Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (30.8.1903)
- Article
- Donnerstag-Nachtsitzung
- Date
- 1903-08-30
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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No. 7 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 3. andere Hälfte fruchtbringend angelegt bleiben muss. In der Folge kann immer nur höchstens die Hälfte der jeweiligen jährlichen Einkäufe vom Landankauf verwendet werden, während die andere Hälfte und die gesamten Zinsen so lange unantastbar bleiben müssen, bis nach Ansicht der Generalversammlung eine jüdische Kolonisation im grossen in Palästina oder Syrien möglich ist» hinfällig geworden, nicht aber der dritte Absatz, der in der Fassung der Kommission folgendermassen lautet: «Dem Aufsichtsrate wird jedoch die Befugnis erteilt, Land in Palästina und Syrien zu kaufen noch bevor der Fonds die Höhe von 200,000 Pfund Sterling erreicht, wenn die Versammlung einen solchen Beschluss mit */a Mehrheit gefasst hat.« Herr Dr. Tschlenow verlangt nur die einfache Majorität für die Genehmigung der Landankäufe. Antrag Tschlenoff wird angenommen. Es bleibt uns noch die Abstimmung über die letzten Zusatzbestinimungen in Artikel III, zweiter Absatz, in denen der Gedanke ausgedrückt ist, dass nur die eine Hälfte zu Landankäufen verwendet werden soll, während die andere fruchtbringend angelegt werden soll. Dr. Tschlenow schlägt vor, dass 3/<x zum Landankaufe verwendet werden soll und l/± nutzbringend festgelegt werden soll. Antrag der Kommission wird abgelehnt. Antrag Tschlenow wird angenommen. Art. IV: Im Uebrigen wird das Statut an eine vom Kongress zu wählende, aus 9 Personen bestehende Kommission gewiesen, wird angenommen. Präs. Dr. Bodenheimer. Die Abstimmung ist erledigt; es kommt der nächste Punkt der Tagesordnung. Ich habe noch eine Mitteilung zu machen. Die Ortsgemeinde von (der Name war unverständlich) teilt mit, dass sie zum Eintragen der Opfer von Kischineff 200 Mark bestimmt. Wir beginnen nun die Diskussion über „Zionismus und Wohltätigkeitsanstalten von Zangwill." Die verschiedenen vorgemerkten Redner sind nicht anwesend deshalb wird abgestimmt; die Debatte über die Rede von Zangwill ist geschlossen. Wir gehen über zur Diskussion über das Referat von Dr. Franz Oppenheimer. Zunächst hat sich gemeldet Herr Davis Trietsch. In Bezug auf das Referat von Dr. Franz Oppenheimer habe ich einige Einwendungen zu machen. Es ist selbstverständlich, dass ich mit dem Referenten, mit dein zusammen ich Gelegenheit hatte, bei Begründung der jüdischen Orient- Kolonisations-Gesellschaft viel zu arbeiten, bei den weitaus wesentlichen Fragen durchaus übereinstimme. Trotzdem wird es notwendig sein, für unsern speziellen Fall einige Einwendungen zu machen. Er hat gesagt: „Die Grundlage einer Kolonisations-Tätigkeit muss die agrarische sein." Nun möchte ich fragen: Muss in jedem Falle das gelten? Ist das eine absolute Forderung? Wir Juden sind in einer sehr viel andern Lage, als andere Völker, die Staaten gebildet haben. Ueberlegen Sie sich's einmal. Bei allen anderen Staatenbildungen handelt es sich um ein rohes, primitives Menschenmaterial, das man, was man so nennen konnte, kaum Mensch, Mensch auf der niedersten Kulturstufe. Wir Juden haben kein so primitives, robustes Menschenmaterial. Unsere Kolonisation rechnet mit dem jüdischen Emigranten-Material, und das sind meist ausgemergelte Städtebewohner, Handwerker, Hausierer, Leute von schlechter, physischer Beschaffenheit. Aehnlich schlecht wie unser Menschenmaterial in physischer Beziehung ist das Land, mit dem wir