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Die Welt · 1903-09-11 · 37 (11.9.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
37 (11.9.1903)
Article
Die Rede Zangwills
Date
1903-09-11
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bis & weit" 4 Nr, 37 Zangwills Trost. Aber vielleicht gibt es hier manche, die ihre Qual mitempfanden. Zu diesen sage ich, wie ich es den Russen gesagt hätte: „Meine Kinder! Nehmen wir an, dass der Tag, an dem ihr zum erstenmal seit 1800 Jahren ein schönes, fruchtbares Land bekommen habt, um dort zu wohnen unter einem jüdischen Oberhaupte und unter dem Schutze der britischen Flagge, nehmen wir an, dass dieser Tag ein neuer Tischah be Ab ist. Aber auch dieser Tag ist noch nicht gekommen. Und wenn die Kommission zurückkehren wird mit dem Berichte, dass das Land für jüdische Kolonisation tauglich sei, dann muss ein anderer Kongress entscheiden, ob wir den Plan überhaupt annehmen. Vereinigt eure Kräfte, ruft die zionistische öffentliche Meinung an und wenn es zur Abstimmung kommt, bildet euch eine Majorität. Oder wenn ihr schon darauf besteht, einen neuen Tischah he Ab zu feiern, so hättet ihr es vor ein oder zwei Monaten tun müssen, als man in Russland beschioss, den Zionismus niederzuhalten, was durch $as geheime Zirkular, das in der „Times" veröffentlicht worden ist, bestätigt wurde. Ihr könntet es auch im Briefe an Dr. Herzl nachlesen. Herr von Plehwe will keinen Zionismus haben, falls er bloss eine Organisation ist, die das jüdische Nationalbewusstsein fördert. Er will ihn nicht dulden, falls er keine reale Lebensbewegung ist behufs der Auswanderung der Juden aus Russland. Deshalb, wenn ilir nicht zeigen werdet, dass ihr Leute aus Russland befördert, wird die Organisation zerstört, die Aktien werden konfisziert, die Versammlungen verboten werden und da die Türkei nicht erlauben wird, nach Palästina einzuwandern, England und New-York ebenfalls ihre Tore zusperren werden, so wäre es ein Glück für euch, Ost-Afrika zu haben, um das Volk hinzuschicken, so dass Russland eure Bewegung am Leben lassen würde, während ihr das Oeffnen der Tore Palästinas erwartet. Und warum feiertet ihr nicht diesen Tischah be Ab vor einigen Jahren, als der Sultan die Tore Palästinas geschlossen hat? Wenn ihr nicht so kindisch wäret, hättet ihr damals weinen müssen. Ja, die Tore Palästinas sind geschlossen. Und wenn man euch vor der Nase die Türe zuschliesst, was würdet ihr tun? Der einzige Weg ist durch die Hintertür zu kommen. Nun dachte, wie ihr seht, Dr. Herzl an El Arisch. Aber es gibt noch einen anderen Weg, in einem solchen Falle zu handeln, und zwar wegzugehen. Das ist insbesondere dann nötig, wenn es sich um eine Türe handelt, Hinter der ein Orientale etwas zu v e r k a u f en hat. Ich selbst habe in einem türkischen Geschäfte gehandelt, und als ich die Geduld verloren hatte und wegging, da lief mir der Eigentümer nach. Aber nun nehmen wir den schlimmsten Fall an, dass der furchtbare Tischah be Ab da wäre, an welchem die Zionistenführer sich gezwungen fühlen, eine zionistische Kolonie in Britisch Ost-Afrika zu gründen. Ist das ein Schritt zurück? Nein, es ist ein Schritt vorwärts. Palästina kann uns jahrhundertelang verschlossen bleiben, müssten wir deshalb still stehen? Es ist gewiss ein langer Umweg über Ost-Afrika, aber manchmal ist der kurze Streifen der längste Weg, der längste — der kürzeste. Viele Zionisten, die gegen Ost-Afrika sind, würden gegen Cypern oder Chaldäa nichts einwenden, weil sie näher liegen, und Dr. G a s t e r selbst nahm Anteil an dem kolonisatiorischen Plan für Anatolien und die Nachbarländer. Aber es gibt nicht nur eine geographische, eine räumliche Nähe, sondern auch eine moralische. Ein Mann in London mit einer Zehnpfundnote ist näher nach New-York, als einer in Chicago ohne einen Dollar. Und eine blühende, jüdische Gemeinde auf dem fruchtbaren Boden von 18 000 Quadratmeilen wird Palästina näher sein als alle zionistischen Vereine, die den ganzen Tag reden. Nicht dass ich der Meinung wäre, die jüdischen Ost-Afrikaner müssten nach Palästina auswandern, aber