Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Zionismus und Kosmopolitismus
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316071-3339843--45119-3339926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 u'Bie'^ Welt11 Seite 5 lingt, unser Gemeinwesen so aufzurichten, wie es unsere Führer vor sich gesehen, auf der Grundlage der Gleichheit, der Freiheit und Brüderlichkeit, auf jener uralten jüdischen Ordnung des Grundbesitzes, die von Gott selbst eingesetzt ist und die durchzuführen und auf ewig zu erhalten unsere Zeit endlich das Mittel gefunden hat, dann kann es sehr leicht sein, dass dieses Gemeinwesen das Muster wird aller anderen Gemeinwesen der Welt, dass es der Kern wird jenes erhofften und erträumten Weltvolkes des Friedens und der Gerechtigkeit, und dass so durch uns der uralte messianische Glaube des Judentums seine Erfüllung findet Chanuka in der Wiener Jüdischen Toynbee-Halle* Die Wiener Jüdische Toynbee-Halle, die jetzt bereits im vierten Jahre ihre segensreichen Bestrebungen für die Volksbildung und Belehrung der ärmsten jüdischen Bevölkerung Wiens entfaltet, veranstaltete am 13. Dezember in ihrem Vortragssaale zwei Chanukafeiern. Die eine am Nachmittag für Kinder, die andere abends für ihr gewöhnliches Publikum. An 200 Kinder waren früher angemeldet worden und mit schwerem Herzen musste man den armen Eltern bereits vor Wochen erklären, dass eine grössere Anzahl zu der projektierten Chanukajause nicht eingeschrieben werden könne. Die Armen konnten aber nicht daran glauben, dass gerade ihr Kind zu dieser bescheidenen, für sie ach so glänzenden Veranstaltung nicht zugelassen werden sollte. Und so kamen sie denn in Scharen, die armen Kinder, angetan mit dünnen Röckchen, denen man die Herkunft von einem Rocke des Vaters oder der Mutter nur allzugut anmerkte, und doch voll Stolz auf dieses ihr Feiertagskleid, geschmückt mit einer verblichenen Masche, die Mütterchen wahrscheinlich mit unerbittlicher Konsequenz und trotz vieler Versuchungen für eine besonders feierliche Gelegenheit aufgespart hatte, kamen in Erwartung eines Festes, das sicherlich schon seit Wochen der Traum ihrer Tage und Nächte gewesen war, und sollten jetzt, so jung noch, erfahren, dass es für Arme wohl Illusionen, nie aber ein Fest geben darf? Wir hatten angesichts dieser strahlenden Kinderaugen, angesichts der Hoffnungen, die wir da vernichten sollten, im Vorgefühl der Verzweiflungsausbrüche, die uns leider auch aus den Vorjahren her bekannt waren, nicht den Mut, diejenigen abzuweisen, die sich nicht mit Eintrittskarten ausweisen konnten. Und trotzdem wir uns alle vorgenommen hatten, schon im Interesse der Eingeladenen fest zu bleiben, gewährten wir den armen Kleinen so lange Einlass, als überhaupt noch ein Plätzchen da war, wo ein kleines Menschenkind, wenn es sich recht schmal machte, zur Not stehen konnte. So waren aus ca. 200, die wir bewirten und unterhalten wollten, 300 geworden, über 300, und noch wollte der Zufluss kein Ende nehmen, und noch immer sahen wir emporgestreckte Händchen, die um Einlass baten, sahen wir die Tränen in den grossen, nun so traurigen Kinderaugen, hörten wir die Bitte: „Ich warte schon so lange und mir ist so kalt und ich habe das noch nie gesehen!" Wir trösteten, so gut wir konnten. „Bald werden gute Männer und Frauen wieder einen Nachmittag für Kinder veranstalten. Dann sollten alle, die diesmal nicht hineinkämen, zu allererst berücksichtigt werden, die Jause werde noch schöner sein u. s. w.u Und so zogen sie endlich ab, in langer Reihe, die meisten stumm, die Köpfe gesenkt, müde, ärmer noch als da sie gekommen waren, und sicherlich schon mit einer Frage auf