitischen Seelenfängerin nicht zu überzeugen,., und sie verlässt ihn, denn die Stunde ihrer Abreise drängt, mit dem Lockrufe: „Auf Wiedersehen in Paris", nicht ohne auf dem Salontisch ihr Handtäschchen zurückzulassen, worin sie Michels Liebesbriefe aufbewahrt. Frauen, die ganz Gehirn 'sind, handeln bekanntlich immer so, wenigstens wenn sie in Scribe bewandert sind, und wissen, dass ohne ihre wunderliche Zerstreutheit das Stück nicht möglich ist. Kaum ist Judith gegangen, da tritt Michels Gattin, die stolze Suzanne, ein. Sie ist schon, lange eifersüchtig. Sie wirft ihm vor, dass er mit Judith immer allein zu sein suchte. Er verteidigt sich bänglich. Sie rege ihn an. Bei Judich atme er in einem anderen Luftkreis. Sie öffne ihm ein Fenster auf die ihm unbekannte jüdische Gesellschaft. „Einen Judas!'4 bemerkt Suzanne geistreich. Judas ist das französische Wort für Guckloch. Plötzlich entdeckt sie auf dem Tische das Handtäschchen von Judith. Nun verläuft alles anschlagsmässig nach dem Scribe'schen Gesetz. Die stolze Suzanne öffnet ohne Zögern das Täschchen, dessen Eigentümerin sie kennt. Sie entdeckt darin Michels Liebesbriefe und liest sie in Gegenwart des Schwachkopfes, der bei alledem keinen Finger rührt. Er beteuert ihr, dass trotz des gegenteiligen Anscheins zwischen ihm und Judith nichts geschehen sei. Sie aber ruft mit höchster Erbitterung: „Ah! Du erstickst hier! Geh' zu deiner Jüdin! Atme bei ihr. Ich bin mit dir fertig. Ich bin eine von jenen, die nie verzeihen.'4 Und er geht wirklich. Im zweiten Aufzuge finden wir Judith und Michel in einer Pariser Wohnung mit Aussicht auf den Luxembourggarten wieder. Judith hat ihren Mann verlassen und lebt jetzt mit Michel. Beide Ehepaare lassen sich 'zwar scheiden, aber Judith will Michel nicht heiraten. Wozu auch? Sie will nur frei sein.

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