Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Vormittagsitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
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No. 5 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 15 bensgenossenschaft, wenn er vertrieben oder Verstössen, von seiner natürlichen Genossenschaft auf Grund irgend welcher Statuten zurückgewiesen und dem Golus schutzlos preisgegeben,. Tatsächlich ist es aber nicht so schlimm, weil> die Juden besser sind als ihre Gemeinden, das jüdische Herz edler als die Bestimmungen der Vereine. Hier bin ich zu einem Punkte angelangt, der den Grundunterschied zwischen jüdischem Volkstum und offiziellem Repräsentantentum der Juden bildet. Dieser Unterschied ist historisch so alt, wie das jüdische Volk und tritt jetzt noch überall auf, wo Juden in grossen Massen sich sammelten. Wenn ein Arnos sich vorwiegend wider die mächtigen Grossen wendet, welche auf den Armen herumtreten und darnach trachten, die Dulder zu vernichten, 1) wenn ein Jesaja für die kommende Zeit gerade den Armen die grösste Freude in Gott verheisst, 2) wenn die Psalmen den Reichen vor Gottes Vergessenheit und Hochmut warnen und Zephania ein gebeugtes und geringes Volk als das wahre Israel der Zukunft schaut, 3) so ist dieses Ideal nicht unter den Grossherren des Judentums sogar mit ihren Spenden und Stiftungen, sondern in der Mitte des jüdischen Volkes zu suchen. Die Nachfolger des Kahal lassen sich sehr oft von äussern Gesichtspunkten leiten, welche die volkstümlichen in den Hintergrund drängen und zwar zeitweise so sehr, dass sie bis zur Verleugnung allgemein jüdischer Interessen kommen. Höchstens kann man ihnen für Kleinphilanthropie ein gewisses Verständnis beibringen, schwerlich für Grossphilanthropie, nie für nationale Rettung. Nachdem sie sich vom Boden des Volkslebens gelöst und eingeschlossen, kleine Gemeinschaften mit Lokalinteressen innerhalb der grossen Volksgemeinschaft gebildet hatten, verloren sie den richtigen Masstab für volkstümliche Philanthropie. Es ist heute wohl allgemein anerkannt, dass nationale Erkenntnisse nicht mechanischer Weise den Menschen übermittelt werden, sondern dass die Organe herauswachsen aus den Lebensverhältnissen und Faktoren, unter deren Einfluss die Menschen stehen. Darum ergibt sich naturgemäss die Frage, welche Bedeutung diese eben skizzierten Erfahrungen für die nationale Erkenntnis der Juden gehabt haben. Einer der Grundpfeiler jüdischer Existenz war die gegenseitige Liebe, welche bei dem durchans praktischen Charakter jüdischer Einrichtungen als ein sich fortwährend realisierendes Gefühl gedacht wurde. Werke der Liebe, der unmittelbaren, ungekünstelten natürlichen Liebe, müssen die jüdischen Einrichtungen der Wohltätigkeit sein. In neuerer Zeit hat man den Mechanismus des Modells allgemeiner Anstalten herangezogen und behauptet, dass aus demselben sich positive, konkrete Urteile für die Lösung der Judenfrage ableiten lassen. Es ist heute nicht meine Aufgabe, nachzuweisen, wie diese Position nach allen Seiten unhaltbar ist. Es bedarf ja auch nur eines eindringenden Nachdenkens über das Wesen und die Sonclerart des Juden, um die Unrichtigkeit solcher Behauptungen zu erkennen; was eben auf dem Boden eines normalen Volkes möglich, ja notwendig ist, ist hier bei so verschiedenen Verhältnissen ausgeschlossen-, aber wenn auch diesseits von konkreten positiven