Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Zionismus und Kosmopolitismus
Date
1903-12-18
Page
4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316071-3339843--45118-3339925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „bis & W^t Nr. 51 beiden andern Diadochenstaaten, Egypten und Syrien, zu dem das Land unserer Väter als kleine Provinz gehörte, waren von dem Machtgebot des römischen Senates abhängig geworden. Zum erstenmal in der europäischen Geschichte floss der Verkehr ungehindert von einem Lande, von dem Bezirke einer Nation, in den andern; römisches Recht und griechische Kunst und Bildung dehnten ihren Machtbereich auch über die Seelen der Unterworfenen immer weiter aus. Es war eine Annäherung an ein Weltbürgertum, der erste Ansatz zu dem Reiche Gottes auf Erden. Die Juden, seit Cyrus ein friedlicher Stamm ohne nationale Selbständigkeit, wurden von dieser in vielen Beziehungen kulturfordern den Bewegung mächtig ergriffen. Die griechische Sprache, die griechische Urbanität, die Feinheit der Sitte, die Breite des Horizontes übten ihre mächtige Wirkung auf das kleine begabte Volk aus, und der Prozess der Assimilation schritt mächtig vorwärts. Bald wurde mehr griechisch als hebräisch gesprochen; wurde doch um diese Zeit das heilige Buch der Juden ins Griechische übertragen! Und hätte damals die soziale Grundlage für die Ausbildung des Weltbürgertums in Wahrheit schon bestanden, so hätten die Juden in den allgemeinen Kulturschatz dasjenige beigesteuert, was sie an höchsten Kultur werten in ihrer nationalen Abgeschiedenheit errungen hatten, die Einheit des Gottesbewusstseins im Gegensatz zu dem liederlichen Polytheismus der Griechen und dem verknöcherten Rationalismus der Römer, die tiefe Sittlichkeit ihrer ehelichen Verhältnisse und vielleicht einen Teil ihres unvergleichlich grossartigen Eigentumsrechtes, und wären im übrigen ein Teil jenes Weltkulturvolkes geworden, das sich hier zu entwickeln schien mit römischem Recht und römischer Kriegskunst, griechischer Philosophie und Bildkunst und jüdischer Religion und Sitte. Und niemand hätte es im Interesse der WeiterentWickelung der Menschheit beklagen können, wenn in dieser Entwicklung manche der Schutzwehren auf immer verschwunden wären, hinter denen die nationale Entwicklung sich vollzogen hatte, bis sie selbst und die allgemeine Entwicklung reif geworden war für die Verschmelzung. So stand es aber damals nicht! Der Hellenismus war doch nur das schöne Gewand für einen bis ins Mark verfaulten und zerfressenen Gssellschaftskörper, der nicht imstande war, eine Weltorganisation von solcher Kraft zu tragen. Die Sklavenhalterwirtschaft hatte die Völker zerspalten, eine Klasse gegen die andere verhetzt, hatte die unteren Volksklassen feige, tückisch und faul, und die oberen regierenden Klassen brutal und verderbt gemacht. Ihre Willkür zersetzte die Sitte und zerbrach das Recht, und so konnten die Bestrebungen des Hellenismus, soweit sie von oben her gefördert wurden, nicht darauf hinauslaufen, die einzelnen Glieder des zu schaffenden Weltreiches in ihrer Eigenart gerade im Interesse des Ganzen zu bewahren, sondern sie mussten darauf absehen, alle Eigenart niederzupflügen, um die Herrschaft eines literarisch und mäcenatisch geschminkten Despotismus über zersplitterte Sklavenhorden wirksamer ausüben zu können. Eine solche Politik versuchte der Nero Syriens, Antiochus, gegen das jüdische Volk. Diese kleine Nation sollte gezwungen werden, in das charakterlose, rasselose Völkerchaos aufzugehen, über dem allein der Sultanismus einige Dauer versprach, der ja alle naturwüchsigen Gemeinschaften sprengen