Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Article
- Die Rede Zangwills
- Date
- 1903-09-11
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 37 „bi* # W^lt" Seite 5 Dr. Gaster und Mr. Luden Wolf. Dr. Gaster hätte der letzte sein sollen, der das bestreitet. Wenn ein Apikores wie ich es gesagt hätte, der wie ich in der vorigen Versammlung gesagt habe, im jüdischen Parlamente mit der antiklerikalen Partei sitzen würde, wäre es nicht zu verwundern. Hätte Dr. Qaster ^dem Kongresse beigewohnt, er hätte wenige Rabbiner gefunden, die mit ihm übereinstimmten. Dr. Josef Chasanowitsch hat sein ganzes Leben Palästina gewidmet, lebte und arbeitete für die Bibliothek in Jerusalem, und doch war er f ü r die Ostafrika-Kommission. Er ist kein Redezionist, wie Sie sehen. Ein anderer jüdischer Kritiker ging noch weiter als Dr. Gaster. Dr. Gaster behauptet in seinem Briefe an die jüdische Presse, dass wir unsere nationale Lebensform nur in Palästina bewahren müssen, Mr. Lucien Wolf behauptet in seinem Briefe an die „Times", es gäbe keine nationale Lebensform zu bewahren. Wir besässen keine Nationalsitten, die eine eigene jüdische Atmosphäre erforderten, alles was wir besässen, seien unangenehme Gewohnheiten, die wir in den Ländern der Verfolgung angenommen hätten. Das ewige polnische Ghetto des Mr. Wolf. Dies ist eine verblüffende Behauptung, die von dem Leitstern der jüdischen historischen Gesellschaft Englands ausgeht. Während die „Times" selbst in den Aspirationen des Zionismus die Möglichkeit sieht, grosse Teile unserer Rasse zu vereinigen, kann Mr. Lucien Wolf nur den Wunsch sehen, das polnische Ghetto zu verewigen. Wenn ich der Meinung Mr. Lucien Wolfs wäre, dass das jüdische Volk keine andere Zukunft habe, als in kleinen Gruppen im Lande zu wohnen und sich zu bestreben, von den übrigen Einwohnern sich nicht zu unterscheiden, dann würde ich meinem Volke offen empfehlen, eine Existenz aufzugeben, die täglich mehr zur Farce wird — wenn sie nicht eine Tragödie ist. Wie kann einer gegen die Tatsache blind sein, dass wenn der Sabbat in der Tat ein Grundpfeiler des Judaismus ist, er unter dem Sturme der Wogen der Zivilisation anderer Völker stürzen muss! Schon die blosse Tatsache, dass in Jüdisch-Ostafrika der Sabbat ein gesetzlicher Ruhetag sein wird, wird auf einmal der Gemeinde für die der Sabbat einen heiligen Schein besitzt, mehr Selbstachtung einflössen. Man kann nicht Advokat, Arzt, Mäkler, Bankier, Journalist sein in einer Welt des Sonntag - Sabbat, wenn man an den Samstag-Sabbat gebunden ist. Ich rede nicht wie einer, der für die Beobachtung der Sabbatruhe eintritt, sondern wie einer, der Redlichkeit, Einheitlichkeit im Leben verlangt. Mr. Lucien Wolf spricht von unangenehmen Gewohnheiten — zweifellos körperlichen, die unsere Brüder in den Ländern der Unterdrückung erworben haben. Aber schlimmer als unangenehme physische Gewohnheiten sind die unangenehmen geistigen Gewohnheiten, die der Jude während der Jahrhunderte der Verfolgung erworben hat, die Gewohnheit, die Tatsachen scheu anzublinzeln und die scheue Furcht vor der Behauptung einer nationalen Individualität. Den Juden kann man an seinem schlotternden Gange erkennen, sagt ein mittelalterliches Sprichwort, und ein grosser französischer Schriftsteller fügt hinzu: „Um vollständige männliche Haltung zu erwerben, muss der Jude Freiheit haben." Moses fand die richtige Behandlung dessen, der nicht frei werden will. Sein Herr soll dessen Ohr an die Tür bohren und der Mann soll ihm ewig dienstbar sein. Das jüdische Volk muss nun entscheiden, ob es frei sein, oder für immer sein Ohr durchbohrt haben will. Wenn wir nicht Leschanah Haba Beara Dejisroel sagen können, so werden wir schliesslich sagen „Leschanah Haba Bene Chorin".