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Die Welt · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Article
Warnung [Kommentar]
Date
1903-09-25
Page
6 (sequence 4)
Language
German
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Seite 6 „bie # weit11 Nr. 39 das Volk erziehen könnten, dann schaffen wir selbst ein neues Golus, wir Zionisten selbst, die wir in erster Reihe ein Zentrum in unserer Heimat fordern. „Mit dem vielen Reisegelde, das das jüdische Volk für seine Wanderungen ausgibt, hätte es längst einen Judenstaat gründen können." So ungefähr äusserte sich Zangwill. Und er hat nur zu recht. Aber sein Vorwurf gilt nicht allein der „Ica". sondern in gleichem Masse dem Afrikaprojekte. Ist es Z an g will gleichgiltig, ob Palästina oder Uganda, wenn wir einen Judenstaat haben, dann ist er kein Zionist. Hält er aber Uganda für ein Nachtasyl, dann empfiehlt er eine neue Wanderung . . . * Es ist wahr, dass tausende Elender und Hungriger des Schutzes bedürfen; aber der Zionismus darf nicht zu einer philanthropischen Aktion herabgewürdigt werden. Man hofft, die Tausende, die jährlich nach Amerika emigrieren, nach Afrika zu leiten und mit ihnen den Judenstaat zu gründen. Diese Auswanderer ziehen aber in einen kulturellen wohlgeordneten Staat, in der Zuversicht, dort gleich ihr Brot zu finden, ohne etwas von den Lebensgewohnheiten aufgeben zu müssen. Glauben die Afrikaanhänger wirklich, dass dieser Wanderstrom sich wird von Amerika ab- und Afrika zuleiten lassen, wo keine Kultur besteht, wo eine solche erst neu geschaffen werden muss? Glauben sie wirklich, mit diesen Wanderern einen jüdischen Staat gründen zu können? Welche treibende Kraft setzen sie denn bei ihnen voraus, die sie anspornen sollte, ein wüstes unkultiviertes Land in ein solches von Kultur zu verwandeln? Dasselbe England, das uns in Afrika Autonomie verspricht, hat einem kleinen Volke, das Jahrhunderte lang für seine Freiheit lebte, das Recht der Selbstbestimmung entzogen. Uni wir glauben nicht, dass das Wort Autonomie, so schön es klingen mag, einen grossen Teil eines Volkes zu verlocken vermag, nach einem unbekannten, völlig unkultivierten Lande zu ziehen, das nicht die leiseste Beziehung zu seiner Geschichte und Vergangenheit hat, um dort Kultur zu schaffen. Noch unglaublicher scheint es uns, dass dieses Wort einen solchen Zauber besitzt, dass ein Volk sich der Riesenanstrengung unterzieht, Leben in ein unkultiviertes Land zu bringen mit dem. Bewusstsein, nach vollbrachter Arbeit dieses Land zu verlassen und in seine Heimat zu ziehen. Zweimal verhandelte Herzl mit der Pforte. Die Zugeständnisse, die ihm gemacht wurden, entsprechen nicht den Anforderungen des Baseler Programmes und Herzl sah sich genötigt, sie zurückzuweisen. Nun bietet uns England etwas, was ebenfalls nicht mit dem Baseler Programme im Einklang steht und doch brachte es Herzl vor den Kongress. „Es ist nicht Zion und wird es niemals sein!*' sagte er selbst in Bezug auf Englands Anerbieten, als man die Kolonialbank für Ostafrika in Anspruch zu nehmen beantragte. Daraus folgt, dass Afrika nicht dem Baseler Programme entspricht. Wir befinden uns wieder vor einem Dilemma: Sicherlich, es fehlte in dem Anerbieten der Türkei das Zugeständnis des Punktes „Qefifentlich rechtlich", wie es das Baseler Programm erfordert und deshalb konnte es nicht akzeptiert werden. Nun aber fehlt auch in dem englischen Anerbieten der Punkt „Palästina" und es entspricht deshalb nicht dem Baseler Programm. Wie durfte nun das Anerbieten der Türkei wegen des Widerspruches mit dem Baseler Programm abgewiesen werden? * Ein Afrikaredner erlaubte sich auf der Tribüne des Kongresses folgende Logik: „Das Baseler Programm fordert eine „Heimstätte" und „Palästina." Nun gibt uns England einen Tpü davon, die Heimstätte; diese sollten wir annehmen.