Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Vormittagsitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 5 über die Judenfrage in Polen am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts erkennen wir deutlich den immer weiter um sich greifenden Zersetzungsprozess der Kehiloth. Die Zeiten hatten sich eben gewaltig geändert. War die Kehilath samt ihren Wohltätigkeitsanstalten früher eine um ihre bescheidene Existenz ringende Gruppe, welche kein höheres Glück kannte, als sich um das Gotteshaus zu scharen und für jede Chevra eine Torarolle schreiben zu lassen, so wird sie jetzt häufig genug in ökonomische Händel verwickelt, und ihre Notabein strebten bald darnach, in Grossmachtsdünkel es Wojewoden gleich zu tun. So entstand das, was wir jetzt offizielles Judentum nennen. Die Grösse einer Gwirin-Misswirtschaft mit ihren Folgen können wir nicht nur aus unjüdischen, deshalb vielleicht parteiischen Schilderungen von Kahalsgegnern schliessen, wir haben aber auch höchst instruktive Dokumente, welche den gewaltigen Umschwung der Stimmung in den Kreisen der dämmernden H a s k a 1 a dem Kahal gegenüber beweisen. Einst aus der Not der Zeit herausgeboren und als letzter Rettungsanker in den Tagen nationaler Ohnmacht und Zerklüftung mit Freuden begrüsst, wurde der Kahal jetzt als Symbol der Vergewaltigung und Misswirtschaft seitens der hebräisch schreibenden Schilderer jüdischen Lebens aufs schärfste angegriffen. „Finsterlinge, kleine Tyrannen, ehrsüchtige Misrachwanderoberer und Aliothfresser, heuchelnde Almosenverteiler" werden die Rosche - Kohal fast durchwegs schon in der beginnenden neuhebräischen Belletristik genannt. Es mag sein, dass die Schriftsteller absichtlich grau in grau malten, dass die Farben zu diesem Bilde aber nicht lediglich der Phantasie entnommen sind zeigen Züge wie der erschreckende Rückgang der jüdischen Barmherzigkeit, welcher sich in der traurigen Epoche der von Kahals-Schergen betriebenen Knabenfängerei für den Militärdienst (Ghotfim) und vor allem die Liederfragmente der Volksdichter, welche in unbestechlichem Wahrheitssinn ein Spiegelbild ihres Tun und Treibens vor Augen stellen. Es kann doch nicht Zufall sein, dass sämtliche Rosche-Kahal-Typen bei Joseph Rabinowitsch, Lewanda, Abrahamowitsch, Smolenski und vielen andern negativ und abstossend sind. Ein Teil dieser wütenden rücksichtslosen Opposition könnte vielleicht auf Eingebungen des Parteihasses der um Freiheit ringenden Masilim gegen die herrschende Strenggläubigkeit zurückgeführt werden, aber dieses Motiv genügte bei weitem nicht den Blick so vieler Beobachter zu verdunkeln. Es handelte sich nicht um Mangel an Chewroth, an Spenden und Almosen. Um etwas ganz anderes handelte es sich, um das Erstarren und die Verknöcherung eines Systems. Freilich tragen auch die veränderten Lebensbedingungen zu diesem Verfall bei. In alter Zeit waren die Juden im Osten gering an Zahl und noch geringer an Einfluss, die Handwerke unentwickelt, der Kleinhandel war fast völlig in ihren Händen. Das änderte sich in demselben Masse als die autochtone Bevölkerung die Handwerke zu organisieren und dem Handel sich zuzuwenden begann. Die Solidarität des Kahals musste als dem allgemeinen Interesse widersprechend und hindernd empfunden werden. Der Kahal konnte und durfte keine rationelle Wohltätigkeit treiben. Der wahre Volksschutz wurde unmöglich gemacht, daher wurde die Gemeindeverwaltung immer weniger volkstümlich. Das Geld ist allmählig zu einer Bedeutung gekommen, von dem man vorhin keine Ahnung hatte. Die kleinen Leute wurden abhängig von den Grosshändlern, die oft in unbarmherziger Strenge die Schulgesetze