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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
[Kommentar]
Date
1903-09-30
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 „bie # w^it" Nr. 40 interessanten historischen Erscheinungen so reiche Stadt des näheren kennen gelernt zu haben. All meine Fähigkeit zu denken und zu bewundern, zu sehen und zu hören, hatte der Kongress absorbiert, und als am Freitag den 30. August um halb 7 Uhr der Kongress geschlossen wurde und ich die mir so lieb gewordene Stätte verlassen musste, da sagte ich zu mir: ,,Gelobt seist du, Ewiger, dass du mich diese Tage hast erleben lassen." Von Personen, die sämtlichen vorangegangenen Kongiessen beigewohnt hatten, wird zugestanden, dass der VI. Kongress der bedeutsamste, der spannendste sämtlicher bis jetzt stattgefundenen Kongresse war; wie gewaltig musste derselbe also auf diejenigen wirken, die einem solchen zum erstenmal beiwohnten. Was den VI. Kongress vor allen anderen auszeichnete, das war unstreitig die aufgeworfene Frage der Besiedlung Ostafrikas. Sie fiel wie eine Bombe in die der Eröffnungsrede He rzls atemlos lauschende Menge. Eine ungeheuere Erregung bemächtigte sich des ganzen Kongresses, und wenn die Abstimmung über dieses Projekt sogleich nach seiner Publizierung erfolgt wäre, ich glaube, es hätte sich eine überwältigende Majorität dagegen ergeben, so -sehr waren die meisten Kongressteilnehmer vom nationalen Gedanken beherrscht, den sie im ersten Momente der Ueberraschung durca das Ostafrikaprojekt bedroht glaubten. Als die österreichische Landsmannschaft (sie hat nahezu einstimmig für die Einsetzung der Kommission gestimmt) bald nach der Vorlage des Projektes zu einer Sitzung zusammentrat, um über die Abstimmung schlüssig zu werden, da waren nahezu die meisten mit sich einig, dagegen zu stimmen. Mir aber erschien dieser Ausweg der Besiedlung Ostafrikas wie eine Erlösung für unser arm s} entrechtetes und gemartertes jüdisches Volk. Diesen Standpunkt habe ich auch in unserer Landsmannschaft vertreten. Wir Frauen, die wir mehr mit dem Herzen als mit dem Kopfe denken, wir können nicht anders über die Sache urteilen. Nicht wir, die 600 beim Kongresse anwesenden Delegierten haben über diese Frage abzustimmen, hier sollen die Hunderttausende urteilen, die, vertrieben und verjagt aus der Heimat, in welcher ihre Vorfahren seit Jahrhunderten angesiedelt, unstät und flüchtig, umher irren, hier sollen die Tausende reden, die jetzt in panikartiger Flucht einem weiteren Kischenew entrinnen wollen. All diese Hunderttausende sollen entscheiden, die seit Jahren in der erstarrenden Kälte des Winters, in der sengenden Glut des Sommers zugrunde gerichtet und heimatlos als Bettler durch die Lande ziehen, die Hunderttausende, die Russland hinausjagt und die Amerika wieder zurücktreibt. Alle, diese Märtyrer ihres Glaubens, die sollte man versammeln und sie fragen: Wollt ihr noch weiter Ahasver sein und wandern, wandern bis ihr niedersinkt, oder wollt ihr in ein schönes Land ziehen, das euch gastlich aufnehmen wird, wo ihr unter dem Schutze des grossen britischen Reiches und unter der Verwaltung eurer Stammesgenossen wohnen werdet, also in einem autonomen jüdischen Staate, wo ihr euch nach der Väter Sitte ausleben und den Zionsgedanken weiter pflegen könnt, wollt ihr in dieses Land — das aber nur Ostafrika ist — einziehen? Wie würde wohl die Abstimmung ausfallen, wenn man diese halbverhungerten Scharen, diese Enterbten des Glückes, diese aller Menschenrechte Beraubten zur Abstimmung rufen würde? Wahrlich, os ist höchste Zeit, dass die Zionisten von der Propaganda des Wortes zur Propaganda der Tat übergehen, dass der arme Ahasver sein Haupt endlich zur Ruhe betten könne, wenn auch einstweilen in Ostafrika. Dann werden Hunderttausende den Tag segnen, der ihnen dieses hohe Glück beschieden. Dieses starre Festhalten an dem nationalen Gedanken um jeden Preis, angesichts des Umstandes, dass die Lage der Juden nicht nur im Osten, dass die Lage der Juden des ganzen Weltalls eine düstere ist, wäre unfassbar. Beeilen wir uns mit der Gründung der neuen