beginnen müssen; denn ernstlich wird wohl niemand in diesem Saal glauben, dass wir eine Auswahl von Ländereien irgendwo in .Afrika haben, das ist nicht der Fall. Wir mögen Kommissionen beschliessen, wie wir wollen, der Anfang wird nicht in Ostafrika sein. Wir haben, um anzufangen, nur Palästina und von Palästina einen sehr schlechten Teil, El-Arisch. Wir haben also ein Land, das wesentlich eine Art Wüste ist, nicht viel besser, und wir haben Menschen, die sich nicht für die agrikulturelle Kolonisation von vorneherein eignen. Herr Dr. Oppenheimer hat gesagt: „Bauern muss schaffen, wer Städte gründen will". Für das allgemeine Menschenmaterial stimmt das, für das unsere stimmt es nicht. Da wir mit Handwerkern und Hausierern und Kaufleuten zu tun haben, so wäre es unnatürlich, wollten wir unsere Kolonien agrikulturell beginnen, da wir nicht die Auswahl haben von fruchtbaren Ländern, sondern da uns nichts zur Verfügung steht als El- Arisch, so können wir nicht agrikulturell beginnen. (Unruhe) Redner fragt: „Ist es am Platze, dass der Saal so leer ist, dass so wenig Delegierte da sind?" Präs. Dr. Bodenheim er. Diejenigen, welche versammelt sind, werden jedenfalls Interesse daran haben; fahren Sie fort, es kommt ja doch zu Protokoll. Trietsch. Nach dem Protokoll kann nicht ab - gestimmt werden. Präs. Dr. B 0 d e 11 h e i m e r. Dann werde ich über den Antrag morgen abstimmen lassen. Trietsch. Der Kongress hat vorhin beschlossen, eine Nachtsitzung stattfinden zu lassen. Die Thesen morgen? Präs. Dr. Bodenli eimer. Die Thesen morgen, ja. Bitte, fahren Sie jetzt fort. Trietsch. Bei unserem verfügbaren Material an Menschen und Land dürfte hier die Regel, dass mit agrikulturellen Kolonien begonnen werden muss, eine Ausnahme finden, und es wird sich als notwendig erweisen, auch die industriellen Kolonien in Betracht zu ziehen. Es ist ein wichtiges Thema, von dem ich hier spreche. Ich halte dafür, sobald wir es einsehen, dass für unsern Fall event. die industrielle Kolonisation in Betracht kommt, so verschwindet Ostafrika, und das abgelehnte El-Arisch kommt wieder in den Vordergrund. Ich meine das so. Dr. Herzl hat gesagt, dass nach dem Befund der Expedition nicht genügend Wasser in El-Arisch ist für eine Gross-Kolonisation. Nun gebe ich zu, dass für eine Grosskolonisation viel Wasser nötig ist. Aber uns kommt es darauf an, möglichst vielen Juden, mit möglichst wenig Geld und in möglichst kurzer Zeit zu helfen. Dazu ist die agrikultureile Kolonisation mit ihren grossen Kosten nicht geeignet. Wenn wir uns heute überlegen, dass die Städte am Suezkanal, Port Said, Ismaila, Suez, dass diese einen ausserordentlichen Aufschwung gehabt haben in der letzten "Zeit durch Manufaktur-Industrie, so müssen wir uns überlegen, ob nicht El-Arisch auch ein blühender Industrieort werden kann, und es giebt zahlreiche Industrien, zu denen man nicht Wasser braucht, z. B. die Cigaretten-Industrie, mit der die Juden sich an vielen Orten beschäftigen. Aber noch könnte ich Ihnen hunderte von Industrien aufzählen, zu denen Wasser in nennenswerten Mengen nicht nötig ist. Trinkwasser will ich mich verpflichten, aus dem in El-Arisch verfügbaren. Wasser zu stellen. Pjräs. Dr. Bodenheimer: Sie wollen über die Besiedlung eines bestimmten Gebietes sprechen, während Dr. Oppenheimer über allgemeine Ansiedlung spricht. Trietsch: Ich werde Herrn Dr. Bodenheimer darin entgegenkommen, dass ich nicht nur für El Arisch, sondern auch gegen Ostafrika spreche, dann habe ich zwei Gebiete. Präs. D i\ Bodenheimer: Ich meine, dass auf diese Art die bereits erledigte Diskussion hervor-