Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 40 (30.9.1903)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1903-09-30
- Page
- 11 (sequence 6)
- Language
- German
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Ni\ 40 „bi$ # W^lt Seite 11 die ~ anderen Völkern selbstverständliche — Organisation in einem Staate fand? Der Zionismus ist national gewiss erziehlich, weil er den Angefeindeten und Gedrückten einen berechtigten Stolz und eine leuchtende Hoffnung gibt; aber eine Lösung des ganzen Problems kann er nie sein. In der Möglichkeit, sein Ideal zu erreichen, steckt die ausserordentliche Gefahr des Zionismus. Er nützt, insoweit er Juden und Ariern freimütig das jüdische Wesen darstellt; er schadet, wenn sein Staatsplan scheitert. Denn noch viel grösser als die Hoffnung wäre dann die Enttäuschung, noch viel herber der Spott und Hass der Feinde, die dem Judentum nur eine parasitäre Stellung zuerkennen, weil sie seine geschichtliche Aufgabe weder begreifen noch würdigen. Der Bankerott des Judenstaates — er würde den Triumph des erbitterten Pfahlbürgertums bedeuten, das heute che treuestc Garde des Rassenkrieges ist und diesen Krieg mit den gewöhnlichen Waffen aller Kraftlosen führt: mit Fluchen und Misstrauen. Aus der Untüchtigkeit zum Staate würden sie, die im Staate aufgehen, ohne dass ein Rest der Persönlichkeit bleibt, auf eine Untüchtigkeit des Volkes schliessen, obwohl die Tatsache einer Existenz durch Jahrtausende die Lebenskraft und damit das Lebensrecht eines Volkes als echter Zeuge erweist. Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruches ist nicht nur aus den fehlenden Bürgereigenschaften der Juden zu erklären. Der Jude ist auch kein Kolonisator — so wenig wie der Deutsche oder der Franzose. Die Tugenden der britischen Pioniere, die aus Urwald und Prärien Heimstätten schaffen, sind ihm fremd. Er geht nicht hinter dem Pfluge, bebaut nicht einen noch jungfräulichen Boden, er ringt nicht der Erde eine neue Kultur ab. So rasch und kühn er Gegebenes zu entwickeln vermag, so sehr bedarf er der fremden Initiative. Hilflos ständen die Trödler, Brantweinschenker, Kaufleute und Vermittler, das verelendete und entkräftete Juden Proletariat Osteuropas vor der gewaltigen Aufgabe. Die Probe auf jüdische Kolonisation wurde ja schon in Argentinien gemacht; und ich habe an Ort und Stelle erfahren können, wie völlig sie missglückte. So nutzlos wurden die Millionen der Baron H i r s c Irschen Stiftung vertan, dass ihre Zinsen ausreichten, um doppelt so viel Familien zu einer Rentner-Existenz zu verhelfen, als Juden aus ihr ein auskömmliches Dasein gewannen. Auch in Ostafrika fehlt die Begeisterung, die sich für Juden an das Wort ,,Jerusalem" knüpft. Was in Argentinien scheiterte, es wird in Uganda nicht gelingen. Der Zionismus, als Opposition verdienstlich, wird die Probe auf seine Regierungsmöglichkeit kaum bestehen. Es ist sehr begreiflich, dass sich das überschüssige und unzufriedene Intelligenz-Proletariat nach einem Wirkungsfelde sehnt, um die Führerstelle, zu der sein Geist es zu berechtigen scheint, zu erringen. Aber den Führern des Staates fehlt ein zur Staatsbildung taugliches Volk. Man glaube nicht, dass das Festhalten an der nationalen Eigenart, das bisher die Assimilation hinderte, für den Zionismus etwas beweist. Denn diese Eigenart ist eben eine staatsfeindliche. Der Jude ist — als Rassentypus betrachtet — Auflösung, Opposition, Revolution; er ist nicht Regierungspartei. Und nur mit einer solchen kann ein. Staat leben. Den verneinenden Kräften Judas setzen die arischen Völker ihre bejahenden entgegen und hemmen so die Zersetzung. In einem Judenstaate würde sie umso rascher und sicherer eintreten, weil kein Organismus sich von Negation und. Kritik, mag sie noch so geistreich und berechtigt sein, zu ernähren vermag. In Basel wird Ahasveis Reiseroute bestimmt. Uebcr Zion geht sein Weg nach