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Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Zionismus und Kosmopolitismus
Date
1903-12-18
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „biC # W$lt" Nr. 51 geglaubt, dass sie unlösbar sind, so lange man die Dinge in ihrer R u h e betrachtete; sie sind nur lösbar, wenn man die Dinge im Flusse der Entwicklung betrachtet. An zwei grosse Namen möchte ich anknüpfen, um auch diese Antinomie zu lösen, an Hegel und Spencer» Hegel, der grosse Denker, der, lange verspottet und missverstanden, heute wieder mehr und mehr zu Ehren kommt, in einer Zeit, die für seine Gesetze der philosophischen Entwicklung die sachliche Gl undlage entdeckt hat in den Gesetzen der naturwissenschattlichen Entwicklung, Hegel begriff die Welt bekanntlich als eine Entwicklung in Gegensätzen. Irgend eine Erscheinung treibt ihren eigenen Gegensatz heraus nach dem Gesetze des Widerspruches, die Thesis die Antithesis, und im weiteren Fortgang der Entwicklung treibt dieser Gegensatz zwischen Thesis und Antithesis wieder seinen Gegensatz heraus, die Synthesis, in der jene Gegensätze versöhnt verschwinden. Mir scheint, diese berühmte Formel lässt sich wohl auch auf das uns beschäftigende Problem anwenden. Zuerst entwickelt sich in der Kulturgeschichte die Erscheinung der Nationalität. Sie treibt als ihren Gegensatz heraus den Kampf der Nationalitäten, und der ist bestimmt, versöhnt zu werden durch die letzte Synthese, das soziale Weltbürgertum. Aber diese letzte Synthese kann gar nicht eintreten, wenn nicht vorher Thesis und Antithesis in ihrer schärfsten Form herausgetrieben sind, wenn nicht zuvor die Nationalität, die Besonderheit des Volkstums, der Tradition, der Begabung sich bis zur letzten Schärfe ausgebildet hat und demzufolge mit anderen, ebenso krystallrein ausgebildeten Nationalitäten zusammengestossen ist. Und daher führt der Weg zum Kosmopolitismus, zu dem, was die alte fromme Zeit das Reich Gottes auf Erden nannte, durch nichts anderes, als durch die kräftige Selbstbesinnung der einzelnen Volkstümer auf das, was ihnen eigen ist und was sie von den anderen Volkstümern trennt. Was Hegel philosophierend aus seiner Gedankenwelt herausspann, das hat der grosse positivistische Philosoph der Gegenwärt, der nach einem wahrhaft kaiserlichen Leben voll Stolz, Unabhängigkeit und köstlicher Arbeit in diesen Tagen hochbejahrt dahingeschieden ist, das hat Herbert Spencer, der Lehrer unserer Zeit, aus den Büchern der Natur selbst als Gesetz herausgelesen. Der Weg der Entwicklung geht von der Nebeneinanderordnung gleichartiger unverbundener Teile zur immer weiteren Unterordnung und Verbindung ungleichartiger Teile; und in diesem Prozesse wird immer mehr Kraft gewonnen. Diese Entwicklung geht im Reiche der belebten Natur von einzelnen einzelligen Wesen, die völlig unverbunden, ohne Berührung miteinander, ihr dumpfes, unbewusstes Dasein führen, empor zu jenen aus Milliarden von Teilchen aufgebauten Zellenstaaten, deren höchste Krönung der menschliche Leib ist. Während von jenen Amöben, jenen lebenden Eiweissklümpchen im warmen Meere, eines dem anderen gleich war und gleich sein wird noch in Jahrmillionen, so ist jede Zelle des wunderbaren Tierleibes von der anderen verschieden, ihrer besonderen Arbeitsleistung angepasst, für ihre besondere Aufgabe geschult* So führte die Entwicklung des organischen Lebens von dem unverbundenen Beieinander gleichartiger Teilchen zu dem wohlgegliederten festverbundenen Miteinander ungleichartiger Teilchen. Ganz dasselbe Gesetz gilt für die soziale Organisation der Völker und schliesslich der Menschheit