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Die Welt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Article
Quo vadis?
Date
1903-10-23
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „&i$ # weit" Nr. 43 des Herrn Dr. Meyer, der leider einen Typus darstellt, und nur deshalb beschäftige ich mich hier mit ihni, wiedergegeben werden, damit seine Schlussfolgerungen nicht allzusehr überraschen. Dass Herr Dr. M. das planlose Hin- und Hersenden der expatriierten Juden verwirft, ist etwas, was in seinem Artikel einfach überrascht und nur mit Rücksicht auf die „praktische Erwägung" verständlich wird. Gleichwohl sei es mit Vergnügen hervorgehoben. Auch das,, was er über den Abfall der deutschen Juden sagt, ist richtig, ebenso wie die Beobachtung für uns nicht neu ist, dass mit dem Anwachsen des jüdischen Elementes die antijüdischen Empfindungen der nichtjüdischen Bevölkerung gesteigert werden. Da Herr Dr. Meyer für die „Glaubensgenossen vom anderen Ritus" eine geminderte moralische Verpflichtung hat, so ist er natürlich nicht dafür, dass „Fremde" (Dr. M. meint damit die vom anderen Ritus) in Deutschland einwandern. In Deutschland also sollen sie nicht einwandern, für die Expatriierung der Bedrückten soll aus praktischer Erwägung kein Geld gegeben werden. Was also tun? Herr Dr. Meyer hat darauf keine erschöpfende Antwort. Er sucht sie wahrscheinlich auch kaum. Er weiss nur, dass „unter dieser übertriebenen Sorge für die östlichen Juden notwendigerweise diejenigen unserer Glaubensgenossen leiden müssen, welche in Deutschland geboren und gross geworden sind und unserer Hilfe bedürfen." Oder doch! Er gibt doch eine Antwort, eine alte, die auch ungemein charakteristisch ist für. den nationalökonomischen Horizont des Herrn Rechtsanwalts. Sie heisst: „Das Hemd ist mir näher als der Rock". Der „U eberschussan Zeit, Kraft und Geld" darf erst dann für die östlichen Juden, welche •— man denke! — „nach einem anderen Ritus als wir beten und mit uns nicht einmal essen wollen", verwendet werden, wenn das „Hemd" des Hr. Dr. Meyer nichts mehr zu wünschen übrig lässt. So denkt der deutsche Jude Dr. Meyer, sicherlich ein sonst sehr humaner und aufopferungsfähiger Mann, über die Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden. Und nun erst seine Gedanken über die jüdisch-nationale Bewegung. Dr. Meyer konstatiert den Niedergang der antisemitischen Bewegung, wenigstens in Hannover. Warum sollte ihm das nicht genügen? Das welfisehe Hemd ist ihm wahrscheinlich noch näher als der alldeutsche Rock. Wenigstens wäre das nach seiner Art logisch. „Gegenwärtig ist,"' so erklärt er, „in den Reihen der Gegner eine gewisse Ernüchterung und Enttäuschung eingetreten. Die jüdische etwa 4000 Seelen starke Bevölkerung hält sich zurück." Sein Beweis: „In der Stadtvertretung sitzt kein Jude, unter den Beamten der Provinz findet sich kaum mehr als ein Glaubensgenosse, höchstens auf der Strasse bemerkt man die vielfach gerügte unselige Gabe der Vervielfältigung" etc. Wir wussten bisher nicht, dass der absolute Mangel an jüdischen Stadtverordneten und Regierungsbeamten auf die Zurückhaltung der Juden zurückzuführen ist. Herr Dr. Meyer muss das freilich besser wissen. Nehmen wir an, er habe recht. Was hat er und was haben die Hannoverischen Juden damit erreicht? Er sagt es sofort: „Alles in allem aber glaubten wir von dem harten, anstrengenden und aufregenden Kampfe mit dem Gegner in Ruhe etwas aufatmen zu können. Zu unserer TJeberraschung und zu unserer schmerzlichen Verwunderung hat sich nun auf einmal wie über Nacht im eigenen Lager die national-jüdische Bewegung erhoben, welche mit unserer ganzen bisherigen Arbeit kurzen Prozess macht und sie einfach in das alte Eisen wirft. Alle unsere Zwecke und Ziele sind nach dieser Darstellung verkehrt, unsere Arbeiten nutzlos, wir selbst Leisetreter und Kriecher, die nicht