Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Article
- Generalversammlung der Aktionäre der jüdischen Kolonialbank in Basel
- Date
- 1903-09-04
- Page
- 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bi* $ W^lt" Nr. 36 Präsident W o 1 f f s o h n: Ich habe der Generalversammlung die Mitteilung zu machen, dass Herr Lowe aus unseren Diensten ausgetreten ist. Loewe : Die Attacken, denen ich in letzter Zeit in London und jetzt hier ausgesetzt bin, wahrscheinlich als Lohn meiner Arbeit, verlangen wohl billigerweise auch einige Worte von mir. Ich bin kein Freund von langen Reden, ich ziehe die ernste, praktische Arbeit vor und hoffe es in meinem bisherigen Verhältnis zum Trust auch so bewiesen zu haben. Aber wenn, ich heute reden muss, so soll das, was ich zu sagen habe, auf Tatsachen basiert sein und es hat demnach den Vorzug, dass es nicht viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist mir das unwürdige Wort „gewesener Zionist" zugerufen worden. Als Jude bin ich geborener Zionist und daher auch Misraehi, als Sohn meines Vaters war ich mein ganzes Leben lang mit Palästina identifiziert. Präsident W o 1 f f s o h n: Ich glaubte, Sie werden eine Erklärung geben, wir haben jetzt aber mit dem Zionismus nichts zu tun. Loewe : Heute, wo ich aus meiiiemVerhältnisse zum Trust geschieden bin, fallen die früheren Einschränkungen fort. Es war früher die Einschränkung, dass ich als bezahlter Beamter niemals öffentlich gesprochen habe und bleibt es mir vorbehalten, zum Krüzen und Interesse der Bewegung zu arbeiten. Ich konstatiere mit Freuden und Genugtuung, dass mich einerseits beim Austreten aus dem bezahlten Dienste die besten Wünsche meiner Direktoren begleitet haben, während ich andererseits der Ueberzeugung Ausdruck geben kann, dass es mir gegangen ist, wie es oft vorkommt, wo aus einem loyalen Beamten die getreueste Opposition wird, und ich. gebrauche das Wort Opposition nicht im feindlichen Sinne. Präsident W o 1 f f s o h n: Sie lesen etwas Geschriebenes vor. Wir können aber doch keinen Vortrag von Ihnen hören. Wir müssen bei der Dringlichkeit die anderen Sachen zuerst erledigen und wenn es dann die Zeit erlaubt, können Sie noch einmal das Wort ergreifen. Ich glaubte, Sie wollten wegen eines persönlichen Angriffs das Wort ergreifen. L o e w e : Sie können mir glauben, dass nur die schwerwiegendsten Momente im gegenseitigen Interesse nach längerer Prüfung den Sehritt herbeigeführt haben. Dass mein neuer Beruf nicht im Widerspruche mit dem Trust stellt, will ich beweisen. Ich habe nicht eher mein Institut eröffnet als nicht die Errichtung einer Filiale in East-End definitiv vom Trust abgelehnt wurde. Sodann wird gesagt, dass der Umstand, dass ich in meinem Institut Trust-Shares kaufe und verkaufe, nachteilig auf den Trust wirke. Das ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, ich erweise dem Trust und Hunderten von Aktionären einen grossen Gefallen und gewähre die Erfüllung eines Bedürfnisses, denn laut den englischen Gesetzen darf der Trust seine Aktien wohl verkaufen, aber nicht beleihen. Präsident Wolffsohn: Ich kann es unmöglich gestatten, dass Sie hier einen Vortrag über die Bank halten. Ich glaubte, Sie seien hier persönlich angegriffen worden und haben Sie sich nur auf das zu verteidigen. Ich bitte Sie, die Generalversammlung nicht länger aufzuhalten, wir wollen zuerst zu den Wahlen übergehen. Sie haben vielleicht später Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. Dr. W o r t s m a n n: Ich erkläre hiermit öffentlich, dass ich von niemandem beauftragt wurde, Herrn Loewe persönlich anzugreifen, was ich auch nicht getan habe. Ich war in London und was ich hier vorgebracht habe, habe ich von dortigen Zionisten gehört. Dr. II er zl: Ich bemerke nur in meiner Eigenschaft als Aufsichtsrat, dass wir Herrn Loewe ein Zeugnis der Zufriedenheit gegeben haben. Es war überhaupt kein Angriff auf ihn erfolgt. Präsident W.olffsohn: Nachdem der Zwischenfall erledigt ist, habe ich die Mitteilung zu machen, dass nach unseren Statuten ein Direktor ausscheiden muss und ist gestern durch das Los Herr Dr. Katzenelsohn ausgeschieden worden, den wir aber neu als Direktor vorschlagen. Als fernere Direktoren der jüdischen Kolonialbank schlagen wir Urnen vor Herrn Moser und Herrn Urysohn. Die Wahlen erfolgen einstimmig und die Hierren danken für die Annahme. Die Herren Berger und Genossen beantragen folgendes: Die Generalversammlung beauftragt den Aufsichtsrat, das Nötige zu veranlassen, damit das Direktorium auf der nächsten Generalversammlung die Frage betreffend Statutenänderung wieder auf die Tagesordnung bringe. Dieser Antrag wurde angenommen. Ebenso die weiteren Anträge ,eine Filiale in Kussland und eine in Südafrika zu errichten. Hr. G ü n z b u r g: Ich stelle den Antrag, die Bureaus der jüdischen Kolonialbank dem Osten Londons näher zu rücken oder ein Zweiggeschäft im Osten von London zu eröffnen. Diesen Punkt haben schon mehrere der Vorredner berührt. Alle diejenigen, die mit London vertraut sind, wissen, dass alle grossen. Banken Londons Filialen im East-End haben. Die meisten Leute, besonders diejenigen, auf die unsere Bank rechnen kann, haben nicht Zeit, von einem Viertel der Stadt zum anderen zu gehen. Darum sollte die Bank in dasjenige Viertel rücken, wo unsere meisten Kunden sind oder doch dort eine Filiale eröffnen. Diese Notwendigkeit hat schon seit langem existiert. Herr Loewe hat wohl das Recht, ein Bankgeschäft zu führen, aber es schadet unserer Bank, wenn in dieser vermeintlichen jüdischen Kolonialbank Aktien der Kolonialbank unter pari verkauft werden. (Rufe: Ich habe von Herrn Loewe auch Aktien unter pari gekauft.) AVenn man den Leuten erklärt, dieses Geschäft habe mit der Kolonialbank nichts zu schaffen, das sei keine jüdische Bank, so zeigen sie. triumphierend auf die Identität des Kamens und den Direktor der neuen Bank. Kun, allerdings wird man uns sagen, dass Herr Loewe aus dem Dienste der jüdischen Kolonialbank getreten sei. Aber erstens weiss es das grosse Publikum nicht und zweitens zeigt es auf die Tatsache hin, dass der Name des Herrn Loewe noch jetzt auf den Türen der Kolohialbank prangt. Ich. bitte Sie also, meinen Antrag zu berücksichtigen. G r e e n her g, London, unterstützt den Vorredner. Präsident Wolffsohn: Es sind andere Anträge eingelaufen. Ich beantrage, dass alle diese Anträge von dem Direktorium entgegengenommen werden zur Prüfung und Bearbeitung. Wenn Sie damit einverstanden sind, werde ich darüber abstimmen lassen. (Rufe: „London extra".) Es sind eine Menge Anträge eingegangen. Sie können ja dagegen stimmen, sie ablehnen, aber wir müssen doch zu einem Ende kommen. P i n e s (spricht russisch, man solle zwei Teile beantragen, einen für East-End in London und einen für alle anderen Länder). Präsident Wolffsohn: Ich muss darüber abstimmen lassen, ob diese sämtlichen Anträge auf Gründung von