Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (30.8.1903)
- Article
- Donnerstag-Nachtsitzung
- Date
- 1903-08-30
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 7 gerufen werden kann; dann werden sich auch die andern Herren zu dieser Frage äussern. Diese Debatte ist geschlossen. Herr Dr. Oppenheimer hat allgemeine Vorschläge über Besiedlung von Ländereien gegeben und darüber ist die Debatte eröffnet. T r i e t s c h (fahrt fort) : Herr Dr. Oppenheimer hat ein allgemeines Referat gehalten, das ist richtig \ es hat aber ausser den Vorzügen auch die Fehler eines allgemeinen Referates. Er hat nicht den jüdischen Fall berücksichtigt und ich finde, dass Einschränkungen der Ausführungen des Herrn Dr. Oppenheimer am Platze sind. Herr Dr. Klee hat ein Zitat benützt. Zitate sind bekanntlich der Geist der andern. Er hat mir das Wort Moses' zugerufen. Dr. Klee: Das ist doch wieder nicht wahr. Passen Sie auf, ehe Sie so etwas sagen; das war jemand anders. (Rufe: Es war Dr. Schaller.) Trietsch: Ich habe absolut keinen Grund, Dr. Klee damit anzunageln. Ich wollte nur auf den Zwischenruf hinweisen. Es ist nämlich nicht gut, wenn Zwischenrufe von da hinten kommen, da ich nicht beobachten kann, von wem sie sind. Also Herr Dr. Schaller hat diesen Zwischenruf gemacht. Nun klingt das ja sehr hübsch. Aber ich habe in meinen Schriften über El Arisch nachgewiesen, dass aus El Arisch ein Export von Gemüse und Früchten stattfindet. Eine Wüste, die Gemüse und Früchte exportiert, hat meines Erachtens Wasser genug, oder kann dort Wasser genug entwickelt werden, um eine industrielle Bevölkerung von Tausenden mit genügend Wasser zu versehen. Herr Dr. Klee hat mir Unwahrheit vorgeworfen, er hätte aber korrekter sagen sollen, dass ich mich geirrt habe. Dr. Bo denh ei m er, Vorsitzender: Ich habe Herrn Dr. Klee bereits zur Ruhe gerufen, halten Sie sich nunmehr auch zur Sache. Trietsch: Ich meine, es lag keine Veranlassung vor, diesen Ausdruck zu gebrauchen, denn es sitzt momentan eine Kommission, die untersucht, ob ich im Recht oder Unrecht bin. Nun zur Sache. Ich glaube, dass auch andere Gesichtspunkte in Betracht kommen als die allgemeinen, die Dr. Oppenheimer ausgeführt hat. Wenn ich nun nicht von Ostafrika und nicht von El Arisch sprechen soll, so will ich ganz allgemein sagen, dass die Reisekosten nach fernliegenden Ländern so ausserordentlich viel grösser sind, als sie es von Osteuropa aus meinetwegen nach Palästina und den angrenzenden Ländern sind, dass man von diesen Reisemehrkosten allein recht kostspielige Wasserwerke bezahlen kann. Dr. Boclenheime r, Vor sitz ender: Ich will Sie in Ihrer Redefreiheit nicht beschränken, aber es handelt sich hier lediglich um die Diskussion des Vortrages von Dr. Oppenheimer über die allgemeinen Grundsätze der Besiedelung von Ländern; über die nationalökonomischen Grundsätze einer zweckmässigen Wirtschaftspolitik, und nicht über spezielle Pläne und Programme. In dieser Beziehung hat Oppenheimer bestimmte Grundsätze aufgestellt, die der Kritik des Kongresses unterworfen werden. Sie haben aber noch kein Wort an die Grundsätze des Referenten angeschlossen. Trietsch: Ich glaube, ich habe zu den Grundsätzen, die Oppenheimer entwickelt hat, gesprochen. Er sagte, dass eine Kolonisation agrikulturell anfangen muss, während ich versucht habe, nachzuweisen, dass man unter Umständen mit der industriellen Kolonisation beginnen soll. Nun mache ich Sie darauf aufmerksam, dass ein allgemeines Referat über Ansiedlungen