Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 40 (30.9.1903)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1903-09-30
- Page
- 10 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 10 lfbi« & W^lt Nr. 40 rakters bewusstes Judentum ist dem Volksleben seines Wirtsvolkes unvergleichlich ungefährlicher als ein sich ihm scheinbar assimilierendes, das die fremde Kultur, Moral und Eigenart rasch und sicher zersetzt. Aber man kann es begreiflich finden, wenn ein Sachwalter der innerlich hohlen und überall tedrohten Autokratengewalt vor oliener Verl indting der Widersacher zittert. Wäre auch Russlands Unterstützung bei dem schon seinen jetzigen Schwierigkeiten erliegenden Grossherrn vergeblich, der Druck eines so ungeheueren Feindes auf die Juden wird bei jedem Versuche eines praktischen Zionismus dem neuen Staate die meisten Bürger zuführen. Nun aber, da die Hoffnung, die geschichtliche Heimat wieder zu gewinnen, fast verschwunden ist, kam dem Baseler Kongresse neue, überraschende Kunde. Die britische Regierung hat sich bereit erklärt, in ihrer ostafrikanischen Kolonie eine jüdische Masseneinwanderung zu fördern — die Zustimmung ihrer Kolonialbehörden vorausgesetzt. Diese scheint allerdings von der geplanten Invasion nicht sehr erbaut zu sein; doch dürfte die Londoner Hochfinanz zugunsten ihrer Volksgenossen einen genügend starken Einfluss geltend machen, um einen sich von dieser Seite regenden Widerstand zu brechen. Nicht von dieser Seite droht also die Gefahr dem neuen Reiche; es trägt, wenn es sich als lebensunfähig erweisen sollte, in sich selbst den Todeskeim. Und fast scheint es, als ob die verlachte Utopie wirklich Gestalt annehmen wollte. Die Frage ist nur, ob wir es mit der flüchtigen Bildung eines Augenblickes, oder mit einer Schöpfung zu tun haben, die Geschichte wird. Noch ist es nicht so weit. Der Bericht der Kommission, die das Mandat von dem eine Heimat suchenden Volke erhielt, steht noch aus und erst ein späterer Kongress hat die Entscheidung zu treffen. Aber schon jetzt kann man glauben, dass er mit der Uebersiedlung von Zion nach Uganda einverstanden sein wird. Hat er doch, wie schon sein diesjähriger Beschluss beweist, Wasser in seinen Wein getan. Noch beherrscht ihn die gewandte Diplomatie seines Schöpfers H e r z 1, der aus Sehnsucht und Trotz diese gewaltige Bewegung schuf. Die Führer werden den Befehl erteilen, und in allen Teilen der Erde wird ihr Ruf an die Juden ergehen. Werden sie die biblischen Stätten am Victoria Njanssa-See wiederfinden? Wird von dem über alle Länder zerstreuten Volke der Fluch der Diaspora genommen werden? Wie immer, findet sich die Lösung für das Rätsel der Zukunft in der Vergangenheit. Auf die Frage: Wird Juda einen Staat bilden? — liegt die Antwort in einer zweiten Frage: Weshalb bildete Juda seit Jahrtausenden keinen Staat mehr? Auch andere Völker haben ihre Selbständigkeit verloren; sie tauchten dann unter in dem Meere der Geschichte und verschwanden spurlos in ihm. Kein einziges hat Staat, Land und Sprache verloren, sich auf der ganzen Erde zerstreut und ist dennoch ein Volk geblieben. Das kann nur zwei Ursachen haben: eine ausserordentlich hohe nationale Lebenskraft und ein ausserordentlich geringes Talent zur Staatsbildung. Nicht nur die letzten Jahrhunderte, in denen wir die Juden als Anstifter oder Beihelfer bei allen Zerstörungen überlieferter Formen sehen, beweisen das; die ganze Geschichte des jüdischen Staates zeigt uns ein stets kritisches, auflösendes, zur positiven Untertanenhingebung ganz unfähiges Volk. Der Jude fühlt — es ist eines der rühmlichsten Verdienste der Zionisten, diese Wahrheit gegen alle liberalen Heucheleien zur Ehre gebracht zu haben — nationaler als jedes andere Volk: aber sein Staat ist die Gemeinschaft aller Juden und ist völlig unabhängig von irgend einem Tenitorium oder einer völkerrechtlichen Form. Der Jude ist kein Bürger. Ihm fehlt die bescheidene Aufopferungsfähigkeit der organisierten Mittelrnässigkeit. Hier ward dies einmal mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Der Jude hat kein Talent für den Staat Die glänzendsten