Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Article
- Warnung [Kommentar]
- Date
- 1903-09-25
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 „bis $ weif» Seite 5 der Bewegung prägten d?.e Schattierungen nach Parteien sich immer stärker aus; uiese wuchsen mit der Bewegung wie die einzelnen Zellen eines vollständigen, einzigen Organismus. Die Gruppierung nach Parteien war nichts weniger als bedauerlich; sie ermöglichte allen Anhängern der Bewegung, dem einen Ziele zuzustreben, ohne ihren Ueberzeugungen Zwang anzutun oder sie nach Aussen zu verleugnen. Der Kongressbeschluss hat die Grenzen verrückt, die bisherigen Parteien durcheinander gerüttelt. Er hat unser Teuerstes verletzt, unser Haupt- und Grundziel ins Herz getroffen und den lebhaftesten und am heftigsten pulsierenden Nerv unseres Selbstbewusstseins schwer verletzt. Es hörte der Kampf der Parteien auf, der lebendige, befruchtende; es trat eine Spaltung ein. Es teilten sich die Angehörigen einer und derselben Fraktion und stellten sich feindlich gegen einander. Während der Misrachist Rabbi Reines, der Vater, mit der Majorität für Ostafrika stimmte, schloss sich Rabbi Reines, der Sohn, der Minorität der „Neinsager* an, jener berühmten Minderheit, die so viel Mut für Erhaltung unseres Ideals zeigte und der die vornehmsten ihrer Gegner — darunter auch Herzl und Nordau -— das Zeugnis ausstellen mussten, dass sie das nationale Streben des jüdischen Volkes verkörpere. Und viele aus der „Cherustt-Gruppe protestierten energisch gegen Syrkin, als er in ihrem Namen für Ostafrika eintreten wollte. Seit Schluss des Kongresses wird die Bestürzung der palästinensischen Zionisten mit jedem Tage grösser. Sie empfinden im Innersten gleichsam eine Beklemmung, die schwer auf ihrer Ueberzeugung lastet. Sie waren bisher gewohnt, an der Ueberzeugung festzuhalten, dass die Wiedergeburt des Volkes mit der des Landes zusammenhänge, so dass der geringste Versuch, diese von einander zu trennen, den heftigsten Widerstand hervorruft. Den Beschluss der Ostafrikakommission halten wir für einen solchen Versuch und unser Nationalgefühl sträubt sich gegen jede Möglichkeit, auch gegen die entfernteste Zumutung eines solchen Versuches, die Wiedergeburt des Volkes von der des Landes zu trennen. Aus diesem Gefühle und aus dieser nationalen Erkenntnis heraus bekämpften wir vor Jahren das Cypernprojekt, aus dieser Erkenntnis fliesst die Kraft, die uns von dem Afrikaprojekte zurückdrängt. Die Vertröstung, dass ein Judenstaat in Afrika den von Zion nichtausschliesse, vermag uns nicht zu beruhigen. Zur Besiedeluug eines unkultivierten. Landes ist eine Unsumme von Riesenkräften erforderlich. Hat einmal unser Volk seine Kräfte darin erschöpft, so wird es kaum noch im Stande sein, für seine Wiedergeburt im Heimatlande zu arbeiten. Wir vertrauen zwar auf die wunderbare Lebenskraft unseres Volkes und glauben an seine Riesenkraft und Fähigkeit, das 2000jährige Ideal zu realisieren, das Ideal, in sein historisches Land zurückzukehren und darin sein politisches Leben wieder aufzunehmen. Aber wir glauben nicht, dass unser Volk einer solchen Anstrengung gewachsen ist, wenn es gilt, ein neues, ihm fremdes Land zu besiedeln, mit dem es kein historisches Band aus der Vergangenheit verbindet. — Wenn ihr aber an das Gelingen von Ostafrika nicht glaubt, wird man uns entgegenhalten, weshalb nun dieser Lärm? Die so fragen, vergessen an eines: Ob die Kolonisierung gelingt oder nicht, für jeden Fall wird sie die Kraft des Volkes erschöpfen und es wird nie mehr so viel Kraft aufbringen, um sein Hauptziel Zion zu erreichen. — Ostafrika, sagt man uns, wirdein „Nachtasyl", eine Vorstation sein, wo unser Volk sich für das politische Leben in seinem historischen Heim vorbereiten wird. Auch das vermag uns