Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Article
- Die Rede Zangwills
- Date
- 1903-09-11
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316057-3336778--43006-3336867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 „bis'<* W^lt11 Seite 3 langt, sie geistig zu einem Teile des heiligen Landes macht. Dr. Herzl eröffnete Verhandlungen mit der britischen Regierung. Beide Teile willigten ein, dass eine jüdische Expedition gesandt werde, um die Möglichkeit der Ansiedlung einer sich selbst regierenden Kolonie zu erforschen; unser Freund Mr. (i r e e n b e r g reiste zweimal nach Egypten, um mit Lord C r o in er zu verhandeln. Leider war der Bericht der Expedition hoffnungslos entmutigend. Die Wüste Sinai hat sich seit dem Tage, als unsere Ahnen, wanderten und murrten, nicht geändert, sie ist in der Tat ärger geworden; denn wo sich bei Pelusium einst eine Mündung des Nils durch das grüne Land hindurch wand, ist jetzt eine Wüste von Stein, Sand und. Salz. Die Lage des jüdischen Volkes aber ist noch trostloser als die Wildnis, und Dr. Herzl setzte seine Unterhandlungen Fort, in dem Bewusstsein, dass man mit ernstem Wollen und mit Arbeit ein Wunder hervorbringen kann, wenn auch kein Manna fällt, und dass durch grosse Bewässerungsanlagen und sorgfältige Organisation der Kolonisation sogar diese Wildnis wie eine Rose blühen würdo. Chamberlain und der Zionismus,, Aber die Schwierigkeit, die Wasser des Nils für unsere Zwecke abzuleiten, zwang die egyptische Regierung, die Verhandlungen abzubrechen. England aber blieb unser Freund, und Mr. Chamberiain war nicht weniger unzufrieden, als wir selbst. Sogar unter allen Sorgen seiner südafrikanischen Reise dachte Chamberiain noch an die Aspirationen des Zionismus, und als er Egypten passierte, legte er beim Lord C r o m e r ein gewichtiges Wort ein für den Sinaiplan. Als dieser Plan dann aufgegeben werden musste, da hatte Mr. Chamberiain einen neuen fertig. Als er durch die schönen, unbewohnten Gegenden von. Britisch-Ost-Afrika reiste, eine Landschaft, die unseren Surrey-hills ähnlich ist, mit gesundem Klima, in. massiger Höhe und doch so nahe am Aequator, ein Land, eminent geeignet für den. Weissen, da sagte sich Mr. Chamberiain: „Hier ist das wahre Land für Dr. Herzl.4" In der Tat hatte Mr. Chamberiain begriffen, dass die Hoffnungen der Zionisten nicht nur auf Palästina allein gerichtet sein könnten; denn, als er Dr. Herzl zuerst den Vorschlag machte, da erklärte ihm Dr. Herzl, sein Mandat erlaube es ihm nicht, irgend ein anderes Land ausser Palästina oder ein. Nachbargebiet Palästinas anzunehmen. Natürlich konnte Mr. Chamberiain die Wichtigkeit Palästinas fühlen wie Dr. Herzl, für ihn schienen aber die Greuel in Kischenew, das furchtbare Hausen der Juden im russischen Ansiedlungsrayon und in dem rumänischen Schmutze schlimmer als die Zurücksetzung Palästinas, und als er seineu Antrag Dr. Herzl edelmütig wiederholte, da fühlte unser Führer, dass, wenn, er auch nicht das Recht hatte, den Antrag anzunehmen, er noch weniger das Recht habe, ihn abzulehnen, ohne ihn dem Kongress vorzulegen. Was würden die Zionisten wie Mr. B e n t w i c h sagen, wenn, Gott behüte, noch schrecklichere Greueltaten geschehen würden, wenn sie auf der Flucht zu einem Rettungsorte erfahren würden, dass Dr. Herzl diesen Antrag abgelehnt habe, ohne ihnen ein Wort darüber zu sagen. Warum eiferte Mr. B e n t w i c h gegen den IV. Kongress in London, weil er nichts für die rumänischen Flüchtlinge tat? Dr. Herzl zögerte, einen Plan der Rettung für unsere leidenden Massen zu verwerfen, nicht etwa weil er Palästina weniger liebt, sondern, weil er sein Volk n? ihr liebt. Ich meinesteils gebe zu, dass ich mich nach dem alten hebräischen. Spruche richten würde: „Leolam tikkach." Nicht Palästina, aber eine Etappe auf dem Wege nach Palästina. Dr. Flerzl wurde auch vom Kongresse scharf angegriffen, aber worin bestand seine Sünde? Dass er, indem er in El Arisch nach einem Teil Palästinas fischte, im Netz einen Teil Ost-Afrikas fand, und anstatt ihn zurück ins Meer zu werfen, ihn