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Die Welt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Article
Quo vadis?
Date
1903-10-23
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 „bie $ weit11 Seite 3 Schätze verzichten. Sie sind uns so teuer, wie sie mir den Abkömmlingen irgend eines urgermanischen Stammes sein können. Vielleicht noch teuerer; denn wir haben das Bewusstsein des Empfangens viel lebhafter als diejenigen, welche es seit Urelternzeiten so gewöhnt sind. Gerade diese rückhaltlose Hingabe aber hat uns auch gelehrt, dass wir auch Pflichten gegen unser eigenes Yolk haben. Wir haben auch die Schätze unseres Volkes kennen lernen wollen und mehr noch als die Not unserer Brüder hat uns die Bewunderung unserer jüdischen Kulturleistungen zum Judentum zurückgeführt. Der Antisemitismus konnte nur den letzten Anstoss geben. Wären wir nicht bereits auf dem Wege gewesen, unsere Feiiide hätten uns nie zu ihm zwingen können. Denn das ist wahr. So verschüchtert wie die Herren von der Art des Dr. Meyer sind wir nicht. Wir wollen ein tätiges, freies Leben führen, selbstbewusst und gerade deshalb fern von dem Schwanken zwischen unziemlicher Demut und Ueberhebung. Wir sind keineswegs undankbar gegen unsere Vorläufer, die sich mit unseren Feinden herumgeschlagen haben. Für uns ist dieser Kampf aber keine Lebensarbeit. Wir fühlen uns kräftig genug, auch Positives für unser Volk zu leisten. Mögen diejenigen, deren deutsches Empfinden sie so weit führt, dass ihnen russische oder polnische Juden „Fremde" sind, Leute, gegen die sie eine „geminderte moralische Verpflichtung" fühlen, mögen die ihre Abkehr vom Judentum vollenden. Wenn nicht sie, so sind ihre Nachkommen sicher dem Judentum verloren. Herr Dr. Meyer hat recht. Eine Einigung ist da" nicht möglich. Es werden sich eben diejenigen, die sich assimilieren wollen und können, assimilieren und amalgamieren. Wir wollen n i c h t, a u ch w e n n w i r e s k ö n n t e n. Einfach darum, weil uns diese „Fremden" noch immer so nahe stehen, dass wir sie nicht verlasse]] wollen, weil wir damit uns selbst untreu würden, einfach darum, weil uns unser Volkstum nicht feil ist, auch nicht für die schönste Assimilation. Einfach darum, weil wir selbst die Zukunft unseres Volkes schaffen wollen, ohne es der mehr oder weniger „vorurteilsfreien Beurteilung von Zuständen oder Persönlichkeiten" anheimzugeben, ob wir ihr zu Gefallen handeln oder nicht. Und darum ist uns die Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden eine Sache höchster Wichtigkeit, darum empfinden wir nicht eine geminderte, sondern eine erhöhte Verpflichtung gegen die Verfolgtesten unserer Brüder,-darum werden wir alles Menschenmögliche tun, dass wir unseren Volkskörper vor weiterer Schädigung bewahren, ganz gleichgiltig dagegen, ob diese Volksgenossen unserem, einem anderen oder gar keinem Eitus angehören. Wenn aber Herr Dr. Meyer in einer hoffentlich gutgläubigen Weise — denn die Lumpen, welche denunzieren wollen, würdigen wir keiner Antwort -— meint, der Patriotismus könnte darunter leiden, so hat da eine Begriffsverwechslung zwischen Staats- und Volksangehörigkeit stattgefunden, die bei einem Juristen auffallend ist. Auf diese Art wären wir m Oesterreich z. B. in der peinlichsten Verlegenheit, welche Art von Patriotismus wir pflegen sollen. Und doch gibt es ebenso patriotische Deutsehe, wie es patriotische Tschechen, Polen etc. gibt. Es sind alle gute, patriotische Oesterreicher. Es wird sicherlich auch in Deutschland patriotische Polen geben und auch Dänen, die ihr Volkstum hochhalten und doch für Deutschlands Ehre und Heil ihr Leben zu opfern bereit sind. Und wir Juden sollten das nicht können? In der Tat. Die Gegensätze zwischen den