Heimstätte, wer weiss, ob nicht bald viele von uns, viele von den „Neinsagern" sich nach ihr sehnen werden, Halte keiner sich für sicher. Der noch heute unter Palmen wandelt, kann schon morgen vielleicht sein Haupt auf einen Stein in der Wüste betten, denn das Faustrecht ist in dieser Welt proklamiert und der Stärkere erschlägt den Schwächeren. Es ist nahezu unfassbar, dass es just die Russen waren, die dem Projekt der Ostafrikabesiedlung so ungeheuren Widerstand entgegensetzten. Als das Resultat der Abstimmung bekannt wurde, da verliessen sie demonstrativ den Saal, sie zogen sich zurück und Weinen und Wehklagen lief durch ihre Reihen, Frauen fielen in Ohnmacht. Einer russischen Delegiertin, einem sehr jungen und sehr zarten Mädchen, wurde vorgehalten, wie sie nur angesichts der fürchterlichen Lage der Juden in Russland gegen das Projekt stimmen konnte. „Wir wollen euer Erbarmen nicht," antwortete sie, „ihr seid Brotzionisten, wir wollen unseren Zionsstaat," und a's man ihr Kischenew entgegenhielt, antwortete sie: „Ueber Leichen werde ich in Palästina einziehen!" Wir wollen hoffen, dass die Zeit diesen Fanatismus in richtige Bahnen lenken wird. Als der Moment der namentlichen Abstimmung herannahte, konnte man bemerken, dass sich namentlich auf der linken Seite des Saales, wo gegen die Mitte zu die Hauptmasse der rusischen „Neinsager", wo überhaupt der Sitz der Opposition war, ein furchtbarer Zündstoff gelagert hatte. Es hatten sich einzelne Gruppen gebildet, darunter viel weibliches Element, das oft bis zur Sinnlosigkeit erhitzt, seinen Standpunkt verteidigte. Russen und Oesterreicher nebeneinander gruppiert, gerieten oft in ein beängstigendes Wortgeplänkel, und nur der Einsicht einiger besonnener Elemente war es zu danken, dass die erhitzten Gemüter nicht ausarteten. Mit welchen Mitteln auch gekämpft wurde, beweist der Umstand, dass man kurz vor der Abstimmung das auch von vielen geglaubte Märchen verbreitete, das Scheitern des englischen Projektes wäre Dr. H e r z 1 selbst, sehr lieb und er wünsche, dass es abgelehnt werde. Der Moment der Abstimmung kam heran, und die Ansprache, die Dr. Herzl vor Beginn derselben an die Versammelten richtete, war von so hohem Ernste erfüllt, er betonte mit solch bedeutungsvollem Nachdrucke, dass wir dem mächtigen britischen Reiche unsere Dankbarkeit für sein grossartiges Anerbieten vor allem durch Entsendung einer Kommission zur Erforschung des Landes beweisen müssen, dass erst in diesem Augenblicke so manchem die weitgehende Bedeutung der Abstimmung klar wurde; man wurde sich dessen voll bewusst, dass eine Ablehnung der Entsendung der Kommission zu einer unheilvollen Katastrophe im Zionismus führen würde. Und deshalb wurde es auch als ein gutes Omen betrachtet, als der erste zur Abstimmung Vorgerufene mit sonorer Stimme sein kräftiges „Ja" in den Saal hineinschmetterte. Was die faktiöse Opposition anbelangt, so haben alle diese unerquicklichen, den Tätigkeitsdrang des Kongresses hemmenden Debatten, die sie verschuldet, nur dazu beigetragen, die hohe Unparteilichkeit und Objektivität, mit der Dr. Herzl dem Kongresse präsidierte, ins hellste Licht zu stellen. Denn, wenn die Erbitterung aller einsichtigen und von der Würde des Kongresses durchdrungenen Teilnehmer aufbrauste, un.d die Träger der Opposition durch Entrüstungsrufe zum Verlassen der Tribüne, mit der sie Missbrauch trieben, zwingen wollte, da hatten sie es nur der fast zu weit gehenden Unparteilichkeit Dr. H e r z 1 s zu verdanken, der sich bittend und ermahnend an die Delegierten wandte, dass sie ihre Reden zu Ende halten konnten. Auch hier wollen wir hoxfen, dass die Zeit der Einkehr kommen und dass diese Dissidenten einsehen werden, dass nur Einigkeit zum Ziele führt und dass der Mann, der unsere Sache bis jetzt so glänzend geführt, der als politischer Leiter des jüdischen Volkes bei den mächtigsten i<'Oeningen der Welt akkreditiert ist, es verdient, dass wir uns vertrauensvoll seiner Führung unterwerfen. Der VI. Kongress bedeutet eine Etappe in der Geschichte des jüdi-

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