Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Article
Warnung [Kommentar]
Date
1903-09-25
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316059-3337125--43253-3337204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 „bis $ W^lt" Nr. 39 setzten auch schon ihre Gegner alle Hebel in Bewegung, um einen solchen Versuch von vorneherein zu verhindern. Da die persönliche Ehrenhaftigkeit der zionistischen Führer ihnen keine AngriffspuiiKte bietet, suchen sie die Bewegung als solche zu bekämpfen, und dafür ist ihnen jedes Mittel gut genug. Ohne sich die Mühe zu nehmen, die Bewegung selbst auf ihre Ursachen und ihre Berechtigung zu prüfen, wird mit Behauptungen argumentiert, welche entweder auf Unkenntnis oder auf Tendenz zurückzuführen sind. „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Dieses Wort ist auch hier zutreffend. Die gleichen, die noch vor kurzern in der jüdischen Bevölkerung eine Gefahr für den Staat erblickten, verlangen heute, dass der Jude im Staat aufgehe, und behaupten, dass der Zionismus, der den Exodus vorbereiten und durchführen wolle, eine Schädigung und eine Gefahr für den Staat bedeute. Wieder andere halten die Gründung eines selbständigen jüdischen Staates für unmöglich, sei es, weil die Zionisten die nötigen Geldmittel nicht aufzubringen vermögen, oder weil sie dem Juden von vorneherein jede Fähigkeit absprechen, als Ackerbauer oder Handwerker sich zu betätigen. Wie oberflächlich man in dieser letzteren Hinsicht urteilt, geht aus nachstehender, vom Bureau Reuter veröffentlichten Korrespondenz über die projektierte jüdische Ansiedlung in Ostafrika hervor: Der Autor zitiert nun die von uns in der vorigen Nummer reproduzierten Ausführungen Lord H i n d 1 i p s und fährt dann fort: Die Bedenken, die da Lord Hindlip gegen eine jüdische Ansiedlung in Ostafrika äussert, erweisen sich bei näherer Prüfung etwas weniger stichhaltig als sie vielleicht bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen mögen. Was speziell die finanzielle Frage anbelangt, so darf nicht vergessen werden, dass die Zionisten derselben volle Beachtung geschenkt haben. Der jüdische Nationalfonds wird in Jahresfrist auf weit über eine Million angewachsen sein, die jüdische Kolonialbank verfügt bereits schon über ein Vermögen von 7 Millionen und die „Ica", die Verwaltung des 225 Millionenlegats des Baron von Hirsch, hat den zionistischen Führern ausdrücklich versichert, dass sie in einer noch zu bestimmenden Weise mitwirken werde, wenn es den Zionisten gelinge, für irgend ein grösseres Kolonisationsprojekt eine feste Basis zu schaffen. Ausserdem darf nicht ausser Betracht gelassen werden, dass auch die Kolonisten selbst über eigene Mittel, wenn auch meist nur in bescheidenstem Masse, verfügen würden. Was dann die Kolonisation Ostafrikas selbst betrifft, so muss betont werden, dass, nach den anderwärts gemachten Erfahrungen zu schliessen, das englische Element sich nie zu einer Ansiedlung im Sinne Lord Hindlips eignen würde. Dagegen hat man mit jüdischen Ansiedlungen in kleinerem Masstabe schon sehr gute Erfahrungen gemacht und es ist dort der Beweis geliefert worden, dass die Juden bei günstigen Vorbedingungen auch als Ackerbauer und Handwerker tüchtiges leisten. Ueberdies würde, wie schon aus dem Referat von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin, am letzten Zionistenkongress hervorgeht, eine jüdische Ansiedlung in Ostafrika mit möglichster Sorgfalt und in rationeller Weise in Szene gesetzt werden. Dass man nicht ins Blaue hinein vorgehen will, beweist die Entsendung einer grösseren zionistischen Expedition in das von der britischen Regierung angebotene Land. Es ist hier nicht der Ort, das Vorgehen Englands auf seine Uneigennützigkeit zu prüfen, aber das muss doch zugegeben werden, dass die britischen Minister nicht ohne sorgfältige Erwägungen sich zu diesem Schritte entschlossen haben. Würden sie nicht von der Möglichkeit der Gründung einer jüdischen Kolonie in Ostafrika überzeugt gewesen sein, und hätten sie dieselbe nicht als im