Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Article
- Die Rede Zangwills
- Date
- 1903-09-11
- Page
- 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bie # w^it*1 Nr/37 Mr. Wolf uns in der „Times" den Vorwurf machte, dass wir mit einem Mörder, mit dem Verfolger der Christen ein Bündnis schliessen. Wenn nun das grosse Britische Reich mit uns in Verbindung tritt, da wirft er dem Britischen Reiche vor, dass es mit uns zu tun hat. In der A n g l 'o - J e w i s h Association beschuldigte uns Mr. Wolf, dass wir die Fremden nach England herbeiziehen, nun aber, wenn wir den Einwandererstrom nach Ostafrika ablenken wollen, tadelt uns Mr. Wolf, dass wir den Fremden das grösste Lockmittel vorhalten — jüdische Rechte — um sie hinzubringen. Ich beginne nun wirklich zu glauben, Mr. Wolf sei der Originalheld der berühmten Fabel: ,,Der Wolf und das Lamm'4. Was immer das zionistische Lamm tun würde, der Wolf findet doch irgend einen Vorwand, um es zu erwürgen. Ihr habt gehört, dass es Leute gibt, die royalistischer sind als der König. Mr. Wolf ist imperialistischer als Mr. Chamber- 1 a i n. Anstatt sich zu freuen, dass man schliesslich doch irgendwo eine rein jüdische Kolonie gründen kann, erinnert Mr. Wolf Mr. Chamberlain an die politischen Gefahren, denen England ausgesetzt wird, wenn es einen solchen Präzedenzfall schafft. Aber das sind doch dieselben Worte, die die britischen Politiker einst gebrauchten, um die Juden gänzlich zu verhindern, nach England zu kommen. Es sind dieselben Worte, die jedesmal gebraucht wurden, wenn die Juden um die Ausdehnung ihrer Rechte baten, wie man es beinahe auf jeder Seite der Werke Mr. Wolfs nachlesen kann. Ich möchte ihn lieber an den edlen Schlusspassus seiner grossen Monographie über Meli a s s e ben Israel erinnern. „Die Geschichte der Emanzipation der Juden in England ist eine Rechtfertigung des schönen Begriffes von Staatsgewalt, der tief wurzelt in der unendlichen Sympathie mit menschlicher Freiheit, die das Geheimnis der Grösse Britannias ist." Jawohl, das Britische Reich braucht Mr. Wolfs Ratschläge nicht; es weiss selbst seine Grösse zu schützen. Für einen politischen Spezialisten aber ist es auffallend ungenau, wenn er das in Frage stehende Gebiet als eine Kolonie bezeichnet, während es in der Tat ein Schutzgebiet ist. Dadurch macht seine Vorlesung über den besten Weg, eine Britische Kolonie zu verwalten, eher einen lächerlichen Eindruck. Der jüdische Gegner und seine christlichen Genossen. In der Tat, wenn es Grossbritannien beliebt, den Juden gegenüber grossmütig zu sein, so ist es kaum am Platze, dass sich ein Jude dagegen wehre; es gibt genug Christen für diese Arbeit! Ich habe einen Engländer, der mit dem Zuge aus Basel zurückkehrte, gefragt, was er von dem Plane halte, den er, wie ich bemerkt hatte, eben in der Zeitung las, und er gab mir zur Antwort: „Es ist eine Schande, uns eines der besten Landstücke zu berauben — wo ist es denn eigentlich?'4 Ein englischer Lord hat bereits gekabelt: „Stimmung hier stark gegen die Einwanderung der Fremden" und verzweiflungsvoll und trotz der fünf Schilling per Wort, fragt er, ob es denn keine britischen Einwanderer gäbe. Aber es gibt nicht britische Kolonisten genug, um nach Transvaal oder Kanada hinzugehen, die weit mehr entwickelte Länder sind. Ich glaube schon telegraphisch das Bellen des Hundes an der Hürde in Mombassa *) zu hören. Die ganze weisse Bevölkerung der britischen Kolonien beträgt 12 Millionen, so dass, wenn Britannien alle Juden der Welt in seine Kolonien herbeiziehen würde, ihre Einwohnerzahl um das Doppelte vergrössert wäre. Wir können sicher sein, dass Mr. Chamberlain die Sache nicht nur grossherzig, sondern auch weitsichtig aufgefasst hat. Mr. Chamberlain ist Staatsmann und er sieht ein, dass, wie wir ein Land brauchen, Ostafrika eine Bevölkerung braucht und dass man ohne die Anziehungskraft jüdischer Rechte niemand zur Auswanderung in das neue Land veranlassen wird. Zufluchtsstätten zu gründen, ohne jüdische Rechte, ist unsere Arbeit nicht. Möge die Ica oder die Alliancc