den zusammengepressten Lippen, mit der Frage, die sie wahrscheinlich später noch so oft stellen werden: Muss das so sein und muss ich gerade der sein, den es trifft? Und vielleicht ist in diese jungen Seelen zum erstenmale der Samen des Neides und des Hasses gegen die Glücklicheren gesäet worden, vielleicht auch der brennende Wunsch, mit allen Kräften darnach zu streben, das anders zu machen für sich und die Leidensgenossen. Vielleicht auch die hoffnungslose Mutlosigkeit, die sie endlich abstumpft und sie alles ^eid als etwas Unabänderliches tragen lässt. Die diensthabenden Damen mustern besorgt ihre Vorräte, während im grossen Saale die Kinderstimmen durcheinander klingen und manchmal sogar ein fröhliches Lachen aufflattert, das allerdings rasch verstummt; denn an einem so prächtigen Orte lachen! Der prächtige Ort besteht aus einem langen, schmucklosen Saale, an dessen Wänden ein paar bescheidene Lithographien hängen und dessen grössten Schmuck ein Kaiserbild im Goldrahmen bildet. Ein Podium mit einem Klavier, das vielen dieser Kinder ein ganz unbekannter Gegenstand ist, den sie mit grosser Neugierde und Scheu betrachten. Ein Tisch mit einem grünen Tuch, ein paar Sessel herum, an 250 Sessel im Saale, ganze Sessel, das ist die prächtige Einrichtung, die das Staunen dieser Kinder hervorruft und sie zu Ausrufen der Bewunderung veranlasst. Ein Glockenzeichen. Erwartungsvolle Stille. Drei Kinder betreten das Podium. Klavier, Violine und Violoncell. Ein Sturm des Beifalls. Die Kinder sind kaum zu beruhigen. „Der mit der Violine singt so schön", vertraut mir ein kleines Mädchen geheimnisvoll an. Dann erzähle ich den Kindern die Geschichte von Chanuka. Ich frage sie während der Erzählung, ob sie die alte Heimat der Juden kennen. „Palästina" hallt es im Chor zurück. Verschiedene andere Fragen halten das Interesse der Kleinen immer wach und sie mustern mit gländen Augen das Panorama von Jerusalem, das an einer Längswand des Saales hängt. Jetzt tauen sie auf. Sie melden sich selber zum Vortrage. Die Mädchen zeigen mehr Mut. Erst nachdem bereüs drei Mädchen deklamiert haben, kommt ein Knabe und bittet, ihm zu erlauben, ein Gedicht über die Menorah vortragen zu dürfen. Dann folgen noch zahlreiche ernste und heitere Deklamationen. Die Mädchen bleiben schliesslich Siegerinnen« Sie tragen mehr und besser vor als die Knaben. Dabei stellt sich heraus, dass einzelne Kinder die Makkabäergeschichte kennen und sie belehren in ihrer Weise nochmals die Unkundigen. Darüber sind die Stunden rasch vergangen. Die Jause wird gereicht. Ein Ah des Entzückens. Es gibt Schokolade mit Bäckerei. Wir haben Not, die Begehrlichkeit der Kinder einzudämmen. Die meisten haben zum erstenmale in ihrem Leben eine solche königliche Bewirtung mitgemacht. Ein kleines Mädchen ist besonders aufgeregt. Sie trinkt nur zögernd. Ihre Bäckerei rührt sie nicht an. Ich frage sie um die Ursache. Da bittet sie ganz leise, ihrer kranken Schwester auch ein bisschen Schokolade und die Bäckerei mitbringen zu dürfen, damit die auch wisse, dass Chanuka sei. Wir bewegen sie endlich, nachdem wir versprochen haben, auch der Schwester etwas zu schicken, ihren Teil zu verzehren. Vor den Türen ist es schon seit einiger Zeit laut geworden. Die Leute, die abends in die Halle gelassen werden wollen, stehen bereits zu Hunderten vor dem Hause. Wir müssen schliessen. Ein jedes Kind erhält noch ein Säckchen mit Aepfeln, Nüssen und Orangen, dann wird das Kaiserlied gespielt und gesungen und die Kleinen nehmen unter lebhaften Aeusserungen des Bedauerns, dass der schöne Nachmittag so rasch vorübergegangen, Abschied von den Damen und Herren der „Toynbee-Halle". W.