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Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Die Rückkehr von Jerusalem [Rezension]
Date
1903-12-18
Page
14 (sequence 4)
Language
German
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Seite 14 „bis & Welt Nr. 51 fälschter Ibsen. Ibsen'scher Herkunft ist auch der „gute Jude", der für „Frieden und Licht" hausieren geht, um „Adelsmenschen, fröhliche Adelsmenschen zu schaffen44. Beide sind Skandinaven, also das Allei arischeste, was es im Ariertum gibt, aber Donnay bindet ihnen eine semitische Nase vor, und sie müssen sich von ihm als Juden verwenden lassen. Auch was Donnay den grotesken Juden in Judiths Salon an herausfordernden und albernen Redensarten in den Mund legt, hat er sich aus gut arischen Quellen geholt. Das anarchistische Geschwätz ist von Bakunin, das geringschätzige Gerede gegen den Gedanken des Vaterlandes vom Fürsten Krapotkin, die Ausfälle gegen das Heer, die Fahne, die Uniform sind von Hamon und Urbain Gohier. Sogar Drumont'schen Tiefsinn lässt Donnay seine Juden sprechen, da ihm von diesem Stoffe Reste übrig bleiben, nachdem er Michel und die anderen Antisemiten des Stückes reichlich damit ausgestattet hat. Donnay gehört nichts von alledem, nicht einmal der Kniff, das Schlechteste, was er in der arischen Welt auftreiben konnte, emsig zusammenzutragen und es mit der Bezeichnung „Echt jüdisch!" zu etikettieren. Das Verfahren hat schon Lessing zu seinem Jugendlustspiel „Die Juden" festgenagelt, wo zwei arische Strolche, wenn sie nachts auf Raubzüge und Einbruchsdiebstähle ausgehen, Judenbärte vornehmen, um ihre Missetaten als „echt semitisch" erscheinen zu lassen. Wenn Maurice Donnay ein Jude wäre, so würde seinesgleichen von seinem Stücke sagen: „Da zeigt sich wieder der ganze Jude: vollkommen unfähig, etwas Eigenes zu schaffen, nur ein Hausierer mit fremden Gedanken." Aber Maurice Donnay ist ja kein Jude. Es scheint, dass Donnay in einer der grotesken Judengestalten des Judith'schen Salons mich hat auf seine Bühne bringen wollen. Der Name deutet auf mich hin, und der Schauspieler hat sich meinen Kopf, richtiger meinen Bart, zugelegt. Ich habe mich nicht erkannt. Was Donnay meinen angeblichen Doppelgänger sagen lässt, ist nämlich das genaue Gegenteil von dem, was ich immer gedacht, geschrieben und gesprochen habe. Wenn er, um mich herabzusetzen, kein anderes, kein besseres Mittel findet, als mich in mein absolutes Gegenteil zu verkehren, so ist das das feinste Kompliment, das ein höfischer Schmeichler ersinnen kann. Mein Bart aber ist nicht mein literarisches Eigentum, und den überlasse ich Donnay neidlos, wenn er ihn zu seinem Stücke nicht entbehren kann, und ich verlange, ein geldgieriger Jude, wie ich bin, nicht einmal einen Anteil an seinen Tantiemen, obschon ein französischer Kollege, der mir vielleicht etwas Angenehmes sagen wollte, behauptet, dass mein Bart ein wesentliches Element von Donnays Erfolg ist. Armer Mensch! ... Paris, 8. Dezember. Max Nordau. Simon Eichelkatz. Die Schönheitsrichter und Schriftgelehrten halten den „Simon Eichelkatz" von Ulrich Frank (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottländer 1903) für eine Novellpnetudie und messen das Buch mit dem Maesstabe ihrer hochmodernen und doch so uralten ästhetischen Gesetze. Törichtes Beginnen! Simon Eichelkatz ist ein meisterhaftes Porträt; ich habe meinen armen, reichen Landsmann auf den ersten Blick erkannt Sein Vater war nicht gerade einer der Vornehmen in unserem vorstädtischen Bethause, aber auch nicht einer der letzten. Sein Sitz war nicht unmittelbar an der Östlichen Wand, aber nicht gar zu weit von ihr entfernt Simon musste früh ins Geschäft, war also vom Studium ausgeschlossen und blickte mit sehnsüchtiger Hochachtung zu uns Talmudjüngern empor. Aber er war nicht ohne Wissen, wie man aus seinem