Israelite solchen Aufgaben obliegen! Unsere Be- *) Hafen an der Ostküste unter englischer Verwaltung. wegung ist keine wohltätige, sondern eine politische, obwohl sie eventuell von. grösserem Nutzen sein kann als alle Wohltätigkeitsinstitutionen zusammengenommen. Ohne spezifisch jüdische Rechte we/den wir kein Land akzeptieren. Wir wollen nicht wieder einen neuen Akt der rriftden Komödie der Jahrhunderte spielen und nur die Bühne verschieben. Hören wir uns genau das Telegramm des L o r d D e 1 a m e r e an: „Stimmung stark gegen die Juden. Eisenbahngrenze tauglich für britische Kolonisation 260 Meilen. Das Auswärtige Amt will die besten 200 Meilen den unerwünschten Fremden geben.4' Die Juden immer — unerwünschte Fremde. Unerwünschte Fremde! Da liegt der Hund begraben. Nein, lieber Lord. Delamere, wir gehen nicht hin als unerwünschte Fremde, sondern wir gehen hin als die erwünschteste arbeitende Bevölkerung, und. wir wünschen nicht Ihr Land zu bebauen, um dann in Fremde verwandelt zu werden. Wir haben mitgeholfen, Australien, Neuseeland und vor allem Südafrika zu bebauen. Wir haben sogar, wie es Sir Harry Johns ton selbst zugibt, an der Besiedlung Ostafrikas teilgenommen. Und was ist unser Lohn dafür? Dass unsere britischen Brüder uns als Fremde bezeichnen und dass in den Dowlais-Bergwerken in Merthyr unsere Arbeiter von ihren Genossen ausgestossen werden. Lord Delamere fährt in seinem Telegramm fort: Ist etwa zu diesem Zwecke die kostspielige Eisenbahn gebaut und eine kolossale Summe verbraucht worden? und er appelliert an den britischen Steuerzahler. Aber jetzt hat der britische Steuerzahler 119 000 Pfd. St. jährlich zu zahlen bloss für den Ruhm, ein leeres Land zu besitzen. Dasselbe Land aber, von einer jüdischen Bevölkerung bewohnt, würde bald selbst seine Kosten bestreiten und dem britischen Steuerzahler die Bürde erleichtern. Es ist im Briefe des Foreign Office ausdrücklich die Bedingung gestellt, dass kein Teil der Administrationskosten der jüdischen Kolonisation der Regierung Sr. Majestät zur Last fallen dürfe. LordHindlip selbst gibt zu, dass trotz des Appells des Commissioners um taugliche Kolonisten der Handel in den Händen der Indier und Deutschen sich befinde. Tatsache ist, dass in dem ganzen ostafrikanischen Schutzgebiet von ungefähr 80 000 Quadratmeilen sich nicht mehr als 500 Weisse, die Eurasier mitgerechnet, befinden. Es würde dem Lord Delamere wohl manche Schwierigkeit bereiten, ein Massenprotestmeeting einzuberufen. Das angebotene Land, Die Fläche von Britisch Ostafrika ist 670 000 Quadratmeilen, und. wenn ein weiser Staatsmann uns einen kleinen Streifen, von 20 000 Meilen geben will, der sogar ausserhalb der Colonial-Office unbekannt ist und auf der Landkarte fehlt, da beginnt schon jeder Hund an der Hürde zu bellen. Um sich vollständig von dem Verdacht der Sympathie mit dem Zionismus zu reinigen, erinnerte Wolf an eine andere Kolonie, die in demselben Lande, und zwar — merkwürdig genug — von Dr. H e r t z k a-Wien, gegründet worden sei, und vermutet, wir würden gleichfalls scheitern, eine Vermutung, welche von Sir Harry Johnston und vielen Zeitungen aufgegriffen wurde, Aber welcher Zusammenhang bestehizwischen einem phantastischen Ansiedlungs versuch, der auf Grund eines Romanes entstanden, ist, und einer Kolonie, wie wir sie bilden wollen, die auf realer geschichtlicher Ueberlieferung gegründet ist! Die „Hertzka-Expedition" versuchte die Ideen des Romans „Freiland", einer deutschen Erzählung, zu verwirklichen, die ich gelesen habe und die das Werk eines gelehrten Träumers ist, der glaubt, alles im Leben gehe glatt vor sich. DL ^rsonen, die da. zusammenkamen, waren durch nichts weitev gebunden als dadurch, dass sie dieselbe Erzählung gelesen hatten. Wie kann man diese Expedition mit einer Kolonie vergleichen, die auf Blutgemeinschaft basiert, die eine Bevölkerung hat, die tatsächlich existiert, von politischer und wirtschaftlicher Notwendigkeit getrieben ist, mit einer Kolonie, deren Gründung auf gesunden geschäftlichen Prinzipien beruhen wird und in der Brü-