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Die Welt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Article
Herbstmelodien
Date
1903-10-09
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Die Erde ruhte, die Menschen ruhten und auch die Sonne war müde von ihrer angestrengten Sommerarbeit und ruhte milde und sanft... Weissgekleidete, festlich geputzte Menschen zogen die Landstrasse heran von ihren Dörfern und Feldern nach der heiligen Stadt Jerusalem. Die Menschen feierten das Ende der Arbeit und den Anfang der Ruhe, sie feierten ihr Erntefest. Weinlaubkränze auf den Häuptern zogen Jünglinge und Jungfrauen voran und sangen mit der strotzenden Kraft ihrer Jugend das Lied der Lieder, dasLied der Arbeit und des Lebens, Die schwieligen Hände, die die Sense führten, erhoben sich kräftig und flink, die gekrümmten Rücken, die von der Sonne gesengt, von der Arbeit niedergedrückt waren, richteten sich auf — der Mensch, der freudige, starke,sinnestaumelnde erwachte — der dionysische. Und es erklang weit und breit durch Tal und Berg Judäas das Evoe, und es ertönte der Boden von den Schritten der Starken und Schönen — und fernhin hallte der Klang ihres Liedes — ihres rasenden Ringelreigentanzes. Und der Mond lächelte sanft und freundlich und die Bäume schüttelten wollustschauernd ihre Kronen, und rote goldene Blätter fielen auf die Erde hinunter und bedeckten wie ein Teppich dm Boden vor den stolzen und starken Menschenkindern, die den Herbst feierten. Und sie hatten ein Recht sich zu freuen, denn sie hatten geeggt und gesäet und geerntet, denn sie hatten den Frühling und den Sommer genossen, sie hatten vom Kelch des Lebens, des gesunden Arbeitslebens, in langen Zügen getrunken und lebten mitten in der Natur stark und froh. Das war einst deine Herbstfeier, o, du mein altes, armes, du mein geliebtes Volk! Rauhe, nordische Herbstnacht. Bleierner Himmel* schwere, schwarze, gespensterartig sich auftürmende, schreekeneinflössende Wolken über den Häuptern; schwere Tropfen fallen auf die Erde. Es heult der Wind und die dürren Bäume schütteln ihre Wipfel* und gelbes, welkes, totes Laub fällt auf die feuchte Erde, stürzt in die Pfützen. Es ist eine einsame Landstrasse. Nur irgendwo in der Ferne vernimmt man ein Bellen, sieht man, wie ein schwindendes Leuchten* ein Flämmchen, vielleicht einen Irrwisch, vielJeicht das einsame Licht eines Bauernhauses oder einer Wächterstube. Und Gestalten, junge und alte, alle schwarz und gebeugt, schleichen des Weges, lauschen furchtsam auf jeden Laut, beben und erschrecken bei jedem Rascheln des Laubes, ein nervöses Zucken und eine namenlose Pein schüttelt ihre Glieder bei dem blossen Laute ihrer eigenen hastigen Schritte in der schauerlichen Stille. Und plötzlich ertönt in der Ferne ein gellender, rasender Schrei, ein furchtbarer Notruf, der Todesschrei eines Gepfählten, der Angstschrei einer vergewaltigten Jungfrau. O, sie wissen, diese einsamen, finsteren Gestalten, wem dieser Schrei gilt und wessen Brust er sich entrang. Sie sind selbst Flüchtlinge, sie haben mit ihren eigenen Ohren diesen Schrei in nächster Nähe gehört, sie sahen mit ihren eigenen Augen, wie die Liebsten, die sie hatten, grausam gefoltert, getötet wurden, wie ihre Kinder entzweigerissen, ihre Frauen, Töchter und Bräute geschändet und gemordet wurden. 0, er ist ihnen bekannt, dieser Schrei der Verzweiflung, des Blutes, der zum Himmel nach Rache ruft. Sie kennen ihn. Ein anderes Kischenew* ein neues Hornel — neue Opfer, neue Leichen, Verstümmelte, Misshandelte, Geplünderte hier und dort in den tartarischen Steppen und am Pruth, in Galizien und in Irland. In allen Weltteilen haben ihn Himmel und Erde vernommen, diesen Angstschrei, dieses Todeslied — alle Völker haben das jüdische Blut gesehen und vergossen, alle haben es an ihren Händen und auf ihren Gewissen — und das jüdische Volk zieht, wandert unstät ohne Ruhe, auf finsteren, rauhen Pfaden, einen bleiernen, grausamen, wolkenschweren Herbsthimmel über sich und eine herzerstarrende Oede vor und hinter sich. Und sein einziges Lied, das es noch singen kann, ist der rasende Schmerzton, das

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