nichts zur Sache hat. Was sollen wir als Zionisten, die wir auf dem Baseler Programm fassen, mit Grundsätzen anfangen, die für Amerika gelten müssen oder neu zu erschliessende Länder in Australien. Wir haben nichts mit solchen uferlosen Ideen zu tun, uns interessiert die Kolonisation von Judenmenschen und Judenland. Sie werden mir auch zugeben, dass die ganze Kolonisationsfrage, wenn wir sie nicht ausschliesslich theoretisch betrachten, dann in einem andern Lichte erscheinen wird, wenn das, was Oppenheimer allgemein gesagt hat, gerade auf unsern Fall nicht zutrifft. Oppenheimer hat auch gesagt, dass wir Handwerkerstädte haben werden mit Baumpflanzungen ringsum } er meinte aber, dass man anfangen würde mit den Bauern und dann werden die Handwerker kommen und sich zu Dörfern gruppieren. Solche Handwerkerstädte werden etwas freundliches an sich haben und einen gewissen Grad von Landwirtschaft einbegreifen. Ich habe gesagt, dass wir vielleicht mit industriellen Kolonisationen anfangen müssen. In unserm Ausnahmefalle, den wir vor uns haben, wird sicher der Weg von Industrie zur Landwirtschaft eine grössere Rolle spielen nnd ich sehe nicht ein, warum wir nicht mit industriellen und städtischen Ansiedelungen anfangen sollen, die nicht gebaut sein müssen wie die Städte, wie wir sie hier kennen. Wir haben heute schon in England eine ausserordentlich kräftige Bewegung für die Gartenstädte. Wir haben in England gesehen, wie weitsichtige Fabrikanten ihre Fabriken aufs Land verlegt haben. Sie haben den grossen Vorteil, dass sie für ihre Fabriketablissements den Boden sehr billig bekommen, dass die Arbeiter in einem engern Rayon bei der Fabrik wohnen als in der Stadt. Das Experiment der Gartenstädte hat in England schon wundervolle Resultate gehabt. Warum sollten wir nicht diese gesunde Art von industrieller Arbeit berücksichtigen. Ich würde folgenden Weg voraussehen. Nehmen Sie an, wir hätten ein bestimmtes Land, wo man anfangen könne. Das Land eignet sich nicht für Agrikultur, dann werden wir ein industrielles Gemeinwesen gründen. Eine solche Ansiedlung wird an ihrer Peripherie immer weitläufiger gebaut werden können, so dass sich bald ein Bild ergeben wird, ähnlich wie in kleinen Landstädten, die an ihrer Peripherie die Bauern haben. Nun scheint mir, dass wenn wir diese Frage genügend in Erwägung ziehen, das ganze Bild der zionistischen Landpolitik sich doch etwas verändert. Wenn ich so gezeigt habe, dass wir auch auf schlechtem Lande kolonisieren können, so verschwindet die Notwendigkeit, neue Plätze zu suchen und es kommt die Frage von Palästina selbst und den Nachbarländern stark in den Vordergrund. Die Kolonisationsfrage Palästinas braucht für uns nicht länger in der Theorie zu sein, sie kann zur Praxis übergehen und um zur Praxis überzugehen, wird uns wesentlich die Palästina-Kommission helfen, die wir eingesetzt haben. Die kann in Palästina oder nächster Nähe so wundervolle Resultate zeigen, dass alle Zion fernliegenden Gebiete nicht in Betracht kommen werden (Beifall). Dr. Pasmanik: Der Grundgedanke von Herrn Oppenheimer besteht darin; damit unsere Kolonisation gelinge, sollen 1. agrikulturelle Kolonisationen beginnen und 2. sollen sogen. Ansiedlungsgenossenschaften geschaffen werden. Das heisst: eine ganze Gruppe von Menschen bekommt ein Stück Land zur gemeinsamen Arbeit und die Frucht dieser Arbeit soll zwischen ihnen geteilt werden. Wenn wir dieses Prinzip aeeeptieren, so soll dieses nicht für die ganze Kolonisation massgebend