Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Article
- Die Rede Zangwills
- Date
- 1903-09-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bis * weit11 Nr. 37 Juden seit dem Untergange unseres Reiches war, wenn sie an unser verbittertes Leben in den Ghettis zurückdenken, das in den Worten von Shyloks Leiden das ganze Brandmal unseres Stammes war, wenn sie all der Verfolgungen durch Feuer und Schwert, der gelben Schandzeichen, die wir tragen mussten, all der Gaukierrollen, die während des christlichen Karnevals uns aufgezwungen wurden, gedenken, wenn sie sich daran erinnern, dass die Häupter der Gemeinden jährlich in der christlichen Stadt erscheinen mussten, um eine Ohrfeige zu bekommen, dass die englischen Juden nur Hörige des Königs waren, wovon jetzt noch das Gebet von den königlichen Familien in den Gebetbüchern Zeugnis ablegt, wenn sie bedenken, dass die Juden volle vier Jahrhunderte das Wohnrecht gar nicht hatten, unter welchen Schwierigkeiten wir zurückkehren durften, welchen harten Kampf wir für unsere Rechte ausfechten mussten, und dann schliesslich, wenn sie nun die uns gemachte Offerte berücksichtigen, das Schönste und Wertvollste in Ost-Afrika uns zu wählen, um dort eine britische Kolonie mit jüdischer Home rule, jüdischnationalen Sitten und einem jüdischen Verwalter zu errichten, dann werden sogar die erbittertsten Gegner des neuen Projektes zugeben, dass schon das blosse Anerbieten ein Triumph für unsere Organisation ist. Und nicht nur einen Triumph für den Zionismus bedeutet es, es ist auch ein moralischer Triumph für England und ein Sieg für die Menschheit. Nicht nur wir Juden, sondern die Menschen aller Länder, die für die Hebung der menschlichen Rasse kämpfen, werden darum gewiss der grossen Nation, die mit diesem Lichtstrahl die dunkle Finsternis unserer Zeit erleuchtet hat, Dank wissen. Das Schehechejonu der Gegner des Vorschlages. Wras Wunder dann, wenn sogar die gegnerischen Mitglieder des Aktions-Comitees beim Verlesen des Briefes des Ministeriums des Aeussern ein Schehechejonu sagten! „Ex Africa Semper quid novi", sagt der lateinische Spruch. Und der schwarze Kontinent birgt noch viele Ueberraschungen. Vielleicht ist es ihm vorbehalten, der Kontinent des Lichtes zu sein. Aber nicht nur auf die Tatsache, dass wir nun eine anerkannte politische Körperschaft sind, die berufen ist, über Kolonisation zu verhandeln, und auch im Stande sein wird, eines Tages über die Kolonisation in Palästina zu verhandeln, nicht nur darauf allein stützt sich meine Behauptung, dass wir Palästina näher sind. Der Brief v. Plehwes und die Ica. Der Kongress hat noch ein historisches Dokument zutage gefördert: den Brief des Herrn von P 1 e h w e, der die Politik Russlands dem Zionismus gegenüber klar bezeichnet. Er muss gewiss unter denjenigen, die an dem Prinzip festhalten, dass die Judenfrage nur in Russland gelöst werden kann, Bestürzung hervorgerufen haben. Uns Zionisten aber ist das nicht mehr neu. Veröffentlichte ich nicht in einer zionistischen Versammlung die geheime Vereinbarung zwischen Russland und der Jewish Colonization Assoziation, wonach Russland sich bereitwillig erklärte, den Juden zur Auswanderung zu verhelfen? Erinnern Sie sich nicht an den Vorschlag des Ministerrates, 5 Rubel 84 Kopeken für jeden auswandernden Juden zu bezahlen? Nicht Russland war es damals, das nicht einwilligen wollte, sondern die Ica. Russland geht sogar so weit, dass es jetzt seinen diplomatischen Einfluss zu verwenden verspricht, damit wir Palästina bekommen. Russlands guter Wille und sein Vorteil. Ich zweifle gar nicht an Russlands gutem Willen, denn es ist zweifellos, dass der Vorschlag einer Emigration nur zu seinem eigenen Vorteil dienen soll. Russlands nationale Politik ist es, seine ganze Bevölkerung zu russifizieren. Den jüdischen Ansiedelungsrayon zu russifizieren, geht aber sogar über Russlands Kraft. Gegen den Juden ist Kraft nutzlos. Freiheit allein könnte den Juden russifizieren. Es