den Mut haben, ihre Abstammung und ihre Rasse zu bekennen. Das ist der Dank und die Anerkennung dafür, dass wir uns ein Jahrzehnt lang mit den Gegnern herumgeschlagen haben; dies der Lohn, dass^wir unser Judentum gegen jedermann und jederzeit offen bekannt und mit den Besten und Edelsten der Nation, mit den Rittern von Geist und den gottbegnadetsten Künstlern offen und ehrlich die Judenfrage diskutiert und ihnen eine vorurteilsfreiere Beurteilung der Zustände und Persönlichkeiten anheim gegeben haben. Das ist jetzt alles verkehrt, und nutzlos. Das Heil soll jetzt im national-jüdischen Fühlen, Denken und Empfinden liegen. Man weiss nicht, ob dies zum Lachen oder zum Weinen ist." Ich gestehe, dass mich diese Berufung auf die Besten und Edelsten der Nation, auf die Ritter von Geist und die gottbegnadetsten Künstler, denen Dr. Meyer eine vorurteilsfreiere Beurteilung der Z u - ständeund Persönlichkeiten „anheim gegeben" hat, viel mehr irritierte, als selbst die „unselige" Gabe der Vervielfältigung, die der Herr Autor zitiert. Das ist echte, beklemmende Ghettoluft, was uns aus derartigen Phrasen entgegenweht. Ich will das nur festlegen. Eine Entgegnung ist da schon unnötig geworden. An anderer Stelle fährt Herr Dr. M. fort, nachdem er hervorgehoben hat, dass er häufig unter früheren Antisemiten wohlwollende, verständige und gerecht denkende Männer gefunden habe, dass er und seine Gesinnungsgenossen gehofft haben, dass es stetiger energischer Arbeit gelingen werde, die Gegensätze auszugleichen und die Gleichberechtigung auch faktisch durchzuführen: „Nun will die Jugend uns auf einmal zeigen, dass dies alles verkehrt war, dass wir eine andere Rasse sind, und unsere Heimat in Palästina suchen müssen. Ueber diese Frage ist keine Diskussion möglich. Die Gegensätze sind nicht auszugleichen und die Kluft ist unüberbrückbar." Ich will keine weiteren Zitate bringen. Aus dem Angeführten erhellt zur Genüge, wes Geistes Kind der Herr Rechtsanwalt ist. Nun soll ihm und seinen Gesinnungsgenossen offen und klar Antwort gesagt werden. Wir begreifen den Schmerz und die Enttäuschung, die aus diesen Worten sprechen. Auch uns jüngeren deutschen Juden und gewiss auch den Juden anderer Länder ist dieser Schmerz nicht erspart geblieben, der Schmerz, dass wir das in Trümmer fallen sahen, was man uns als unsere feste Burg gepriesen hatte. Wir begreifen auch, um wie viel grimmiger der Schmerz derer sein muss, die ein ganzes Leben an diesem Werke des vollständigen Assimilierens der Juden gearbeitet haben und die nun dieses Werk rettungslos verloren glauben. Es ist schlimm, dass es trotz des guten Willens der Gesinnungsgenossen des Herrn Dr. Meyer zu dem beschämend kleinlichen und demütigenden Resultate kam, dass „die jüdische Bevölkerung sich zurückhält". Auch dass man die kleinste Ruhepause in dem Vernichtungskampfe gegen unser Volk als einen Erfolg dieser Assimilationsbestrebungen betrachten will, ist wahrlich kein Triumph der Juden vom Schlage des Herrn Rechtsanwaltes. Das alles aber wird solche Leute, wir können es, wie gesagt, begreifen, nun nicht mehr anders machen. Es ist eine absterbende Generation, die nicht einsehen kann, dass die nationale jüdische Bewegung eine ebensolche organische Entwicklung der Judenheit darstellt, wie seinerzeit die Assimilation, die nun ihre Aufgabe mehr schlecht als recht erfüllt hat. Noch weniger werden diese Leute es verstehen, dass wir ohne ihre Arbeit gar nicht jüdisch-national geworden wären, dass sie unsere Vorläufer sind, die uns die Waffen geschmiedet haben, mit denen wir heute kämpfen. Wir sind europäisiert worden. Das danken wir unseren Vätern. Wir haben bedeutenden Anteil an der Kultur der Menschheit genommen, wir haben mit Bewunderung, mit Inbrunst ihre Schätze in uns aufgenommen. Kein deutscher Jude wird jemals auf diese

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