Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Article
- Quo vadis?
- Date
- 1903-10-23
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Perspnen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—^12 Uhr. Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abecds geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. Rß7llflQnrpio0a Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: DU£liyo|JI öloC. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7,—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli, —.85. Nr, 43 Wien, 23. Oktober 1903 — 2. Marcheschwan 5664, 7> Jahrgang. Quo vadis? Es ist sonst nicht meine Art, mich mit den Vertretern der Anschauungen aus dem Jahre dazumal herumzuschlagen. Das ist nutzlose Arbeit. Wir verstehen uns nicht und aller Respekt vor dem guten Willen und der bürgerlich-tadellosen Lebensführung solcher Leute kann uns nicht hindern, das System, das sie vertreten, auf das Schärfste zu bekämpfen. Diesmal möchte ich aber doch eine Erwiderung vorbringen. Es handelt sich um folgendes. Herr Rechtsanwalt Dr. SiegmnndMeyer in Hannover, dessen begeisterte Anhänglichkeit an das Judentum und dessen eifriges Wirken für die deutsche Judenheit nach der „Allgemeinen Zeitung des Judentums in Berlin" allgemein bekannt ist — ich sage das ohne Ironie — hat unter dem Titel „Quo vadis?" einen längeren Artikel in der genannten Zeitung veröffentlicht, der eine Antwort, und zwar eine ganz klare Antwort verdient. Um so eher verdient, weil seit dem letzten Zionistenkongress in Deutschland Aehnlich.es öfter vorgebracht wurde. Auf den ersten Teil des Artikels, der sich mit der Zweckmässigkeit des akademischen Studiums bei den Juden befasst, will ich nicht näher eingehen. Das ist ein Kapitel, das trotz der gegenteiligen Versicherung des Autors nur lose mit den beiden andern von ihm behandelten Fragen, der Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden und der jüdisch-nationalen Bewegung zusammenhängt. Ich will gar nicht darauf hinweisen, dass diese Frage des übermässigen Hochschulstudiums schon seit langem die Abwehr der zionistischen Leitung hervorgerufen hat. Ich will auch dem Herrn Rechtsanwalt, der für die Schaffung von „Mittelständen" und unteren Klassen eintritt, gar nicht auf dieses Gebiet folgen; denn ein solcher Gedankengang ist so unwissenschaftlich, dass sich eine ernste Entgegnung von selbst verbietet. So einfach kann man leider nicht einmal theoretisch die soziale Schichtung, cleren Ursachen dem Herrn Rechtsanwalt entgangen zu sein scheinen, nach Wunsch und Wällen ändern. Nur auf seine Bemerkungen über die Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden" und auf seine Ablehnung -— um nichts Schlimmeres zu sagen — der jüdisch-nationalen Bewegung soll diesesmal reagiert werden. Die Einleitung, die sich mit einer /: Art Charakteristik der polnischen Juden befasst, ist -—der Herr Rechtsanwalt möge den harten Ausdruck entschuldigen <— so läppisch, dass sie Bedauern hervorrufen muss. Bedauern für die polnischen Juden, die einer solchen krassen Oberflächlichkeit und solchem unglaublichen Verkennen ausgesetzt sind. Zum Beweis dafür, dass ich nicht etwa gegen Herrn Dr. Meyer ungerechte Vorwürfe erhebe, will ich einige Blüten aus diesem Teile des Artikels anführen. „Die polnischen Juden bekennen sich zwar zu demselben Gott wie wir, beten ihn aber in anderer Form an", berichtet Dr. Meyer totenernst. Ich hoffe, dass Dr. Meyer nicht etwa einen spezifisch deutschen Gott meint, sonst ist selbst diese kostbare Bemerkung unrichtig. Dass die polnischen Juden trotz der „wohlgeordneten Institutionen" der Hannoversehen Gemeinde in Hannover ihren eigenen Schächter und ihren eigenen Gottesdienst haben, ist nach Dr. M. „ein grober Unfug". Dann fährt Herr Dr. M. fort: „Ist es richtig, dass es sich um zwei verschiedene Riten handelt, vergleichbar etwa den Verschiedenheiten in der griechischen und römisch-katholischen Kirche (ispsissima verba!), so würde die moralische Verpflichtung, für solche Glaubensgenossen, welche einem andern Ritus angehören, Sorge zu tragen, doch als erheblich gemindert erscheinen." Es ist zum Staunen, dass Herr Dr. Meyer nicht die moralische Verpflichtung . gegenüber solchen Glaubensgenossen untersucht, die demselben Ritus wie er angehören, sagen wir etwa dem Hannoverischen, ohne dass sie alle die Ritualvorschriften befolgen, die in den „wohlgeordneten Institutionen" seiner Gemeinde sicherlich den richtigen Ausdruck gefunden haben! Wo ist da die Grenze, an der eine geminderte Verpflichtung einzutreten hat? Aber Herr Dr. M. setzt fort: „Dazu kommt eine Erwägung praktischer Art. Die Gesamtheit der Juden in Deutschland ist im Verhältnis zu der numerischen Anzahl der polnisch-russischen Juden so gering, dass selbst, wenn sie ihr ganzes Vermögen opfern und ihre ganze Intelligenz ausschliesslich in den Dienst dieser Sache stellen wollte, sie doch eine entscheidende Wendung für die Gesamtheit der polnisch-russischen Juden nicht herbeiführen könnte." Diese „Erwägung praktischer Art", die schliesslich dazu führen muss, sieh jeder sozialen Arbeit zu entziehen, will ich hier nicht untersuchen. In einem zionistischen Blatte einen solchen Einwand ernstlich zu bekämpfen, hiesse tausendmal Gesagtes wiederholen. Hätte der Herr Doktor die zionistische Arbeit kennen gelernt, so hätte er wahrscheinlich eine praktische Erwägung diese* Art überhaupt nicht vorgebracht. Es soll hier nur der Gedankengang