vor den Kongress brachte und sagte: „Meine Freunde! Palästina ist es nicht, und Palästina wird es nicht werden, aber wäre es nicht nützlich für uns, während wir warten, als ein Zufluchtsort für unsere verfolgten Massen, als eine Vorstufe für Palästina, wo wir lernen könnten, uns wieder zu vereinigen, uns selbst zu beherrschen und uns wieder auf einem Boden niederzulassen?" Und er bat auch nicht den Kongress, diesen unerwarteten Zuwachs zu den Kräften des Zionismus anzunehmen oder abzulehnen, er schlug nur vor, dass man eine Kommission ernenne, das Land zu studieren. Dieser einfache Vorschlag rief leidenschaftliche Reden hervor, deren schwache und verspätete Abspiegelung der Brief Dr. Gasters an die jüdische Presse ist; und als nach einer ganzen. Stunde der namentlichen Abstimmung, in der das „Jaik und das „Nein" jedes Delegierten einem Hammerschlagc des Schicksals glich, das die Zukunft des jüdischen Volkes schmiedet, als nach dieser Abstimmung sich herausstellte, dass die Neinsager mit 295 gegen 177 Stimmen geschlagen worden waren, da verlicss die geschlagene Minorität, zum grossen Teile Russen, für eine Zeit den Kongress, anstatt den Beschluss der Majorität anzunehmen, wie es in allen konstitutionellen Parlamenten notwendig ist. Ich konnte ihre Gemütsbewegung bewundern, ohne ihren politischen Sechel (Verstand) zu bewundern. Habe ich nicht schon einmal gesagt, dass, wenn wir Palästina bekommen werden, dies der schrecklichste Tag sein wird? Anstatt Lieder zu singen, dramatische Posen, anzunehmen, werden wir zur Tat berufen werden. Diese dramatischen Posen aber würden noch männlich sein im Vergleiche zu dem, was folgte. Indem sie sich eigentümlicherweise einbildeten, Palästinas, das sie niemals besessen haben, beraubt zu sein, brachen viele russische Delegierte in hysterische Tränen aus, rangen die Hände, wälzten sich auf dem Boden. Frauen fielen in Ohnmacht, Männer weinten und klagten, es sei jetzt Tischah be Ab und ich war umgeben, von einer schluchzenden Menge, die mich bat, zu kommen und sie zu trösten. Ich hätte beinahe selbst geweint, aber wie einer, der wegen der Trauer von Kindern weint, und nicht wegen der von Männern. Und meine Gedanken suchten Trost in der Szene des vorigen Tages, wo auf dem grossen Ringplatze zionistische Turner auf Einladung des Kongresses durch ihre Muskelübungen und ihre Gewandtheit bewiesen, dass die jüdische Lebenskraft noch wann flicsst in den Adern der Jugend. Das Schluchzen der Trauernden wurde übertönt durch das Getrampel, der marschierenden Zionisten und den lärmenden Applaus der ungeheuren Versammlung, welche die physische Wiedergeburt unserer Rasse begrüsstc. Und ich sagte mir selbst, dass im jüdischen Blute und in jüdischen Muskeln die Hoffnung unseres Volkes ist, und nicht im jüdischen Weinen und Schluchzen. O ja! Sie ist rührend, die Leidenschaft für Palästina, es war erschütternd zu hören, dass die Delegierten von Kischenew Ost-Afrika ablehnten, aber wenn ein grosses Land wie England den russischen Juden eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in seinen Besitzungen anbietet, so wäre vielleicht eine höfliche Prüfung dieses höflichen Antrages schöner, wenn auch weniger theatralisch gewesen, als dieses dramatische ,.Nein4\ Und wenn in der nächsten Zukunft ein Schwann russischer Einwanderer die Küsten aufsucht und. England nein sagt! Aber gerührt durch das Leiden mancher russischer Delegierten, versprach ich zu kommen und um 10 Uhr nachts zu sprechen. Als ich gekommen war, da fand, ich unseren Führer mit dieser Sache beschäftigt und bis 1 Uhr nachts quälte sich unser armer, überarbeiteter Führer ab, um ihnen die einfachen Tatsachen verständlich zu machen. Und hier will ich betonen, dass nicht8; die selbstlose Arbeit unserer Delegierten übertreffen kann, von Herzl, Nordau oder Marmorek an bis zum einfachsten Aull ä nger. Keine Arbeit war zu schwer oder zu lang, keine Ruhe zu!:i<rr.. Dr. Herzl befreite mich von meinem Versprechen, und r.m i äclisten Morgen kehrten die russischen Delegierten vollzählig zu den Beratungen des Kongresses zurück.