Wir haben als erstes uns -erkennbares Stadium die isolierte Urzelle der menschlichen Gesellschaft, die Urfamilie, das Männchen, das Weibchen und die unselbständigen Jungen, jede für sich vereinzelt, ohne Verbindung mit den anderen Zellen. Das ist die soziologische Einheit, ganz wie die Amöbe die biologische Einheit ist. Von da an hat die Entwicklung immer weiter emporgeführt zu immer höherer Besonderung der einzelnen Gesellschaftszelien und zu immer stärkerer und strafferer Gliederung und Bindung unter einander, bis sie heute in den nationalen Grossstaaten Europas ihr vorläufiges Ziel erreicht hat und schon Ansätze treibt zu weiterer Entwicklung, zu weiterer Untergliederung immer grösserer Gruppen unter einem Gesetz und einer Ordnung in dem Wirtschaftsverbande der Kulturstaaten. Auch hier eine arbeitsteilige Gemeinschaft, jede Zelle anders ausgebildet, jeder Mensch seiner speziellen Arbeitsleistung angepasst, nach seiner Begabung eingeordnet in den grossen Organismus der Gesellschaft, jeder nach seiner Kraft und Leistungsfähigkeit der Gesamtheit leistend und dafür von der Gesamtheit zurückerhaltend. Und geradeso, wie der gegliederte Tierleib unvergleichlich mehr Kraft und Leistungsfähigkeit besitzt, als Milliarden von nebeneinander befindlichen Amöben jemals aufbringen könnten, so besitzt diese Organisation der Gesellschaft — man kann beinahe sagen, dieser lebende Geselischaftskörper — eine ungeheuer grössere Kraft der Naturbeherrschung als ebenso viele Millionen nebeneinander vagierender primitiver Jäger und Fischer aufbringen könnten. Und diese Kraft ist es, die mit unwiderstehlicher Gewalt die Menschheit immer weiter drängt, ihrem hehrsten Ziele entgegen, der Bildung eines einzigen, in sich einigen Volkes königlicher Herren dieses Planeten. . Was können wir für unser Problem aus diesem Gesetze lernen, das als ein Universalgesetz alles Geschehen unter dem Himmel beherrscht? Es lässt sich mit einem kurzen Satze sagen : Wohl geht die Entwicklung auf immer höhere Vereinheitlichung der früher von einander unabhängigen Völker und Nationen; aber, und das ist das Entscheidende, diese Entwicklung geht vor sich, indem die einzelnen Teile sich immer mehr zu besonderer Ausbildung differenzieren. Und so gibt uns denn diese Spencer sc he Weltformel, ebenso wie die H e g e 1 s c h e, die Maxime unseres Vorgehens in die Hand. Gerade wenn wir ein dienendes Glied werden wollen jener von den Vätern erstrebten heiligen Ordnung des Weltfriedens und des Weltbürgertums, so haben wir die heilige Pflicht, unsere Eigenart zu bewahren und auszugestalten, so weit sie Zukunftskeime in sich trägt. Das Weltreich der Zukunft wird nicht zusammengesetzt sein aus charakterlosen Menschenmassen, die alle Sondereigenschaften ihrer Abstammung, ihrer Sitte verloren haben, sondern aus wohlcharakterisierten, kräftigen Volksindividuen, die gerade darum Bausteine sein konnten, weil sie gewachsener Fels sind und nicht zusammengeleimte Sandkörner. In den Schatz der Zukunft werden nicht die abgegriffenen Silberlinge aufgenommen werden, auf denen niemand mehr die Prägung erkennen kann, sondern nur die vollwichtigen Goldstücke, auf denen die Prägung unverkennbar erhalten ist. Das, meine ich, soll und muss die Losung sein für unsere Zeit. Und zum Glück haben wir in unserem Inhern ein Gefühl, das uns sagt, wie sehr wir auf dem rechten Wege sind: das Gefühl der Ehre und des berechtigten Stolzes. Die Ehre gebietet jedermann grundsätzlich auf die schwächere Seite zu treten, wenn ihr Unrecht nicht klar erwiesen ist -; und die Ehre verbietet vor

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