Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Article
- Herbstmelodien
- Date
- 1903-10-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bis # weit" Nr. 41 herzzerreissende Klagelied — das ist deine Herbstfeier'und das ist dein Löben jetzt, o du mein altes, armes, mein geliebtes Volk! Herbstfeier! Welche Ironie liegt in unserem Schicksal, in unserem Leben Es gibt eine grosse Macht, eine Göttin des Lebens und die heisst Eironeia- Ironie, sagt irgendwo Börne. Und wenn ich ein Kunstler wäre, der seinen Ideen mit Meissel oder Farben Leben verleiht, so wurde ich das Leben darstellen als ein stolzes, grausames, rücksichtsloses, spöttisches Weib — wie die Ironie. Wir sollen den Herbst feiern, so sagt uns die Natur, die Geschichte, die in der Tradition des Volkes sich eingewurzelt, in gewisse Formen sich verkörpert hat. Wir sollen das Erntefest begehen! Wir, die nicht eggen, nicht säen durften und die nicht ernten, wir, die wir als Bettler, als Ausgestossene von der Nachlese, von den Biosamen anderer uns nähren, die wir das grösste Unglück in der Welt tragen — nicht arbeiten, nicht leben zu dürfen. Und wir sollen die Ernte feiern! Ja, aber den Herbst, den können wir feiern, denn wir sind ein Volk des Herbstes. Es gibt Völker des Frühlings und des Winters, der Jugend " und des' Alters; es gibt Völker und Kulturen, die in der Fülle ihrer Kraft stehen, die in ihrer feurigen, brünstigen, zukunftsschwangeren Jugend aufjauchzen, Titanenjünglinge, — es gibt Völker, die den Höhepunkt des Lebens überschritten haben, die feurige Jugend, das sturmgepeitschte und tatenreiche Mannesaiter hinter sich haben, die ihr Lied gesungen, alles vollzogen, was sie konnten und nun dem Tode, dem Untergange geweiht sind. Mächtig, unendlich ist das Gefühl und das Ahnen der ersteren, dumpf aber entschlossen und der vollbrachten Taten stolz bewusst sind die zweiten, Aber es gibt noch ein Mittelding in der Natur und in dem Völkerleben. Es gibt eine Zeit, die weder die sengende Hitze des Sommers, noch die starre Kälte des Winters, weder den grünen Rasen, noch die weisse Schneedecke hat, das ist der kalte, nasse, schmutzig trübe und unendlich traurige Herbst. Und es gibt auch Herbstvölker, Völker, die nicht leben und nicht gelebt haben, Völker, die nicht jung und nicht alt sind, die weder leben noch sterben können. Sie sind wie die Unglücklichen im „Inferno" von Dante, die Aermsten der Armen, die vom Paradies ausgestossen, nicht in die Hölle können. Ein solches Herbstvolk sind wir Juden. Und das ist unsere grösste Tragödie. Denn der Tod eines Menschen, wie auch eines Volkes ist nicht das schwerste, „das Leben ist der Güter Höchstes nicht". Der schwerste, der verzweifelndste Moment ist die Agonie, der Kampf zwischen Leben und Tod. 0, das Röcheln, das Sichwinden, das Sichkrümmen in unsäglichen Schmerzen eines liebsten Menschen, von dem man nicht weiss, ob er noch der Sonne zurückgegeben werden wird oder der Erde! Es ist die Dämmerung, die gespenstisch brütet, nicht die vollkommene Finsternis, es ist das unbestimmte, das faule" Herbstwetter, das die schreckliche, verheerende Krankheit fördert, die Schwindsucht heisst Undwir Juden sind ein Volk der gespensterhaften Dämmerung, des kalten, trüben, krankheitserregenden Herbstes, der langsamen, röchelnden Agonie! Wie oft waren wir dem Untergange nahe! Ein Bluthund nach dem andern erstand, um uns zu zerreissen — ein Nero nach dem andern setzte die Henkerarbeit fort, spannte unseren müden, zähen Volkskörper auf die furchtbarste Folterbank — und wir starben nicht. Rom hat uns