Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Article
Herbstmelodien
Date
1903-10-09
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316061-3337441--43468-3337571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 41 „bis # Welt" Seite 3 „Laubhütten" gebaut und wohnten darin, wir haben die Zweige der weinenden, trauernden Weiden abgeschnitten, um mit wildem Stöhnen gen Himmel Hosianna zu schreien, um Hilfe zu erhalten. — Wir waren ein Volk des Herbstes — das nicht leben kann und nicht sterben. Und darnach war alles gerichtet, unser geistiges und unser körperliches Leben; es war eine Resignation, ein Ueb er sichergehenlassen, eine Weltabgeketirtheit. Wir haben sogar den Zustand der Agonie als den normalen, einzig möglichen zu betrachten begonnen! Und traurig heulte der Wind, und finster blickte das Leben in unsere niederen Häuser! Und deshalb war unser Leben so unberechenbar, so zufällig, so unbestimmt, der rauhen Aussenwelt ganz schutzlos preisgegeben. Resurrexit, non est hic — Es ist aus. Wir haben ein neues Leben begonnen, wir wollen hinaus aus der dumpfen, erstickenden Atmosphäre, hinaus ins Freie, wo die Stürme brausen, wo die Orkane rasen und wo die gewaltige Lebenslust ihren Platz und ihr Recht erkämpft. „Hinaus in den Kampf, in den offenen" ist die neue Parole, das grosse erlösende Wort. Und mögen wir als Opfer fallen, zertreten von der überlegenen Macht des Schicksals, wir haben gelebt, wir habenden „Himmel gesehen". Entweder den grünen Rasen, die duftenden Blumen oder die kalte, weisse Schneedecke — Leben oder Tod, ein Mittleres soll und darf es nicht geben. „In deinem Blute sollst du leben, in deinem Blute sollst du leben" und „im Kampfe sollst du dir dein Recht erwerben." Das ist unser Lied der Herbstfeier, das ist unser Evoe, das wir hinausrufen überallhin, wo du bist, o du mein altes, armes, du mein geliebtes Volk! A. C o r a 1 n i k. Der erste jüdische Kongress in Palästina, Gleichzeitig mit dem VI. Zionistenkongress in Basel tagte in der Kolonie Sichron-Jacob in Palästina ein jüdischer Kongress, der den Zweck hatte, eine einheitliche Organisation aller in Palästina wohnenden Juden ins Leben zu rufen. Der grosse Saal des Administrationshauses war mit Fahnen und Guirlanden prächtig geschmückt; zwischen ihnen prangten die Porträts Rabbi Mohilewers, Monte fior es, Herzls, Nordaus, des ersten Zionistenkongresses, und anderer zionistischer Versammlungen. Im Ganzen waren 70 Delegierte und 60 Lehrer und Lehrerinnen erschienen, die von den Kolonisten in Sichron-Jacob herzlich empfangen und bewirtet wurden. Sonntag früh um 9 Uhr wurden die Verhandlungen vom Herrn Ing. Ussischkin eröffnet, nachdem er die zahlreichen Begrüssungstelegramme und Briefe verlesen hatte. Eine grosse Begeisterung rief das Telegramm des Baseler Kongresses hervor. Ins Präsidium wurden nebst Herrn Ussischkin als Vorsitzenden, die Herren Gluskin, Ettinger, Dr. Weitz und Jelin, als Sekretäre die Herren Eisenstadt, D r u j a n o w und Wilkometz gewählt. In seiner Eröffnungsrede entwickelte Herr Ussischkin die Grundsätze der neuzuschaffenden Organisation. Es handelt sich darum, die Juden in Palästina zu vereinigen, ein Zentrum zu bilden, das alle Kräfte, die für Palästina sowohl daheim als im Auslande arbeiten, sammeln und nach einem einheitlichen Plane zu einem Ganzen verbinden soll. Die in Palästina lebenden Ackerbauer, Lehrer, Kaufleute, Handwerker und Rabbiner sollten nicht mehr wie zerstreute Glieder jeder nach