ist wahr, wenn alle Juden nach Palästina verpflanzt würden, so dürfte Russland diesen Verlust schmerzlich empfinden und sogar bedauern; aber eine solche Transaktion wird nie stattfinden können. Ich glaube, dass auch die emphatischesten Redner der Zionisten sich die Sache nicht als eine plötzliche, magische Aenderung ausmalen, etwa so: Montag früh 5 Millionen Juden in Russland und Donnerstag nachmittags 5 Millionen in Palästinas Das Höchste, was geschehen kann, ist eine langsame Bewegung von Russland nach Palästina. Durch das Oeffnen seiner Ausgangstüren wird es Russland leichter fallen, den Ansiedhnigsräyon zu verdauen, ohne eine plötzliche Verschiebung in seiner "Industrie und in seinen Finanzen hervorzurufen. Palästina wird wiederum durch das Oeffnen seiner Eingangstore alimählich im Wohlstande steigen zu Nutz und Frommen der Einkünfte des Sultans. In der Tat, ganz abgesehen von jedem religiösen Gefühle, ausschliesslich vom politischen Standpunkte aus ist das Baseler Programm so vernünftig, dass es eines Tages ausgeführt werden muss. Russland hat eine Bevölkerung, welche es nicht braucht, Palästina, sein Nachbarland jenseits des Schwarzen Meeres, ist sehr dünn bewohnt. Unsere Lösung ist so einfach, steht in solcher Harmonie mit Russlarids gegenwärtiger Politik, gereicht der Türkei zu solchem Vorteil, ist so besänftigend für die gegenseitige Eifersucht der Mächte, so nützlich für England und Amerika, deren Einwanderungsprobleme sie mit einem Schlage löst, dass, wenn dieser augenscheinlich klare Plan nicht in die Tat umgesetzt würde, es eine verrückte Welt sein müsste, in der wir leben. Die Haltung der Türkei. — El Arisch. Und ich habe das Empfinden, dass wenn nur unsere Juden all ihre Gedanken und Millionen, all ihre Kräfte auf einen einzigen Punkt vereinigen, ihren ganzen Einfluss einsetzen wollten, wir mit Sicherheit sagen könnten: „Nächstes Jahr in Jerusalem." Seit dem V. Kongresse war unser geliebter Führer Dr. Her zl zweimal vom Sultan nach Konstantinopel berufen worden. Der Sultan war aber trotz seiner sympathischen Haltung unserem Volke gegenüber noch nicht bereit, die Vorteile ganz zu erkennen, die ihm aus einer Home rule in Palästina erwachsen würden, er hat noch nicht eingesehen, dass unser Wunsch, nach Palästina zu gehen, auch einen grossen Vorteil für ihn bedeute. Wenn ein Mann ein Weib bittet, seine Frau zu sein, ist es nicht nur er, der nimmt, sondern er gibt auch sich selbst. Wenn wir den Sultan um Palästina angehen, schenken wir ihm eine wertvolle, steuerzahlende Bevölkerung. Se. Majestät ist offenbar damit einverstanden, dass wir uns hie und da niederlassen, ohne eigene jüdische Rechte; aber hier oder dort zu wohnen und als Fremde betrachtet zu werden, das ist nicht die zionistische Lösung der Judenfrage, wenn auch diese Landparzellen in Palästina wären. Deshalb hat sich Dr. Herzl zu einem neuen Schritte entschlossen. Erst nachdem unser Führer daran verzweifelte, in absehbarer Zeit des Sultans Anschauungen zu ändern, erst da er glaubte, dass, wenn wir auf Palästina warten müssen, irgendwelcher Platz besser geeignet sei als Russland, und als er zu der Anschauung gekommen war, dass, wenn wir jüdische Rechte erlangen könnten, diese Anerkennung der jüdischen Nationalität uns den Weg nach Palästina um die Hälfte verkürzen müsse und uns von einem zusammengewürfelten Haufen zu einem Volke machen würde, erst da wandte er sich nach Sinai. Da liegt ein kleiner Teil Egyptens, El Arisch genannt, welcher früher einen Teil Palästinas ausmachte. Hier glaubte Dr. Herzl einen Schritt vorwärts auf wirklich palästinensischem Boden machen zu können. El Arisch selbst ist, abgesehen von anderen Nachteilen, zu klein, um eine praktische kolonisatorische Bedeutung zu haben; deshalb wandte Dr. Herzl sein Augenmerk auf die ganze Sinai-Halbinsel. Ein grosses, religiöses Interesse verbindet Sinai mit dem Andenken an unseren grossen Gesetzgeber, während die Nähe der Halbinsel, was Palästina anbe-