Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Zionismus und Kosmopolitismus
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51 „im* # wert* Seite 2 allem jedermann, eine Position zu verlassen,, so lange sie noch bestürmt wird. Der Mensch, nash dem Ebenbilde Gottes geschaffen, mit dem Gottesfunken in seiner Seele, der König der Erde, mit dem königlichen Stolz in seinem Nacken, soll sich nicht beugen, wo die Gewalt ihn beugen will, „Der Gott, der Eisen wachsen Hess, der wollte keine Knechte." Mag man es Trotz schelten, wenn wir dem Drucke Gegendruck, wenn wir dem Hasse den Zorn und der Verachtung die Verachtung gegenüberstellen, mag man uns Reaktionäre schelten; unsere Bewegung ist auch eine Reaktion! Sie;st eine Reaktion in dem Sinne von Gegenwirkung, sie ist der Gegendruck auf den Druck, sie ist die Dr. Franz Oppenheimer. Reaktion gegen die Reaktion! Und indem wir uns derart halten, dienen wir allen Fortschritten der Menschheit, erhalten wir uns würdig, als Bausteine in den Tempel der Zukunft eingebaut zu werden; denn nicht in der Nivellierung aller Eigentümlichkeit und Besonderheit, nicht in der Niederpflügung alles dessen, was eigenartig und selbstwüchsig ist, liegt der Fortschritt der Kultur, wie die falschen Kosmopoliten uns einbilden möchten, sondern in der Bewahrung und Entfaltung aller unserer guten Besitztümer von Ewigkeitswert. In diesem Bewusstsein wollen wir ruhig unseres Weges ziehen und uns soll das Geschrei der Gegner über unsere1 reaktionäre Art zu nichts anderem dienen als dazu, uns immer wieder zur Selbstprüfung anzuregen, was denn von all dem, was wir erstreben oder was einige von uns erstreben, Zukunftswert hat und: bewahrt zu werden verdient, und was Schlacke der Vergangenheit ist und ausgestossen werden muss. Nur darüber kann unter uns Streit entstehen, aber unsere Bewegung selbst dient den höchsten Zielen der Menschheit, wenn sie dem Ziele trotziger und gesunder Bewahrung unserer guten Eigenart dient. Das scheint mir die Versöhnung jener Widersprüche zu sein, die uns zum Nachdenken anregten. Und wohl ziemt es sich am heutigen Tage solche Gedanken auszudenken. Denn das Fest, das wir jetzt begehen werden, das wird gefeiert gerade zu Ehren einer solchen „reaktionären" Tat unserer Vorfahren, die als kraftvolle Reaktion gegen brutale Reaktion die Eigenart der Juden vor ihrer furchtbarsten Gefahr erhalten hat bis auf den heutigen Tag. Rufen wir uns die Zeiten des Antiochus Epiphanes ins Gedächtnis zurück, so finden wir, dass sie in vielen Dingen den unseren glichen. Damals zum erstenmale standen Nationalismus und Weltbürgertum im Kampfe. Aber es war ein Weltbürgertum, das noch nicht reif war zur Herrschaft über die Welt, weil es gedacht war als ein Weltbürgertum bevorrechteter sozialer Klassen, deren ganze Existenz aufgebaut war auf der Arbeit unfreier Elemente, der Sklaven. Es musste daher noch einmal zerfallen, noch einmal musste die Menschheit zurücktauchen in den blutigen Strudel des Nationalitätenkampfes, der Zersplitterung und Ohnmacht, um erst den Gedanken zu gewinnen, der unserer Zeit machtvollste Kraft geworden ist, die Ehre der freien Arbeit, und damit die Grundlage zu schaffen, auf der nun wirklich in fernerer Zukunft der Bau des Weltbürgertums in die Ewigkeit gegründet werden kann, den uns die Antike nur als Ideal, als für sie unerfüllbares Ideal, überliefern konnte. Rings um das Becken des Mittelmeeres herum hatten die Völker Jahrhunderte lang aufeinander geschlagen, Völkerwanderung auf Wanderung war aus den asiatischen Steppen herabgedrungen, hatte die schon gegründeten Nationalstaaten überrannt, mit einander verschweisst und wieder zersprengt und die Rassen und Völker im Tiegel des Kampfes gemischt, zu höherer Einheit zusammengehämmert. Ist doch auch unser Volk das Produkt einer Mischung von wenigstens drei verschiedenen Rassen, die ihrerseits schon wieder Produkte einer schon starken Mischung gewesen sein mögen. Allmählich vollzog sich der Prozess der Zusammengliederung ungleichartiger Teile zu einem Ganzen. In unendlichen Kriegen einten sich Italien und Griechenland; die Gallier, Etrusker, Latiner, Sabeller und Grossgriechen dort, und die Jonier, Dorier und Pelasger hier verschmolzen zu Einheitsvölkern mit einheitlichem Nationalgefühl und innerer arbeitsteiliger Gliederung; Rom einte den ganzen Westen, Alexander der Grosse den ganzen Osten der alten Kulturwelt unter einem Szepter und Gesetz. Und schon war die Zeit herangenaht, wo die beiden grossen Kulturkreise in einen zu verschmelzen begannen; Rom hatte seine schwere Hand zermalmend auf Makedonien gelegt und die