^ Er vergass dabei, dass Nachtasyl kein Synonym von Heimstätte sei. Und abermals ein Dilemma Entweder die ,,Afrikaner" wollen ein „Asyl" und ihr erstes und letztes Streben bleibt nach wie vor „Zion"; im Anerbieten Englands haben sie aber weder „Ziona noch eine Heimstätte, oder sie sehen in Afrika eine wirkliche Heimstätte, nicht ein blosses Nachtasyl, dann aber setzen sie dieses an Stelle von Zion. Für jeden Fall steht der Afrikavorschlag in keiner näheren Beziehung zum Zionismus als der Vorschlag der Türkei. * Manche meinen, es hätte sich auf dem Kongresse gar nicht um die Kolonisierung von Ostafrika gehandelt, sondern bloss um die Entsendung einer Expedition. Nordau selbst war dieser Ansicht und teilte die Frage in drei Punkte: Entsendung einer Expedition, die Frage des Nachtasyls und die Frage der Ansiedelung in Ostafrika. Nordau verwahrte sich gegen den Vorwurf talmudischer Pilpulistik. Und doch können wir ihm den Voiwurf der Parodoxie nicht ersparen. Vor allem musste der Kongress befragt werden, ob er die Gründung eines Nachtasyls billigen könne, dann erst konnte die Frage gestellt werden, ob eine Kommission einzusetzen sei. Die Ablehnung der ersten Frage hätte die Stellung der zAveiten unmöglich gemacht. Es ist ja klar. Eine Expedition zur Erforschung des Landes wird ja nicht aus rein geographisch-wissenschaftlichem Interesse, sondern zu dem Zwecke eingesetzt, um zu erforschen, ob das Land zur Gründung eines Judenstaates geeignet sei. Findet die Expedition das Land geeignet, so werden wir es seibstvei ständlieh besiedeln. Für diese Voraussetzung mussten wir vorerst gefragt werden, ob wir ein Nachtasyl wünschen. Die Annahme des Antrages behufs Einsetzung einer Kommission involvierte also die Bejahung der zweiten Frage, der Gründung eines Nachtasyls. Anders kann man die Sache nicht nehmen. Wir wissen es: wenn die Kommission das Land günstig beurteilt, wird die Angelegenheit dem Kongresse unterbreitet werden. Halten wir einmal, wie gesagt, diese Ansiedlung für dem Baseler Programm widersprechend, so hätten wir auch die Wahl aus demselben Grunde unterlassen sollen. Wir sind oft geneigt, Dinge zu tun, die wir bei anderen perhorreszieren. Die „Ica" schickt jahraus-jahreiu Expeditionen nach entlegenen Gegenden behufs Erforschung ihrer Eignung zu Kolonisationszwecken. Wir begehen nun denselben Fehler. Heute entsenden wir eine Expedition zur Erforschung von Ostafrika,morgen werden wir Brasilien erforschen lassen; heute wenden wir uns an England, morgen werden wir uns an eine andere Regierung wenden. Wodurch unterscheiden wir uns nun von der „Icaa, die wir —- mit vollem Rechte — als antizionistisch, ja antinational bekämpfen? So oft wir gegen die „Ica" den — gerechten — Vorwurf erheben, dass sie unnützerweise ihre Kräfte in anderen Ländern vergeude, während es doch in Palästina so viel fruchtbare Arbeit gebe, gibt uns die „Ica" zur Antwort, dass es jetzt nicht möglich sei, in Palästina zu arbeiten. Diese Antwort hielt uns nicht ab, gegen die „Ica8 zu kämpfen, im Bewusstsein, dass sich in Palästina denn doch etwas tun lässt. Jetzt führen wir die Antwort der „Ica" im Munde und tun dasselbe, was sie getan hat. Wir sagen: In Palästina können wir nach unserem vorgefassten Plane nicht arbeiten, wir müssen also ein Nachtasyl anderswo aufsuchen und ausforschen. Dass unsere Gründung sich von denen der „IcaB durch die Autonomie unterscheidet, ändert an der Sache nichts. Autonomie hätte für uns nur im eigenen Lande einen Wert, nicht aber in der Fremde, in einem -„Nachtasyl". Und wir beharren nun bei dem Gedanken, der uns nicht aus dem Sinn will: In einem Nachtasyl

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