Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 40 (30.9.1903)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1903-09-30
- Page
- 9 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 40 „bie # weit" Seite 9 sehen Volkes. Möge He rzl, ungleich glücklicher als Moses, der ein entartetes Volk durch vierzig Jahre in der Wüste umherführen musste, das jüdische Volk über Ostafrika, „wo wir zur Erhöhung der menschlichen Gesittung beigetragen haben werden", nach Zion führen. * Unter dem Titel: „Basel, Zion, Uganda" schreibt der „Don Quixotc", die von Dr. Ludwig Bauer herausgegebene Zeitschrift, in Nr. 62 folgendes *): Während der Demütigungen und der Triumphe der Diaspora, während der Jahrtausende eines blutbefleckten, vonRache und Neid bedrohten, von Sorgen erfüllten Exiles, in Schmach und Tod, wie in Sieg und Stolz ist in Judas unbezwingbar zähem Stamme ein Gedanke nie erloschen: die Hoffnung auf die Erneuerung des alten Gottesreiches, auf die Wiedergeburt des auserwählten Volkes, dem vom zürnenden Jahwe die Strafe langer Verbannung auferlegt worden war. Blieb es doch das Volk des Bundes, hatte es doch mit solch unlöslichem Bande seinen Gott gebunden und über kurz oder lang musste sich die frohe Verheissung des erneuerten davidischen Reiches erfüllen und aus Isai's königlichem Hirtengeschlechte der neue Herrscher erstehen. Während das stahlharte Volk in der Wirklichkeit des Tages aufzugehen schien, träumte es seinen verwegenen Traum. An ein altes Buch gebannt, wurden ihm die wirren Phantasien trotziger Empörer und visionärer Schwärmer zur Wahrheit. An alle Sätze dieses Buches, dieses Testamentes eines strengen und väterlichen Gottes, der seinem Lieblingsvolke die Herrschaft über alle Völker vermacht hatte, klammerte sich der ausserordentliche, trockene und bohrende Verstand seines Volkes; jeder Satz ward — nicht etwa geprüft, sondern erörtert und jede Möglichkeit bis in ihre letzten Schlupfwinkel verfolgt. So entstand jenes Wunderwerk verirrten menschlichen Geistes, der Talmud, und in den dunklen Löchern, in denen sich das Gottesvolk vor dem Hasse der Ungläubigen verbergen musste, schärfte ^sich der Geist, spitzfindig grübelnd und unfruchtbar, an den Buchstaben der Vorschriften. Jenseits der niedrigen und nur schlecht schützenden Mauern des Ghettos glühte der Hass der siegreichen Christen gegen die Mörder ihres Gottes; und Juda bezahlte wucherisch den Hass mit Verachtung. Dieses zähe Vertrauen auf die Hilfe seines Gottes, es hat sein Volk unversehrt über Mord und Brand, durch Blutströme und Scheiterhaufen getragen. Und jedes Jahr, wenn des hohen Festes Weihestunde kam, erscholl bei dem geschmückten Tische der zuversichtliche Segenswunsch : Uebers Jahr in Jerusalem! Erklang es wirklich in allen Judenhäusern, das Wort? Nun, es kam wohl vor, dass dieser oder jener abtrünnig wurde. Doch — das war nur eine seltene Ausnahme; Not ist ein allzu guter Kitt. Was konnten ein paar erbärmliche Verräter ändern an dem grossen Tage des Sieges und der Herrschaft? Gingen sie zu den Feinden über, zu E s a u s verfluchtem Samen, Israel kam doch, ein König der Völker, übers Jahr nach Jerusalem. Diese seltsame fixe Idee lag zu tiefst in jedem jüdischen Herzen. Juda lebte sein eigenes Leben und wusste von dem der Christen so wenig wie diese von dem seinen. Welten lagen zwischen ihnen . . . Erst das Jahrhundert des Geldes, das alles zerstörte, indem es alles einander gleichmachte, riss das Ghetto nieder, ohne das geistige Ghetto ebenfalls zu vernichten. Immerhin, es gab eine Bresche. Und die feineren Geister des auserwählten Volkes begannen zu ahnen, dass die Renaissance Judas nur symbolisch zu nehmen sei. Nicht im Besitze einer verkommenen türkischen Stadt, sondern in der Herrschaft der Geister, im siegreichen Durchdringen jüdischen Wesens lag der verkündete Sieg. So entstanden die grossen Geldfürsten, Zeitungspaschas, Parteihäuptlinge Israels, seine ganze, wie über Nacht aus dem Schlafe des Talmuds erwachte *) Wir bringen diese Ausführungen, ohne uns mit den Meinungen des Verfassers über die. Juden