ihr Gebiet würde der Mittelpunkt der jüdischen Macht werden und ein Teil ihres Ueberflusses an Energie und Bevölkerung könnte hingehen. Im Judentum ist alles verkehrt, und während bei anderen Völkern das Mutterland eine Kolonie gründet, würde die Kolonie das Mutterland finden. Ostafrika ein zweites Basel. Ost-Afrika ist nicht Palästina, aber Basel ist es auch nicht. Warum gingen wir nach Basel? Ich wundere mich, dass manche Zionisten nicht darauf bestanden, dass der Kongress in Jerusalem abgehalten werde. Ost-Afrika könnte unser Basel werden. Achtzehn Jahrhunderte haben wir um Palästina gebetet und wenn wir uns nun einmal schon entschlossen haben, für dieses Ziel zu arbeiten, warum sind wir so ungeduldig, warum erwarten wir wieder Wunder? Wir haben erst unseren Marsch nach Zion begonnen. Volksangelegenheiten zählen nicht nach Jahren, sondern nach Jahrhunderten. Der Allmächtige selbst brauchte vierzig Jahre,-.um unsere Vorfahren nach Palästina zu führen, und Moische Rabbenu konnte das verheissene Land nur schauen. Warum sollt ihr eigentlich weinen, wenn ihr nicht hinkommen könnt? Seid vielmehr froh, dass ihr den Weg euren Urenkeln vorbereitet! Erinnert euch an den edlen Spruch des Talmud: „Nicht dein ist es, das Werk zu vollenden, noch hast du das Recht, es zu verlassen!" O ja, ich weiss, dass manche Zionisten fürchten, der Antrag wird zu gut sein, so dass die Juden sich wohl fühlen und an Zion vergessen werden. Aber was für eine armselige Meinung haben sie vom Zionismus! Fühlt sich nicht Dr.Herzl wohl, genug in Wien? Und hat er Zion vergessen? Alle vier Weltteile sind auf dem Kongresse repräsentiert. Ich selbst habe Mandate bekommen aus Rumänien, Cochin-China, Kanada und Kapstadt. Wir haben sogar malerisch gekleidete Delegierte aus dem Kaukasus gesehen, auf deren Brust Dolche und Patronen glitzerten. Werden alle diese Länder an Zion denken und nur dieses jüdische Land allein, mit jüdischen Sitten und jüdischem Oberhaupte Zion vergessen? Die südafrikanischen Millionäre haben es gut genug, und dennoch ist es ein südafrikanischer zionistischer Millionär, der soeben das Geld hergegeben hat, um die grosse hebräische Enzyklopädie ins Leben zu rufen. Glauben Sie, es werde keinen ostafrikanischen Millionär geben, der die Kolonisation in Palästina unterstützen wird? Denket ferner daran, dass die Zionisten keinen Heller für die ostafrikanische Kommission zahlen. Die Schkolim sind nur für Palästina gesammelt worden, und jeder gibt zu, dass, ehe die Schekelzahler nicht einwilligen, dass das Geld für Ostafrika gebraucht werde, wir nicht einen Heller von unserem Schatze nehmen dürfen. Die neuen Kosten werden von einem neuen Fonds bestritten. Ein Amerikaner, der in unserer Mitte ist, hat den Anfang gemacht und im Momente, in dem das Votum für die Kommission abgegeben war, mir 500 Francs in die Hand gedrückt. Vielleicht wird Mr. Moseiy, der so viel Kommissionen für England aussendet, die Schönheit der Aufgabe einsehen, England und. den Juden mit einem Schlage zu helfen. Jedenfalls glaube ich, dass sogar das Kapital für die ostafrikanische Kolonisation sich finden wird, ohne unsere gegenwärtigen Finanzen in Anspruch zu nehmen. Viele Leute, welche die Notwendigkeit einer Kolonie mit jüdischen Sitten einsehen können, begreifen wohl die Notwendigkeit einer jüdischen Zufluchtsstätte, eines Nachtasyls. Unser Plan entspricht beiden Richtungen, wie das bekannte Möbelstück, das nachts als Bett dient und tagsüber als Kommode. Dr. G a s t e r begeht in seinem sonst wunderhübschen Aufruf an uns, in dem er fordert, dass wir an unseren Hoffnungen auf Zion festhalten, ein eigentümliches Versehen, wenn er sagt, dass es das höchste Bestreben eines Juden sein sollte, Engländer oder amerikanischer Bürger zu werden. Aber es sind doch Einwohner dieser Länder, die uns zu schlagen beginnen! Und wenn die britische Regierung mit ihrer weisen Politik uns unbewohntes Landgebiet anbietet, dürfen wir sicherlich nicht die Gelegenheit vorbeigehen lassen, dieses Gebiet so jüdisch als möglich zu machen.

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