—Mr.Lucien Wolf fürchtet, dass die jüdischen Kolonisten in Ostafrika ohne den zivilisierenden Einfluss der Christen von Whitechapel einfach das polnische Ghetto in das neue Land versetzen werden. Welche ausserordentliche Idee! Man rettet sie aus dem Ghetto, man gibt ihnen Luft, Raum und Freiheit und sie sollten doch unverändert bleiben! Das wäre gewiss ein Wunder. Und wenn sogar die erste Generation dieses furchtbare Ghetto, weiches schlimmer wäre als die Schmutzviertel von Südlondon und die öffentlichen Häuser von New-York, erzeugen würde, so würde sicherlich die zweite Generation einen Typus erziehen, der den besten Kanadiern und Australiern ebenbürtig wäre. Mr. Wolf als Prophet und Beobachter. Ostafrika ist gar nicht so abgeschnitten von der Zivilisation und ihren Einflüssen, wie es sich Mr. Wolf vorstellt — sind doch sogar die Beschlüsse des Baseler Kongresses dort tclegraphisch bekannt worden. Mr. Lucien Wolf scheint doch kein wahrer Prophet zu sein. Vor sechs Jahren erklärte er in einem Artikel: „Die Judenschaft der Königin", dass die Besorgnisse der englisch-jüdischen Gemeinde nicht mehr existieren. Das East-End-Problem sei gelöst worden. „Die Gefahr, die vor zehn Jahren herrschte, ist vorbei", sind seine eigenen Worte- Fr scheint auch kein guter Beobachter der Gegenwart zu sein. Er hat nicht das leiseste Verständnis für die neuen Kräfte, die sich innerhalb des Judentums entwickeln, von den Muskel-Zionisten, von denen ich Ihnen ja schon erzählt habe; von den schmucken Reitern, die man im stolzen Ritte durch unsere palästinensischen Kolonien hindurchsausen sieht. Er begreift nicht, dass die neue Generation in Russland und Europa entschlossen ist, ihre eigene Individualität zu behaupten. Er weiss nichts von den edeln Mädchen und Frauen, die sich an unserer Bewegung beteiligen. Er weiss nichts von der literarischen, künstlerischen, wissenschaftlichen Bewegungen, die der Zionismus geschaffen hat; er sieht noch immer das Judentum seiner Jugend. In der Tat, als treuer Geschichtsforscher hält er seinen Blick immer auf die Vergangenheit gerichtet. Wenn wir uns in Palästina niedergelassen haben werden, wird niemand eine bedeutendere Geschichte unserer Bewegung schreiben als Mr. Lucien Wolf, und ich hoffe, er wird es noch erleben. Aber seine gegenwärtige Anschauung ist früh-viktorianisch, wenig jüdisch und durchaus falsch. Das wäre nun nicht von so grosser Wichtigkeit, wenn er sich nicht beeilt hätte, seine Karikatur der Welt zu zeigen. Sein Brief an die „Times" war ein unberechenbarer Fehlgriff, da er bei den Aussenstehenden die Vorstellung erweckte, die Juden, die nach Ostafrika emigrieren würden, seien vom Schlage des unerwünschten Typus, den die British- Brothers Liga geschildert hat. Es hat tatsächlich noch kein antisemitischer Agitator eine solche schiefe Darstellung der Juden gegeben als unser Herr Geschichtsschreiber, und seine Argumente werden jetzt dem Arsenal der Antisemiten einverleibt werden. Und in der Tat sehen wir schon, dass Sir Harry Johnston, ein Mann, der in ostafrikanischen Angelegenheiten eine Autorität ist, bereits durch die Brille Mr. Wolfs schaut. Und in der heutigen „Times" vergleicht Lord H i n d i i p diese „unerwünschten Fremden semitischer Abstammung" mit den Verbrechern, mit denen man einst Kanada zu besiedein plante. Während Mr. Lucien Wolf in den Auswanderern nur eine elende Horde sieht, schrieb ein grosser christlicher Judenkenner, M. Anatole Leroy-Beaulieu, folgendes: Wann immer ich einen von diesen melancholischen Wanderzügen der russischjüdischen Flüchtlinge sehe, die auf der Suche nach Freiheit sind, frage ich mich selbst, ob nicht eine von diesen bedauernswerten Jüdinnen, abgehärmt von den Mühen der Reise, unter ihrem Herzen einen künftigen Messias der Kunst oder der Wissenschaft birgt. Mr. Wolf als Politiker. Und nicht nur beging Mr. Wolf einen Fehler, indem er die zionistische Bewegung falsch dargestellt hat, er beeilte sich gleichzeitig, Lord Landsdowne und Mr. Chamber- 1 a i n feierlich zu belehren, wie sie die Angelegenheiten des Britischen Reiches zu verwalten hätten. Sie werden sich erinnern, dass während unserer Unterhandlungen mit dem Sultan