Uganda. Aber es wäre ein Irrtum, zu meinen, dass an jener Station seine Pilgerfahrt ende. Ahasver muss weiter wandern, ein Werkzeug des göttlichen Geistes, ein Stachel für den Leib träger Völker, eine Peitsche für die Schläfrigen "und Larigsamen. Er wird übers Jahr nicht in Jerusalem sein und. nicht in Uganda bleiben. Er wird wandern, wandern, wandern . . . * Im „Jewish World" vom 25. September wendet sich Herr Samuel D a i c h e s aus Leeds, ein „Neinsager", mit scharfen Worten gegen Z a n g wi 11 und dessen bekannte Ausführungen über den sechsten Kongress. Der Artikel lautet folgendermassen : Das Ostafrikaprojekt beginnt schon ernste Folgen nach sich zu ziehen. Die Rede, die Mr. Israel Zangwill in der Great Assembly Hall am 5. September hielt, hatte sicherlich den Zweck verfolgt, den von Dr. Herzl dem Kongresse vorgelegten Plan zu verteidigen und dessen Gegner zu trösten. Aber nachdem ich seine Rede gelesen habe, habe ich dasselbe Empfinden gehabt, wie beim Kongresse nach der Abstimmung über Ostafrika. Der alte Schmerz erwachte, denn ich sah bereits den moralischen Schaden, den uns Ostafrika angerichtet hat. Aus Mr. Zangwills Worten tönt (vielleicht auch unbewusst) eine Verachtung der früheren zionistischen Tätigkeit. Glaubt er wirklich, dass die ganze zionistische Tätigkeit während der vorangegangenen sieben Jahre gar keine Bedeutung hatte, nicht einmal Dr. Herzls Audienzen beim Sultan? Ich würde daraus den Schluss ziehen, dass die rein politische zionistische Tätigkeit auf Erfolg nicht rechnen kann. Es seheint offenbar, dass wir bis nun als Zionisten purs et simples nur eitel Träumer waren. Mr. Zangwill selbst bestätigt diese Schlussfolgerung: Er meint: „Wir sind erwacht aus dem leeren Träumen." War alles nur ein leeres Träumen? Und diesem leeren Träumen hat sich auch Mr. Zangwill selbst hingegeben? Ich glaubte, der Zionismus habe uns von unserem langen Traum oder eher Schiale aufgerüttelt. Der Zionismus hat unser Selbstbewusstsein uns wiedergegeben; er hat uns gelehrt, die menschlichen Rechte zu fordern und an unsere geschichtlichen Rechte zu erinnern; durch ihn (den Zionismus) wurde es der Welt offen verkündet, dass die Juden ein Volk sind und dass wir in äusserst unwürdigen Verhältnissen leben. Vermittelst des Zionismus haben wir unser altes Land gefordert, das Land, welches der Welt ihre Religion und ihre Moral gegeben hat. Der Zionismus hat noch mehr geleistet. Hunderte von Juden, die vor der Taufe standen, die überhaupt ihr Judentum verleugnet haben, haben sich fest und stolz als Juden erklärt und scharten sich um das Banner von Zion. Wird Ostafrika auch Juden zu Juden machen? Ich glaube es nicht. Und in der praktischen Richtung haben wir die Kolonialbank gegründet und den Nationalfonds geschaffen. Ist all dies eitles Träumen? Waren wir deswegen „Luftmenschen"? Unsere Widersacher sagten es einst. Müssen wir es nun hören von unserem Gesinnun gsg en ossen Zangwill? Mr. Zangwill spricht dann über die Abstimmung und dieser Passus schmerzte mich am meisten. Er beschrieb diejenigen, die „Nein" sagten, von denen die meisten aus Russland waren, in Ausdrücken, die wir ungerecht nennen müssen. Wir müssen nicht nur ihre Gemütsbewegung, sondern auch ihren „politischen Sechel" bewundern. Sie widersetzen sich dem Ostafrikaplane nicht nur aus Gefühlsdrang, sondern auch aus politisch zionistischen Gründen. Glaubt Mr. Zangwill, dass die Neinsager keinen inneren Kampf hatten, um ihrer Idee treu zu bleiben? Er müsste doch auch wissen, dass es in dem Saale der russischen Konferenzen sehr stürmische Szenen gab. Und meint Mr. Zangwill, dass Menschen, wie Dr. Bernstein- Kohan, Dr. Tschlenow und Ing. T e m k i n, die seit dem ersten Zionistenkongresse die hervorragendsten russischen Zionisten sind und die eine sehr eifrige zionistische''Tätigkeit entfalten, den Zionismus weniger verstehen, als er? Ist Mr. Zangwill berechtigt, über solche