Vorschlägen keine Rede sein kann, wer wollte leugnen, dass der Zionismus national grossphilanthropischen Gehalt im eminentesten Sinne hat, dass derselbe wie nichts anderes fähig ist, den Boden zuzubereiten, auf dem eine Gesundung unseres Volkslebens sich vollziehen kann? Die Erkenntnis, dass mit wirtschaftlichen Massnahmen allein nicht geholfen ist, sondern dass die Eraft und die Tüchtigkeit eines Volkes sehr wesentlich durch sein Ehrgefühl bedingt ist, ist heute, schon in weiten gebildeten Kreisen unseres Volkes anerkannt und man stimmt mit ein in die Forderung, dass der Zionismus die banale Philanthropie vertiefe und veredle. Und nun komme ich zu dem Zusammenhang zwischen Philanthropie und Zionismus. Man kann diesen Zusammenhang ganz einfach finden. Ich gestehe, dass er mir im ersten Augenblick als eine tendenziöse Uebertreibung schien. In der Wirklichkeit ist es aber nicht so. Man kann ohne extrem zu sein, dreist behaupten, dass es gut und billig wäre, wenigstens einen Teil der Summen, die im Osten von Juden auf jüdische Zwecke ausgegeben, zur Erreichung des zionistischen Zieles zu widmen. Nur wenige haben einen Begriff von den Grössen der Summen, welche die Gemeindebedürfnisse und darunter die Kleinphilanthropie verschlingen. Nach den mutmasslichen Berechnungen eines ausgezeichneten Kenners dieser Verhältnisse, des Herrn Marek aus Moskau, beträgt die spezielle Judenbesteuerung, die an Ritus und Wohltätigkeit sich knüpft, in Littauen 2 R. 50 kop., in Südrusslancl 4 R., im Innern Russlands von 4—5 Rubel durchschnittlich, also 3 Rubel per Kopf. Es ist eine Summe von 15 Millionen per Jahr. Wenn man die Unterrichtskosten in den speziell jüdischen Anstalten, die Herr Marek gegen 10 Millionen Rubel schätzt, und sonstige Ausgaben hinzufügt, so ergibt sich eine Summe von 30 Millionen per Jahr, die die Juden, weil sie Juden sind, ausser allgemeiner Steuer entrichten. Und diese Schätzimg ist nicht übertrieben. Nein, sie ist minimal klein, weil sie sich nur auf offizielle Daten stützt. Tatsächlich lässt sich jüdische Kleinphilanthropie gar nicht berechnen. Vergebens bemüht sich die Statistik, das die ganze Athmosphäre der jüdischen Rasse ausfüllende wohltätige Schaffen in Ziffern und feste Rubriken zu fassen. Es ist ungreitbar, überall vorhanden, mit jeder Tätigkeit verknüpft. Man versuchte zum Beispiel die Ziffern der Mazzes-Verteilung an dem Passahfeste (Kimko d'pyscho) als Pauperismusmesser zu benützen. In der trefflichen Abhandlung Janovskis wird die Zahl der jüdischen Paupers, dasheisst derjenigen, die bis zum Bettelstab herabgekommen und gezwungen sind, von der Gemeinde Kimko d'pyscho zu erhalten, 19 % der jüdischen Bevölkerung beträgt. In der Tat wissen wir aber, dass, wie z. B. bei uns in Warschau und in vielen anderen Städten das, was ausserhalb der Gemeindeverwaltung privat für diesen Zweck gesammelt und ganz einfach von jedem Bai Bais ausgegeben wird, unvergleichlich mehr als die offizielle Subskriptionsliste beträgt. So verhält es sich auch mit vielen anderen Zweigen der Wohltätigkeit. Die Ziffern der in der Kleinphilanthropie aufgehenden Summen lässt sich eben gar nicht berechnen. Die Kleinphilanthropie ist eine Notwendigkeit wie alles, welches historisch in den gegebenen Verhältnissen sich entwickelt hat. Der Gedanke, den Wert dieser Wohltätigkeit zu unterschätzen, liegt mir fern. Ich möchte nur die volkstümliche, in Mamme Loschon ge-