muss, weil sie ihm von Natur aus feindlich gegenüber stehen. Ühd so kam es zu jenen ersten brutalen Religionsverfolgungen, denen das jüdische Volk ausgesetzt war, zu der Verbrennung der Thora-Rollen, zur Schändung der Tempel, zur Opferung der ersten Märtyrer. Wenn damals das Herrenblut unserer Väter nicht ins Sieden kam, wenn damals der Trotz sich nicht bäumte gegen die Gewalt, so war es aus mit der jüdischen Nation, so wären wir heute nicht in der Lage, zu dem Weltreich der Zukunft unsere Eigenart beizutragen, so könnten wir nicht in den Weltschatz der Zukunft die scharf geprägten Schaumünzen unserer Nationalität beisteuern. Aber sie empörten sich, sie wehrten sich, sie warfen das ungerechte Joch von ihren Nacken, sie wurden aus friedlichen Bauern und Handwerkern wieder zu Kriegern, zu unwiderstehlichen Helden, weil sie das Beste in sich bedroht fühlten, ihre Eigenart, ihre nationale Existenz. Und dankbar erinnert sich seit 2000 Jahren die jüdhche Nation ihrer Helden und zündet die Lichte zum Ghanukafeste an. Die Zeit, in der wir leben, hat manche Aehnlichkeit mit der des Antiochus Epiphanes. Wieder strecken sich die zarten Fäden einer Weltkultur über Land und Meer. Einer Kultur, die alles Kostbare der verschiedenen Nationalitäten verschmelzen will zu einer höheren Einheit, die zur sozialen Versöhnung strebt und zum internationalen Frieden, um das Weltvolk der Zukunft zu bilden, in dem der Mensch der König der Erde sein wird. Und wieder bemächtigt sich der Sultanismus und die Plutokratie dieser Gedanken, um gewaltsam niederzupflügen, was doch nur eigenwüchsig der Zukunft dienen kann, und zu Sand zu zerreiben, was gewachsener Fels ist. Und wieder erhebt sich dagegen das Herrenblut unserer Rasse, der Stolz auf un ere Vergangenheit, das Gefühl der Heiligkeit unserer Errungenschaften und der Trotz, der gegen ungerechte Gewalt den Nacken bäumt. Das ist die zionistische Bewegung. Nicht weil wir uns zurückschrauben wollen auf die Zeiten Josuas oder der Richter, nicht weil wir ein Ideal hinter uns erstreben, das wir nur im Krebsgang erreichen können, sondern weil wir uns bewahren wollen für das Gottesreich der Zukunft:. deshalb schliessen wir uns heute wieder kräftig ab von denen, denen wir Fremde heissen. Deswegen pflegen wir den Stolz auf die Taten unserer Ahnen in Krieg und Frieden, deshalb pflegen wir unsere Tradition, deshalb binden wir uns zusammen. „Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer, dann schwellen die Wellen zum donnernden Meer, die Fünkchen zu sausenden Flammen." Und darum hat niemand so sehr das Recht Chanuka zu feiern, wie wir Zionisten. Und darum hat niemand so sehr das Recht zu lachen, wenn uns die Gegner, die Assimilanten, Reaktionäre schelten. Wir sind die Makkabäer der Gegenwart. Und wenn es uns auch nicht beschieden ist, mit dem Schwert gegen die Schergen des Syrers zu kämpfen, so haben wir doch die Waffen des Geistes zu gebrauchen gegen den Feind draussen und gegen den Feind im eigenen Lager. Vielleicht reift bald die Zeit der Erfüllung, die Zeit der sozialen Versöhnung und des Völkerfriedens, dann wird sich zeigen, wie wenig reaktionär unsere Bewegung gewesen ist, denn wir werden die Schätze die in unserem Tempel getreulich bewahrt worden sind, jubelnd hineintragen ins Schatzhaus des Weltvolkes. Und vielleicht — ich hoffe es— werden wir sogar die Pioniere sein, die den .ersten Grundstein legen zu jenem grossen Gemeinwesen einer schönen Zukunft; denn wenn wir ans Werk gehen, so sind wir bewaffnet mit all dem, was eine 2000jährige Geschichte ati Wissen geschaffen hat. Wenn es uns ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.