identifizieren zu wollen. Die Red. Intelligenz. Indem diese jüdische Gentry den äusseren Formen Europas sich unterwarf, unterwarf sie Europa ihrem innersten Wesen. In der kapitalistisch-materialistischen Aera sieht sie entzückt ihre Zeit angebrochen; in einer solchen Epoche muss ihre angeborene höhere Eignung über die untüchtigeren Nebenbuhler siegen. Was soll ihr also der alte Wortkram der Hagada? Die vermoderte Verheissung erinnert sie nur unangenehm an die Neuheit ihres Europäertums. Also weg mit ihr! Doch tief unter jenen Tausenden rasch Emporgestiegenen stehen Hunderttausende, die zurückgeblieben sind. Wortgläubige, auch nicht äusserlich Zivilisierte, Asiaten, die sich als solche fühlen und von Europens übertünchter Herrlichkeit nichts wissen wollen. Das Wort „Jerusalem'' ist für sie nicht ein blosses Wort, ein geographischer Begriff, sondern der Segen Gottes, das Glück ihres Lebens. Sie haben jenes Land nie gesehen, das um Zions Mauern sich erstreckt, aber die Worte jenes heiligen Buches genügen ihnen, um zu fühlen, dass nur dort ihre Heimat sein kann. Möglich, wahrscheinlich sogar, dass dieser Glaube nur ein Aberglaube ist; aber in seiner unbeugsamen Hartnäckigkeit, in seinem kalten Feuer, das die Jahrtausende nicht loöschen konnten, liegt etwas Ehrfurcht Weckendes. Ein verbanntes Volk, das in sein Urväterland will, weil seiner Väter Land ihm kein Vaterland, ist — das ist ein Schauspiel, wie die Geschichte noch kein ähnliches sah! Eine solche Sehnsucht ist Kraft, und Kraft muss genutzt werden. Die unklaren Wünsche bedürften nur eines Steuermannes, und das Fahrzeug musste in Bewegung kommen. Nun ist der Steuermann da, der Zionismus. Noch sind keine zehn Jahre verrauscht, seit dieses Verlangen zum erstenmale eine bestimmte Form annahm, aus dem Chaos wirrer Dränge zu einer fest umrissenen Gestalt wurde; zum sechstenmale tagt der Zionistenkongress erst und schon kann er auf Erfolge zurückblicken, die selten einer so jungen Bewegung beschieden waren. Das russische und rumänische Judenproletariat schart sich begeistert um die neue Fahne, die das Symbol seiner alten Sehnsucht ist; und die Jugend, deren Annäherung an fremde Nationen und Parteien von diesen nur mit Misstrauen und Hass vergolten wurde, beginnt sich näherer Aufgaben bewusst zu werden. Würdelosigkeit und Ohnmacht wurden von Selbstbewusstsein und Hoffnung abgelöst; nicht von jenem spekulativ-abstrakten Selbstbewusstsein, das Juda im Uebermass hatte, sondern von einem konkreten, wie es jede Nation, die in sich ein Daseins recht trägt, haben muss. Das ist vielleicht der grösste Nutzen, den die zionistische Idee ihrem Volke bringen wird: die feste Zuversicht auf die nationale Wiedergeburt. Die Wiedergeburt selbst wird sie kaum erreichen — weil sie unerreichbar ist. Jetzt freilich sehen sich Judas Aussichten günstiger an. Der letzte Zionisten-Kongress hat uns nicht nur seine Fortschritte im Judentum selbst gezeigt, sondern durch seine Verhandlungen mit drei Regierungen neuerdings nachgewiesen, wie nationale Entschlossenheit immer auf Achtung rechnen kann. Die russische Regierung unterhandelte mit Dr. Herz 1. dem rastlosen Ermunterer der Juden, wie Macht zu Macht. Ais historisches Dokument wird der klug-kalte Brief Plehwes stets denkwürdig bleiben. Nüchtern trotz aller humanitärdemokratischen Phrasen rausche, zu denen Juda als öffentlichster Meiner das denkschwächere Europa zu verleiten wusste, spricht er die rauhen Wahrheiten des politischen Lebens aus. Russland ist jedes Mittel recht, die Zahl seiner Juden zu verringern; denn es empfindet diese Millionen. Menschen, die seinen Gefühlen, seinem Staatswesen und seiner volklichen Eigenart fremd, ja feindlich gegenüberstehen, als Gefahr. Deshalb begrüsst es den Zionismus wie eine Befreiung und. sichert ihm jede Unterstützung zu, insoweit er nicht die im Lande bleibenden Juden national organisieren, sondern die national Empfindenden aus dem Lande führen will. In dieser Unterscheidung liegt freilich eine übertriebene bureaukratische Angst vor Organisation; ein seines nationalen Cha-