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Die Welt · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Article
Warnung [Kommentar]
Date
1903-09-25
Page
7 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 „bis £ Welt Seite 7 brauchen wir keine Autonomie. Wenn wir Autonomie haben sollen, kann sie nicht in einem Nachtasyl, sondern in einer festgegründeten Niederlassung sein, die wir für immer unser eigen nennen, in dem neuen Staate des jüdischen Volkes, auf seinem alten Boden, nach welchem es sich 2000 Jahre sehnt. Schon auf dem Kongresse hielten uns die Anhänger des Ostafrikaprojektes manche wunderliche Argumentierung entgegen. So meinten einige : Alle Völker haben Kolonien, weshalb sollen wir keine Kolonien haben und keine Kolonialpolitik treiben? Zwar haben die anderen auch jeder sein Mutterland, aber bei uns Juden pflegt manches umgekehrt zu geschehen und so könnten wir zuerst Kolonien und dann eine Metropole gründen. Wir gestehen, eine solche Argumentation nicht anders bekämpfen zu können, als mit Achselzucken, mit einem Gefühle von Staunen und Mitleid. Ein unglückliches Volk, wie wir, das nichts in der Welt sein eigen nennt, sollte gar Kolonialpolitik treiben! Jahrzehnte lang standen die Vereinigten Staaten Nordamerikas abseits von jeder Kolonialpolit k und nur gezwungen durch die Kraft mächtiger Kriegsereignisse wurden sie von dem Strome der Kolonialpolitik mitgerissen. Dies hat aber das politische Leben der amerikanischen Eepubiik vom Grund aus geändert. Wissea es unsere Politiker nicht, dass es eine der wichtigsten Forderungen von Kolonialpolitik ist, dass stets eine mächtige Kriegsflotte zu deren Schutz bereit sei? Aus diesen und ähnlichen Absurditäten lernen wir eines: Die sonderbare Hinneigung zur Politik, die sich unser in den letzten Jahren so sehr bemächtigt hat, hat uns zum Fehlschritt des Ostafrikaprojektes verleitet, und jeder, der eine gesunde Polilik von sozialen und ökonomischen Bedingungen abhängig erklärt, wird als nichtpolitisch verschrien. Es muss zuerst die soziale und ökonomische Basis geschaffen werden. Das Politische wird sich von selbst ergeben, als dringender Ausfluss des Lebens. Diese Basis kann nicht in Afrika, sondern nur in Palästina sein. Dort kann unser Befreiungswerk rasch vor sich gehen. Wenn wir dagegen noch so viel jüdische, selbst autonome Kolonien gründen, die nicht in unserem Vaterlande liegen, bleiben wir dennoch im Golus — wenn auch „mit Autonomie!a * In seiner Besprechung des VI. Kongresses schreibt Dr. Ernst Tuch über das Ostafrika-Projekt in der „Freistatt44 (München) folgendes: „Die englische Regierung hat den Zionisten ein Gebiet in Ostafrika zwischen Nairobi und Nau Escarpment an der Eisenbahn, die von Mombassa kommt, gelegen, angeboten für „eine autonome Ansiedlung mit jüdischer Verwaltung, jüdischer Lokalregierung und einem jüdischen Oberbeamten an ihrer Spitze, alles natürlich unter britischer oberhoheitlicher Ueberwachung. — Wer nicht dem Kongress beigewohnt hat, vermag sich nicht den gewaltigen Eindruck dieses Anerbietens auf die Anwesenden auszumalen. Es wurde sofort richtig erkannt, dass das blosse DiSKutieren dieses so grossmütigen Vorschlages ein Abweichen vom Baseler Programm bedeutet, welches Palästina, und nur Palästina, für die Ansiedlung in Aussicht nimmt. Alle Delegierten standen vor der Gewissensfrage, ob sie durch eine Annahme des Vorschlages, ja selbst schon durch die Entsendung einer Kommission zur Prüfung des Territoriums nicht ihr seit sechs Jahren mit so unendlicher Hingabe verteidigtes Ideal preisgaben. Ais nach langer, temperamentvoller Debatte in namentlicher Abstimmung mit 295 gegen 177 Stimmen die Entsendung einer Kommission nach Ostafrika beschlossen wurde, veriiess die