einer, anderen Richtung hin streben, sondern als einheitliche Körperschaft ein Ziel verfolgen. Die Organisation soll auf folgender Grundlage entstehen : Jeder Jude (auch Frauen), der das 18 Jahr erreicht hat und mindestens ein Jahr in Palästina wohnt und nicht von Unterstützungen lebt, gehört der Organisation an und zahlt einen Beitrag von 1 Frank jährlich. Alljährlich findet ein Delegiertentag statt, zu welchem 50 Mitglieder einen Vertreter im Alter von mindestens 20 Jahren entsenden. Auf dem Delegiertentage wird Rechenschaft gelegt, die Arbeit für das kommende Jahr fixiert und ein Aktionskomitee gewählt. Palästina wird in folgende 6 Distrikte eingeteilt: 1. Jerusalem und Chebron, Moza und Artuff. 2* Die judäischen Kolonien um Rimla. 3. Jaffa und Petach-Tikwah. 4. Nazareth, Tiberias und die nächsten Kolonien. 5. Ghedera, Sichron-Jacob, Caifa. 6. Safed mit den galiläischen Kolonien. Aus diesen Distrikten wird je ein Vertreter gewählt, die zusammen mit den 12 Beiräten und den 5 anderen Mitgliedern des Zentrums als Aktionskomitee in der Stärke von 23, der Zahl des kleinen Synhedrions, die Geschäfte der Organisation leiten, den Verkehr mit den auswärtigen für Palästina arbeitenden Gesellschaften pflegen, alle gemeinsamen Interessen der Juden Palästinas überwachen, alle dortigen Institutionen materiell und geistig unterstützen und bestrebt sind, das Hebräische zur lebendigen Verkehrsprache im Lande zu machen. Das Aktionskomite muss mindesten zweimal im Jahre eine gemeinsame Konferenz abhalten. Dieser Organisationsplan in der Eröffnungsrede Ussischkins rief eine bewegte Debatte hervor, besonders wegen der vorgeschlagenen Zugehörigkeit der Frauen zur Organisation. Gegen die Wahlbeteiligung und Wahlfähigkeit der Frauen stimmten 29 gegen 18 Delegierte. Die übrigen Punkte, über die weniger leidenschaftlich diskutiert wurde, wurden mit geringen Abänderungen angenommen. Mit der Organisationsfrage zusammenhängend erschien die Frage des Verhältnisses der Institutionen in Palästina zu den auswärtigen Vereinen und Personen, die für Palästina arbeiten, so zum Odessaer Komitee, zur „Ica", zum „Esra", zur „Alliance israelite" und zum Baron E, Rothschild. Es wurde beschlossen: Jede dieser Institutionen des Auslandes stellt einen Vertreter für das einzusetzende ausländische Komitee. Dieses muss über seine Unternehmungen in Palästina mit dem dortigen A.-K. beraten und von dem letzteren ebenfalls zu Rate gezogen werden. Was in Palästina geschehen soll, muss nach eingehender Beratung des inneren, sowie des auswärtigen Komitees unternommen werden. Die Exekutive obliegt dem ersteren, dem letzteren steht das Recht der Kontrolle zu, dass alles nach Beschluss ausgeführt werde. Es wurde eine Reihe von wichtigen Referaten gehalten, die um so mehr Beachtung verdienen, da die Referenten Männer sind, die seit langer Zeit in Palästina leben und mit den Verhältnissen sehr gut vertraut sind. Herr P i n e s referierte üher die frühere Ansiedlung in Palästina, Herr Redakteur Ben-Jehuda über das Verhältniss dieser zur neueren Kolonisation, Herr Mi c hl in gab in seinem Referate wichtige Mitteilungen über die Sephardim, Herr Dr. M a s i e referierte über die hygienischen Zustände in den Städten und in den Kolonien und Herr Dr. Joffe referierte über gegenwärtige Kolonisation. Alle diese Referate enthielten eine grosse Anzahl von weitgehenden Forderungen und Anregungen zur Hebung des geistigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.