in Anwendung brachten, die Zahl der Besitzlosen mehrte sich. Hand in Hand mit dieser Verschiebung des Besitzes zu Gunsten einzelner, mit dieser immer mehr zur Geltung kommenden Macht des Geldes ging auch das Umsichgreifen einer heuchlerischen, psychisch armen und intellektuellen zwecklosen Tätigkeit derjenigen, die man in besser denkenden und tiefer fühlenden Kreisen als „Kahalniki" sarkastisch brandmarkte. Die sogenannten „breiten Menschen und die schönen Juden," welche scheinbar Wohltätigkeit auf Wohltätigkeit häuften, erregten den Ingrimm der intellektuellen, welche in derber Form sich gegen diese Repräsentanten wendeten. Aber freilich was konnte auf die Dauer auch die glänzendste Beredsamkeit dieser Männer fruchten? Haskalah-Apostel schwebten nicht nur als Idealisten über der Wirklichkeit und verstanden es nicht auf dem Wege praktischer Massnahmen ihren Ideen zur Realität zu verhelfen; sie haben auch die tiefe Wurzel des Uebels nicht erkannt. Sie begriffen nicht, dass es bei dem Mangel eines nationalen Lebensprinzips so kommen musste und dass es nur in einem eigenen Milieu oder wenigstens im Ringen um ein eigenes Milieu anders werden kann. Aus derartigen Erwägungen ging wohl der im 19. Jahrhundert vollzogene Umschwung in manchen jüdischen Gemeinden des Ostens hervor. Man versuchte es auf dem Wege der Neugestaltung des schon vor drei Generationen aufgehobenen Kahals nach der Art einer konfessionellen Kultusgemeinde den Uebelständen beizukommen, ein nach gewisser Seite verhängnissvolles Unternehmen insofern damit der erste Schritt auf jener Bahn geschieht, die zu der konfessionellen Erstairung führte; konnten doch diese Reformatoren des Kahals gerade von den innerlichsten Gedanken des sittlich jüdischen Genius noch weniger Gebrauch machen, als die früheren Rosche-Kahal, obschon sie mehr Ordnung einführten. Wer nur oberflächlich die Berichte der Vereinsphilantropie, um die es sich hier handelt, durchblättert, erkennt sofort auf den ersten Blick, dass diese Berichte ganz äusserlich und schematisch das jüdische Leben berühren. Unverkennbar lehnen sich die Statuten dieser Vereine an gewisse Statuten anderer Völker und Gemeinschaften an, ohne diese Bestimmungen weiter auszubilden, wenn sie sich auch als ungenügend herausstellen. Das gilt in erster Linie von den Bestimmungen über die Unterstützung der Fremdlinge. Die klassische oder richtiger gesagt, patriarchalische Hachnasath Orchim, fehlt ganz. Die Gemeinden, der Wohltätigkeitsverein, hat nur für seine Armen zu sorgen. Ein richtiges Prinzip, aber auf jüdische Zustände ganz unanwendbar. Juden müssen eben wandern, die einen mehr, die andern weniger, die einen wanderten massenweise im Jahre 1492, die andern in den Jahren 1880—90. Welch ein frecher Blödsinn ist es, wenn der Sohn, der Enkel, der Urenkel eines Einwanderers sich nicht nur als Autochtone geberclet, aber auch als ein so engherzig protektionistischer Landherr, dass er den neuen Zuzug, weil später angekommen, schnöde zurückdrängen möchte. Vom nationalen Standpunkte dürfte gerade die Unterstützung der Verstossenen den erster Rang jüdischer Wohltätigkeit einnehmen müssen. Manchem wird es scheinen, dass die hier berührte Frage das Verhältnis des Ostens zum Westen anbetrifft. Aber dem ist nicht so. Auch im Osten selbst findet eine fortdauernde Wanderung statt und es sind keine Lustreisen ... Ja— es verstösst aber gegen die Statuten einer jeden grossen Gemeinde! In diesem Falle sind die Gemeinden und die Statuten nichts wert. Denn der Geist des jüdischen Volkes wendete sich immer der Fürsorge zu Gunsten der sogen. Fremden zu. Was nützte dem Juden seine Gemeinde und seine Glau-