Gesinnungsgenossen des Hr. Dr. Meyer und uns sind nicht auszugleichen. Die Kluft ist unüberbrückbar. Einen Trost gibt es. Und Herr Dr. Meyer hat ihn selbst erwähnt. Sie sind das Geschlecht, das geht! Mögen sie in Frieden gehen und nicht uns, ihre Söhne, auf unserem geraden, ehrenhaften und unseren Empfindungen und Anschauungen allein entsprechenden Wege aufhalten. Denn wir sind die Kommenden und wir wollen ihn gehen diesen Weg, weil es. keinen andern ehrenhaften für uns gibt. Dr. Sie gmund Werner. Aus Palästina. (Eine Antwort aus Rischon-le-Zion.) Aus den Berichten und Beobachtungen des geehrten Berichterstatters Herrn Dr. A. Friedemann in der „Berliner Abendzeitung" ersah man, dass Ortschaften, Denkmäler und Bruchsteine, an weichen, wenn auch nur dunkle, sagenhafte Ueberlieferungen aus verschollenen Jahrhunderten haften, wenn diese nur von Kreuzzügen oder Helden verschwundener Herrlichkeiten erzählen, den geehrten Herrn Doktor in die höchsten Regionen der Einbildungskraft versetzen; und diese leblose legendarische Vergangenheit wird den deutschen Lesern in den lebhaftesten Farben dargestellt. Ganz anders verfährt der Herr Doktor gegenüber seinen Gesinnungsgenossen, den Zionisten. Als er die Dörfer der erst seit 21 Jahren bestehenden Kolonisation in Jehuda passierte und in dem ersten und grösstea "p^b p\pfcn» Aufenthalt nahm, fand er das Geschaffene, lebendig grossartig Dastehende den kreuzzüglerL sehen Denkmälern nicht gleichwertig. So unterwarf er denn die blühende Kolonie mit ihren 7000 Dunams prächtiger Weinberge, welche, der. sorgfältigen Pflege entsprechend, eine Menge preisgekrönter Weine liefern, von welchen eine beträchtliche Anzahl tätiger Zi nisten in Zion sich redlich ernähren, einer rigo. rosen oler besser gesagt, animosen Kritik. Da sind ihm die Häuser von zu wohlhabendem Aussehen, die Einwohner gar zu wohlsituiert aussehend, um als Bauern galten zu können. Die durch Unterstützung und imaginäre Traubenpreise anspruchsvoll gewordene, degenerierte Gemeinde sei nicht mit Rechoboth, Ekron und Wadi el Chanin zu vergleichen. Die Weinbauern in „Rischon" sind schon gewohnt, für herzliche Gastfreundschaft und liebenswürdigen Empfang durchreisender Freunde mit derart unbegründeten Behauptungen belohnt zu werden! Wäre H^rr Dr. Friedemaun nicht Zionist und Referent auf dem Kongresse zu Basel, hätten wir auch diese Kritik ohne Erwiderung über uns ergehen lassen; da er es aber unternahm, aus seinen Behauptungen für die künftige Arbeit der Zionisten Lehren zu ziehen, so ist es Pflicht jedes rechtschaffen Denkenden zu zeigen, dass dem geehrten Herrn Doktor irreführende Augengläser auf die Nase gesetzt wurden, die ihn das Licht als Schatten und den Schatten als Licht sehen liessen. Einige direkt ans Russland eingewanderte "jy^ ^Äin» fanden sich nach langem Umhersuchen in „mw mitt* eiD» um das jetzige ttp^b ptP*n* aui> derj Bergen am ttK*rpn py» zu gründen. Und ausdrücklich als eine Ackerbaukolonie! Ohne Kenntnis der hiesigen klimatischen Bedingungen und der Natur des zu bebauenden Bodens gingen dieselben ohne Zögern ans Weik. Mit Aufopferung der letzten Kräfte und Geldmittel haben sie die Sandflächen bestellt, Weizen, Gerste u. a. m. gesäet Wie vorauszusehen war, fiel die darauffolgende Ernte miserabel aus, da der Boden für eine solche Kultur eben nicht passen wollte. Es haben damals sämtliche Gründer des Dorfes die Ackergeräte gehandhabt. Hätte Herr Dr. Friedemann diese Leute zu jener Zeit beobachtet, er hätte mit grosser Freude berichtet: Ja, -wir haben gesiegt! Da haben wir jüdische Bauern und *) Zum Artikel: „Der gegenwärti«e Stand der Kolonisation und die Ica. Von Dr. A. Friedemann. (Die „Welt". Nr. 34.)

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