Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Zionismus und Kosmopolitismus
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—1/2I2 Uhr. Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abecds geschlossen Einzelne Nummern 30He!^i . Rp7IIMQnrpicO" Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: DG£liyopi OIOD. Deutschland ganzjährig Mk* 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli, —.85. Nr, 51. Wien, 18. Dezember 1903 — 29. Kislev 5664, 7+ Jahrgang. Zionismus und Kosmopolitismus. Von Dr. Franz Oppenheimer. (Rede, gehalten bei der Makkabäerfeier der zionistischen Korporationen Wiens am 12. Dezember 1903.) Meine Freunde! Man wirft uns Zionisten gerne vor, wir seien reaktionär, wir wollten nicht vorwärts über unseren jetzigen Zustand hinaus zu einem Ideal, das vor und über uns liegt, sondern wir strebten zurück, hinter uns, unter uns, zu einem Idealbild, das wir uns von der Vergangenheit machen. Wir wollten die Uhr der Geschichte rückwärts drehen, zurückkehren in einen Zustand, den die Welt längst überwunden hat. Nicht im Nationalismus, nicht in der Abgeschlossenheit, nicht in der Betonung dessen, was die einzelnen Volkstümer von einander trennt, liege das Ideal der fortschreitenden Menschheit, sondern in der Betonung dessen, was eint, in der Gemeinsamkeit der allmenschlichen Strebungen, in der Entwicklung der Völker der Erde zu dem Volke der Erde. Ist es wirklieh der Fall, dass wir vor diesem Forum Unrecht erhalten müssen? Sind wir, die wir doch das Bewusstsein in uns tragen, einem grossen, hohen Ziele zuzustreben, einem Ziele, das nicht nur jüdisch, sondern menschlich ist, reaktionär, sind wir Rückschrittler? Ist es wahr, dass unsere Bewegung nicht von der Halbkultur vorwärts zur Vollkultur, sondern von der Halbkultur rückwärts zur Barbarei führt? Es ist eine ernste Frage, die wir uns damit vorlegen, eine Frage, die mit Gewissheit verneint werden muss, wenn wir sicher sein wollen, dass unserer Bewegung die Dauer geschenkt ist. Versuchen wir sie zu beantworten. Es ist von jeher der schönste Traum der Besten unter den Menschen gewesen, einen Zeitpunkt sich vorzustellen, in dem der Krieg aller gegen alle aufgehört hat, einen Zeitpunkt, in dem die soziale Versöhnung und der internationale Friede für immer hergestellt und gesichert sind, einen Zeitpunkten dem alle Völker der Erde ein grosses Volk bilden, dessen einzelne Provinzen nur noch in friedlichem Wettbewerb bei voller gegenseitiger Achtung den gemeinsamen Kampf der erlösten Menschheit mit der wilden Natur, mit den Elementen führen, in dem aber der tausendjährige Kampf des Menschen gegen den Menschen durch einen letzten grossen Friedensschluss beendet ist; einen Zeitpunkt, in dem alles, was Menschenantlitz trägt, Königsrechte auf dieser Erde geniesst. Ein einziges Volk von Königen, von brüderlich verbündeten Königen: Dies ist das grosse Ideal gewesen jener gewaltigen Denker, die dem alten feindseligen Nationalismus, Feudalismus und Sultanismus der Kulturwelt die ersten entscheidenden Niederlagen beigebracht haben, der grossen Vorbereiter der französischen Revolution, eines Rousseau, Voltaire, Quesnay und der mächtigen Denker und Künstler, die in unserem Deutschland ihnen folgten, vor allem des strahlenden Doppelgestirnes Immanuel Kant und Wolfgang Goe t he. Ist dieses hohe Ideal des Weltbürgertums in der Tat unzionistisch oder garantizionistisch? Sicher nicht, denn dieses Ideal ist wahrscheinlich zuerst in den Geistern und Herzen jüdischer Männer entstanden. An unzähligen Stellen der heiligen Bücher finden wir die sichere Erwartung ausgesprochen, dass alle Völker ein Volk bilden werden unter dem Sittengesetze Israels. Schon daraus geht hervor, dass unsere Bewegung, die mit vollem Bewusstsein all dasjenige wieder herzustellen strebt, was die Vergangenheit unserer Nation an ewigen Menschheitswerten geschaffen hat, in keinem unversöhnbaren Widerstreit stehen kann zu diesem höchsten Ideale des Weltbürgertums. Und dennoch! Streben wir nicht nach Abschliessung, nach nationaler Zusatnmengliederung, nach einem eigenen Lande, in dem unsere Sitte, unser Gesetz, unsere Sprache, unsere Religion herrschen sollen? Betonen wir nicht voll Stolz, voll Adels stolz das, was unser ist, unser Eigentum von Urzeiten her im Vergleiche zu dem, was andere Nationen besitzen? Streben wir nicht hinaus aus der doch vorhandenen Gemeinsamkeit der sozialen Bedingungen, um uns neu aneinander zu schliessen, und sind wir nicht darum schuldig der reaktionären Gesinnung, des Abfalles von dem Ideale des Weltbürgertums und damit von dem höchsten Ideale; unseres Volkstums selbst? Hier besteht augenscheinlich eine jener unendlich häufigen Antinomien des Denkens, die den Philosophen aller Zeiten viel Arbeit gegeben haben. Man hat lange