ernsten und verständigen Haftorahvortrag ersah. Und als er am letzten Tage des Laubhüttenfestes bescheiden von einem Bethausgenossen zum anderen ging und Abschied nahm, weil er in Preussen eine Anstellung bekommen habe, erregte er Bewunderung und verhaltenen Neid. Eine Anstellung in Preussen! Was müsse Simon Eichelkatz für ein tüchtiger Mensch sein, dass man ihn aus Tarnow nach Preussen berief! Und unsere Bewunderung steigerte sich zur Heldenverehrung, als er ein Jahr später in funkelnagelneuer „deutscher" Kleidung an der Seite seines Vaters im Bethause erschien und trotz dieser weltmännischen Vornehmheit die Haftorah mit derselben Sachkenntnis vortrug, mit demselben Ernst — nein, mit viel grösserer Andacht, mit verschleierter, fast tränen weicher Stimme. . . Er kam jedes Jahr einmal, zu Passah oder Laubhütten, immer vornehmer, immer ernster. Später verlor ich ihn aus den Augen. Ich kam nicht mehr regelmässig aus der Ferne, er wohl auch nicht Aber ich dachte oft an ihn. Was mochte aus dem Glücklichen geworden sein, der in so jungen Jahren eine Anstellung in Preussen bekam und seine armen Eltern so reichlich unterstützte, dass der alte Eichelkatz am Tage des Freudenfestes die teuersten Betätigungen im Dienste des Herrn erkaufen konnte und endlich sogar einen Sitz in der östlichsten Reihe ganz nahe der Bundeslade erwarb? Ulrich Frank erzählt jetzt die Lebensgeschichte dieses Sonntagskindes aus Tarnow. Wenn ich nur wüsste, wie ich dem Erzähler meinen Dank ausdrücken soll für die mir erwiesene Wohltat — denn mir ist, als wäre dieses Buch ausschliesslich zu meiner Erquickung geschrieben worden. Oder hat Simon Eichelkatz noch andere Freunde, die sich für seine Schicksale in Preussen interessieren? Nun denn, hier ist seine Geschichte. Drei Jahre war er Kommis bei Herrn Josef Böhm in Reisnitz, dem ersten JVianufakturwarenhändler in Oberschlesien, gewesen. Da kam eines Tages der Chef und sagte: „Simon, wenn Sie wollen meine Tochter Friederike heiraten, brauchen wir kein Schadchones zu zahlen . . . Sie mir nicht und ich Ihnen nicht Sie kennen das Geschäft. Es ist zurückgegangen in den letzten Jahren, aber wenn Sie es übernehmen, werden Sie es hochbringen." Welches Glück! Der arme Kommis Simon Eichelkatz aus Tarnow, der Eidam von Josef Böhm! „Aber ä Eidam kann man nur werden,* erzählt Simon, dem ich von nun an das Wort lassen will, wie er es an den jüdischen Arzt richtet, „wenn man nimmt sich eine Frau, und ich hab genommen Friedrike Böhm, die sehr vornehm und fein erzogen war und die hat gekonnt französisch sprechen . . Wissen Sie, Herr Kreisphysikus, man sagt so, das Leben des Menschen sei kurz. Und was sind 70 Jahre und wenn es hoch kommt — 80 Jahre, in der Unendlichkeit der Zeit? Ein Augenblick. Und ich sag Ihnen, jeder Mensch lebt tausend Jahr. Wissen Sie, was eine unglückliche Ehe ist, Herr Kreisphysikus? Woher sollen Sie es übrigens wissen? Sie sind doch ein Einschichtiger . . . Wenn man es einsieht und möcht es ändern, ist man alt geworden und denkt, es lohnt nicht für die paar Jahr. Aber die paar J«hr sind lang und jedes Jahr hat 12 Monate und jeder Monat 30 Tage, manche sogar 31, und jeder Tag hat 24 Stunden und jede Stunde 60 Minuten, und jede Minute 60 Augenblicke und in jedem dieser Augenblicke härmt man sich und kränkt sich und durchlebt sein ganzes Leid immer von neuem . . . Eine unglückliche Ehe ist eine ganze Ewigkeit von Gram, und wer die durchlebt hat, der ist so alt . . . so alt . . . Ich will bei Gott nichts sagen gegen die Madam Eichelkatz . . . Sie hat gewiss so darunter zu leiden gehabt, wie ich . . . aber wir passten einmal nicht zusammen . . . „Meine poschete Natur, meine Gradheit und Unbildung waren ihr gewiss ebenso zuwider, wie mir ihre Bildung und ihre feinen Manieren und ihre noblen Ansprüche.

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