Eigenschaften genügen daher nicht, im Gegenteile, sie verringern nur die Eignung; erforderlich sind vielmehr: Unterordnung, Mangel an selbständiger Persönlichkeit, fehlender kritischer Sinn, Selbstaufopferung. All das fehlt dieser Rasse. Ein Staat wird von gleichmässig gearteten Individuen gebildet; ihr Unterschied an Zahl, Bildung und Tüchtigkeit ist für seine Bedeutung entscneidend. Ob aber Abyssinier oder Franzose — der Bürger ist eine bestimmte Grösse von bestimmter Art. Der Jude ist selbständig, unberechenbar, immer anders. Kurz gesagt, der Staat braucht Typen; der Jude ist aber fast immer ein Individuum, unbestimmbar und unlenksam und daher nicht geeignet zum Bürger. Eben deshalb ist er zu einer genauen Kritik befähigt, sieht überall die Schwächen und Fehler. Er ist als Reformer, wo nicht gar als Revolutionär geboren. Das allein erklärt seine dauernde Unbeliebtheit bei allen zur Staatsbildung geeigneten Völkern, erklärt ferner auch, weshalb er sich ihnen nie amalgamierte. Denn mit dem Zugeständnisse, dass die Juden ein Volk sind, ist ja noch nicht erklärt, wieso dieser zersprengte Stamm sich zwei Jahrtausende und mehr unter fremden Völkern aufhielt, ohne in ihnen unterzugehen. Nur wenn man sich vor Augen hält, dass diese Rasse untauglich zur Staatsdienerschaft ist, wird das historische Phänomen begreifbar, dass, während grosse Völkerschaften mit und ohne Spuren aus der Geschichte verschwanden, diese wenigen Menschen sich und ihre Art unverändert erhalten haben. Man möchte beinahe glauben, dass alle Völker dem Staatsgedanken ihre beste Kraft opfern und schliesslich, ihres Eigensten beraubt, mit der von ihnen geschaffenen Staatsform zugrunde gehen, während jene, die niemals sich zur Knechtschaft zwingen. Hessen, damit auch das Geheimmittel des ewigen Lebens gefunden haben. Es lautet: Persönlichkeit .... Der neben ihnen wohnende Untertan, der in Furcht und Ehrfurcht vor allen Gewalten lebt und sich von ihnen Stellung und Wert bestimmen lässt, sieht entweder neidisch oder erbittert die ungeheuere, zähe Selbständigkeit der Juden. Ihm muss es als Ueberhebung erscheinen, wenn ein Zwang, dein er sich willig unterwirft, von anderen nicht ertragen wird. Was er als selbstverständliche Unterordnung unter eine — gleichviel von wem — eingesetzte Autorität empfindet, wird von dem Juden kritisch überprüft. Die ewigen Fragen des Juden, die oft zu schlechten Scherzen verwendet werden, erklären in Wahrheit die Judenfrage. Diese verwegene Neugier mit ihrem furchtbaren „Warum?" ist für die Regierenden eine Gefahr und für die Regierten eine Demütigung. Der Jude ist das Element der Zerstörung und damit auch der Keim zur Entwicklung. Die grossen Umwälzungen sind zwar nie von ihm ausgegangen — denn neue eigene Gedanken sind ihm sehr selten gegeben — aber er hat bei fast allen Patendienste verrichtet. Kapitalismus, Parlamentarismus, Sozialismus, Journalismus — diesen und allen anderen, die Entwicklung bestimmenden Erscheinungen hat er sein Gepräge aufgedrückt. Man möchte an einen Zweck in der Natur glauben, wenn man die Tätigkeit der Juden betrachtet. Dieser kleine Stamm, dessen Geschicke so aussergewöhnlich sind, hat auch eine aussergewöhnliche Stellung in der Geschichte. Seine Aufgabe ist es, zu verhindern, dass die Menschheit am Ueberkommenen kleben bleibe, dass abgelebte Institutionen, ewig dauern. Er ist ein Element der Gährung — die Feinde sagen: der Fäulnis. Sei es drum! Wir sind nicht berechtigt, die geheimnisvollen Absichten der Entwicklung zu richten. Aber diese Mission hat den Hass der Beharrenden geweckt und erklärt völlig ausreichend — nach meiner Ansicht allein genügend — den Antisemitismus. Deshalb scheint mir die Gründung eines judenreiches ein gewiss wohlgemeinter, aber nicht aussichtsreicher Vorschlag zu sein. Die Zionisten sehen, klüger als die „liberalen" Juden, ein, dass die judenfeindlichen Empfindungen, die überall und immer vorkommen, kein blosser Zufall sein können; warum begreifen sie aber dann nicht auch, dass es kein blosser Zufall sein kann, wenn dieser Stamm immer..auf der Erde verstreut blieb und seit dem ältesten Altertum niemals