mit seinen Trümmern bedeckt, „der Vesuv verschlang uns in seinem Krater" aber wir wurden immer wieder emporgeschleudert, ausgespieen. Uns wollte nicht die Sonne noch die Erde! Und wie es im Herbste immer Rückfälle, unerwartete, unverhoffte gibt, so windet £ich und dreht sich unser geschichtliches Leben in unmöglichen, verwirrtesten Kreisen und bringt uns immer neue, immer traurigere Ueberraschungen. Ich erinnere mich aus meiner Kinderzeit der Erzählungen von den schrecklichen Erlebnissen der Juden in ihren Wohnorten, ich erinnere mich an die furchtbaren, haarsträubenden Geschichten, die ich in meiner alten Vaterstadt, der HetmanstadtUman, hörte, vom grausamen Kosakenataman Gonta und seinen Greueltaten. Man zeigte mir in der Mitte der Stadt eine Grube, wo das Blut von Hunderten jüdischer Opfer der Kosakenwut geflossen ist und ich hörte mit Schaudern die „Megilath Gonta", die man am 20. Siwan vorliest, in der die unglaublichsten Schandtaten erzählt werden. Es graute mir, und ich hielt es für eine Legende, die von der Volksphantasie übertrieben ist und das Pathos der Distanz erworben hat. Aber die Geschichte wollte •auch uns, den Kindern des XX, Jahrhunderts, uns, die wir uns in einer hypermoralischen Atmosphäre dünken, für die scheinbar kein kategorischer Imperativ mehr nötig ist, die die alte, zwingende Moral überv\unden zu haben meinen, da wir spontan, selbstbestimmend moralisch sind, uns den Anhängern undBewunderern der Tolstoi, Emerson, Whitman und Nietzsche, wollte uns eines ihrer grausamsten Schauspiele zeigen — an unserem eigenen Leibe. Die Zeiten des finsteren Mittelalters, die Zeiten der Kreuzzüge und der Judenmetzelei, die Tage von Gonta und Ghmelnitzki sind zurückgekommen. Das Blut in Kischenew, Hornel, Zablotow schreit der ganzen Kultur Hohn, der ganzen Geschichte, schreit um Rache zum Himmel hinauf, zum stummen, unerbittlichen Himmel. Und noch schlimmer als das! Das Gewissen, das moralische Gefühl der Völker, ist auch verstummt, bleibt taub und fühllos allen Gewalttaten uns gegenüber, dem Todesröcheln des jüdischen Volkes. Jetzt, wie damals — zur Zeit des Darwinismus und Marxismus, wie zur Zeit des Mönchtums und der Scheiterhaufen! Ich bin ihaterialistisch geschult genug, um mir die ökonomische Grundlage der furchtbaren Ereignisse zu erklären, aber mein Gewissen, mein Blut empört sich, wenn ich sehe, mit welch eisiger Ruhe die Völker der „zivilisierten Welt" an diesem furchtbaren Schauspiel, wie es die Agonie des jüdischen Volkes ist, vorbeigehen. Auch die Besten unter ihnen. Auch die Zukunftsmenschen. Ein K a u t s k y hat es leicht, mit ein paar Federstrichen die jüdische Martyrologie aus schematischen, billigen und seichten historischen Erörterungen abzuleiten und zu erklären! Nicht nur verstehen, sondern mitzuempfinden gilt es. Und was die Grossen tun, ahmen die Kleinen, die Vielzuvielen nach! Und so sind wir wieder verlassen nach oben wie nach unten, so sind wir schutzlos allem Grausen des Lebens, dem unnützen, unzurechtfertigenden preisgegeben -~ trotz des XX, Jahrhunderts und trotz Marx! Das Mittelalter ist auferstanden! Aber „resurrexit, non est hic". Es ist nicht dasselbe — denn wir sind nicht dieselben, und wenn auch die Welt sich uns gegenüber nicht geändert hat — wir haben uns ihr gegenüber geändert. Wir waren ein Herbstvolk — ein Volk der Dämmerung. Dunkel lebten wir, schlichen leise und huschten wie Schatten an den reichbesetzten Tischen des üppigen Lebens vorbei. Wir vergruben uns in uns selbst und sahen Gespenster; wir haben uns aus dem welken, fallenden Laube