Interesse des britischen Reiches gelegen erachtet, so wäre gewiss das Anerbieten nicht erfolgt. Mitbestimmend mag für sie allerdings auch die Erkenntnis gewesen sein, dass die Judenfrage, die infoige der Vorgänge im Osten immer gebieterischer eine gründliche Lösung erheischt, einzig auf dem von den Zionisten angestrebten Wege zu einem guten Ende geführt werden Könne, es läge gewiss nur im Interesse aller hiebei in Betracnt kommenden Kegierungen, sich dem Vorgehen Englands anzuschhessen. Würde das gesciiehen, dann wären alle Faktoren für das Gelingen des Versuches gegeben. Das jüdische Nationalbewussisein ist heute wieder neu erwaent, und was Uewaltmassregeln nie erreienen werden, das wird eine kluge Politik vermögen, wenn sie einem Volk, das jahrhundertelange Veriolgungen überstand, die Möglichkeit eronnet, als gleichberechtigtes staatliches Uememwesen mit den übrigen Völkern wieder in Wettbewerb zu treten und selbständig mitzuarbeiten an den Kulturarbeiten der Neuzeit. Dass die jüdische Rasse lebens- und entwicklungsfähig ist, das werden auch ihre Feinde nicht leugnen Können, und schon diese Tatsache allein würde den Versuch rechtfertigen. * „Der Fraind" (Petersburg) schreibt zur Ostafrika-Frage (Dr. J. Lurie); Aus der neuen Lage, die durch den Beschiuss über Ostafrika im Zionismus geschaffen wurde, ergibt sich für die Zionisten eine neue ernste Auigabe: Die Wahrung und Kemhaltung des zionistischen Programmes und der zionistischen Institutionen. Zu diesem Zweck soll jetzt eine Vereinigung aller jener Zionisten entstellen, die von Ostairika nichts wissen wollen, die der Ansicht sind, dass das einzige Land, wo das jüdische Volk wieder erstehen kann — Palästina ist. Diese Zionisten, die palästinischen, müssen das Volk für den kommenden Kongress vorbereiten, dafür agitieren, dass zu diesem Kongresse nur solche Delegierte entsendet werden, und müssen es endlich auch verhüten, dass auf unseren Kongressen überhaupt der Zionismus nicht verdunkelt und zurückgedrängt, dass er nicht als Teil der jüdischenArbeit überhaupt oder eines jüdischen Kongresses betrachtet werde. Diese Zionisten müssen wieder ihre Arbeit in Palästina aufnehmen, die von den politischen Zionisten so sehr vernachlässigt wird. In Palästina gibt es auch jetzt Arbeit genug; diese Arbeit, sei es kulturelle oder ökonomische, Schul- oder Koloniengründungen, ist uns für jeden Lall sehr wichtig und nützlich. Haben wir in Palästina festen Fuss gefasst, dann wird auch unsere politische Arbeit dort leichter; jedenfalls erfährt unsere nationale Kraft eine beträchtliche Stärkung. „Zion kann Afrika freilich nicht werden," *hiess es auf dem Kongresse. Zion ist für uns nur Palästina. Dass aber das recht bald geschehe, darauf hinzuarbeiten ist nun die heiligste Pllicht aller vereinigten Zionisten. Wir brauchen jetzt keine Fraktion und keine anderen Parteien mehr. Zu einer Zeit, wo Gefahr droht, müssen sich alle wahren Zionisten vereinigen und um die zionistische Fahne sammein. Es soll mir eine Partei geben, eine grosse starke Partei aller vereinigten Zionisten, die Zion, nicht Afrika wollen! * Im „Hazofe" schreibt in Nr. 20G A. L. eine grössere Abhandlung, die wir ihrem Inhalte nach hier wiedergeben : Die Frage der Besiedelung von Ostafrika hat inmitten der zionistischen Bewegung einen Sturm der Entrüstung gegen den Kongressbeschluss hervorgerufen, eine Entrüstung, die immer stärker und bedrohlicher wird. Die zionistische Partei hatte ein Ziel: Die Wiedergeburt Israels im Lande Israels. Dieses Haupt- und Grundziel einigte alle Genossen, wenn sie noch so verschieden in ihren sozialen und kulturellen Anschauungen waren. Es gehörten der Bewegung Leute aus verschiedenen Ländern an, mit grundverschiedener Erziehung, von verschiedener sozialer Stellung und verschiedener Lebensanschaung. Die Verschiedenheit War eine durch die Natur bedingte, aus dem Leben hervorgegangene und deshalb fruchtbare — wie alles Lebendige und Entwicklungsfähige. Mit der Entwicklung und Ausbreitung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.