nicht zu trösten. Das nationale Leben eines Volkes, auch des jüdischen, beruht nicht allein auf Politik. Es setzt sich aus vielen anderen sozialökonomischen Faktoren zusammen, die zumindest eine so wichtige Rolle spielen wie die Politik. Selbst wenn man ein Volk in einem Lande politisch für ein anderes Land erziehen könnte, was uns nicht genügend einleuchten will, so ist es doch unmöglich, ein Volk in einem Lande für das soziale und ökonomische Leben in einem anderen Lande vorzubereiten, in welchem andere geographische und klimatische Verhältnisse obwalten. Wohl unterlassen wir es nicht, unser Volk in den Ländern seiner Zerstreuung für sein politisches und sozialökonomisches Leben in Palästina zu erziehen. Aber in dieser Zerstreuung leben wir nun schon einmal und können uns nicht anders helfen. Wir wissen, wie schwer es ist, unser Volk im Golus für das nationale Leben nach all seinen Richtungen hin zu erziehen; aber wir sind nicht freiwillig hierher gekommen. Wir wissen es: unser Leben ist hier abnormal und ebenso unsere Volkserziehung, deshalb wollen wir das Minimalste erreichen. Aber ein Volk aus einem Lande zu reissen und in ein anderes Golus zu führen, selbst in ein autonomes, zum Zwecke der politischen Erziehung für ein anderes Land — halten wir für eine Utopie, für ein Kindermärchen. Und deshalb — trotz aller Versicherungen unseres Führers, dass Afrika nicht Zion ist und es niemals sein wird — halten wir den Beschluss einer Expedition nach Afrika für einen Versuch, die Renaissance unseres Volkes von der unseres Landes loszutrennen und sind damit nicht einverstanden, dass die Frage dem Zionistenkongresse überhaupt vorgelegt wurde. Der Zionismus erstrebt eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Die Gründung einer Heimstätte, selbst einer gesicherten, für einen Teil des Volkes, in einem anderen Lande, gehört nicht in den Wirkungskreis des Zionismus. Es widerspricht dies dem Baseler Programme. Wir meinen durchaus nicht, das dieses Programm eine zweite schriftliche Ueberlieferung ist, an der nicht gerüttelt werden darf; solange aber das Baseler Programm nicht abgeändert wurde, darf kein Haarbreit von ihm abgewichen werden. Palästina haben wir nicht und was sollen wir tun, bis wir es erreicht haben? Darauf antworten wir: Uns ist Palästina lieber als irgend ein anderes Land mit Charter und Autonomie. Falls wir den Charter für Palästina nicht erreichen können, müssen wir dort ohne denselben arbeiten, müssen wir vom Sultan die Möglichkeit zu erlangen suchen, unter besseren Bedingungen das bisherige Kolonisationswerk fortsetzen zu können. Es muss vor allem ein ökonomisches Zentrum auf der Basis von Ackerbau, Industrie und Handel geschaffen werden. Mit dem Wachsen des Zentrums werden auch neue Kräfte hinzukommen; die Erweiterung und Entwickelung des ökonomischen Zentrums werden darin das politische Moment notwendig machen, werden es auch möglich machen, dass aus diesem Zentrum ein politischer Judenstaat wird. Ein ökonomisches Zentrum in Afrika bedeutet auch ein Golus, wie in jedem anderen Lande. Auch ein autonomes Golus bleibt immer ein Golus. Seit 15 Jahren führen wir einen Kampf gegen die „Ica,tt weil sie, anstatt wie wir Zionisten es wollen, das Volk zu zentralisieren, es noch mehr zerstreut. Nun aber wollen wir eineneue Zerstreuung versuchen und dürfen andere darob nicht anklagen. Man sagt: Die „Ica" kolonisiere nicht auf politischer Grundlage, sie arbeite ohne jeden politischen Plan, während wir doch einen politischen Plan haben. Wir stehen aber vor einem Dilemma: Entweder soll Palästina gegen Uganda eingetauscht und in dem letzteren ein jüdisches Zentrum geschaffen werden, dann wider* spricht dies dem Baseler Programme, Oder aber ist Afrika bloss ein Nachtasyl, wo wir vorläufig geschützt werden und