Minorität unter Protest die Sitzung. Die Szenen der Erregung, der Verzweiflung, dass durch diesen Beschluss das teure Ideal Zions aus den Herzen der Juden gerissen werden könnte, waren geradezu erschütternd. Sie zeigen, mit welcher ursprünglichen Liebe namentlich die russischen Juden an „dem Lande der Väter4', das sie zum Lande ihrer Kinder machen wollen, hängen. Sie zeigen aber auch, wie sehr noch die ganze Bewegung von Gefühlen getragen wird und wie wenig politisches Verständnis in weiten Kreisen des Zionismus vorhanden ist. Es ist noch nicht abzusehen, welches Urteil die Kommission fällen wird, auch nocn nicht, ob der nächste Kongress selbst im Falle einer günstigen Entscheidung endgiltig einer ostafrikanischen Kolonisation zustimmen würde. Auf alle Fälle hat diese neue Wendung der Dinge dem Zionismus eine grosse Erweiterung des Arbeitsfeldes geschaffen, doch kann es andererseits nicht für ausgeschlossen erachtet werden, dass ein gewaltiger Keil in die nur mühselig durch die faszinierende Persönlichkeit des Führers zusammengeschweissten Massen einander widerstrebender Elemente getrieben werden wird.44 * Ein Interview mit Sir H. H. Johnston über Ostafrika. (Aus dem Jewish Chron.) Sir Johnston ist bekanntlich eine Autorität in afrikanischen Angelegenheiten und speziell in der ostafrikanischen. Er ist keineswegs den Juden feindlich gesinnt, da er sogar in verwandtschaftlicher Beziehung mit Juden steht. Das Interview des Korrespondenten des „Jew. Chr." mit Sir Johnson ist daher sicherlich interessant: „Ich glaube", fragte der Korrespondent, „Sie billigen den Plan der Gründung einer jüdischen Kolonie in Britisch Ostafrika?" „Oh nein" — war die emphatische Antwort — „ich betrachte ihn als durchaus unpraktisch und unklug." Sir Harry Johnston begann sodann eine Reihe von Gründen gegen den ganzen Plan aufzuzählen. „Wenn man", meinte er, indem er erregt auf- und abging, „wenn man die grosse Fläche des Landes berücksichtigt, die auf Grund von Verträgen oder sonstigen Rechten, den Eingebornen, Negern und Negroiden, gelassen werden muss, so bleibt gewiss nicht genug Raum für eine jüdische Kolonie von welcher Grösse immer, wenn man zugleich die Forderungen der ansässigen britischen Untertanen in Betracht ziehen will. Unter britischen Untertanen verstehe ich Einwanderer aller Rassen, Faiben und Religionen, die von irgend einem Teile des britischen Reiches sich nach dem gesunden Hochland Osfafrikas begeben, um sich dort anzusiedeln. Ich betrachte den Juden, der in irgend einem Teile des britischen Reiches wohnt als einen in rechtlicher Beziehung gleichstehenden britischen Untertan. Dieser Mensch könnte nach Ostafrika gehen wie ich oder Sie, von der Regierung durch Kauf oder Geschenk Land bekommen und sich unter den gewöhnlichen Formen der britischen Ansiedelung niederlassen, ohne eine eigene Gemeinde mit speziellen Gesetzen zu benötigen. Für die nicht britischen Juden sorge ich selbstverständlich viel weniger, und ich glaube, es wäre nicht gerecht, einen grossen Teil des Landes, das der europäischen Kolonisation in Ostafrika zugänglich ist, einer fremden Gemeinde, d. h. nicht britischen Juden — zu überlassen, ein Land, das um den teuren Preis von Geld und Blut von britischen Untertanen — Juden, Mohammedanern und Hindus erworben wurde.* „Wenn ich Sie recht verstehe, Sir Harry, gibt es schon dort Juden?" „Natürlich. Mehrere Offiziere waren Juden, ich bin dessen sicher, trotzdem ich mich nicht um die Religion kümmere." „In allen Fragen, die die Ansiedlung in Ostafrika betreffen",erklärte Sir Harry Johnston, „müssen wir zwei Forderungen berücksichtigen : Die der Eingebornen, und der Hindus oder indischen Untertanen, die alles

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