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Die Welt · 1903-08-28 · 5 (28.8.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (28.8.1903)
Article
Mittwoch-Vormittagsitzung
Date
1903-08-28
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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No. 5 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 13 Kahal hatte einen schwierigen Kampf mit den polnischlitauischen Zünften auszufechten; denn immerfort brach der Hass des einheimischen Handwerkes in blutigen Aufständen aus. Wenn sich ein jüdisches Gewerbe entwickelte, so war es der Kahal, der ihm eine Existenz sicherte und dieselbe beschützte. Er zwang namentlich die Zunft, mit ihm und nicht mit den Einzelnen zu verhandeln. So besitzen wir schon von 1539 eine Urkunde über solche Verhandlungen aus der Stadt Lutzk.1) In Jaroslaw präsidierten während der Messzeit beide Kahalkollegien mit dem Rabbiner an der Spitze. Ausserdem sorgten andere Beamte der Kahal - Administration für das Vorhandensein von Gebethäusern für die jüdischen Besucher des Jahrmarkts; gleichzeitig hatten diese Beamte die Möglichkeit an der Hand ihrer Vollmacht, die Bürgschaft für jene Waren zu übernehmen, welche von vertrauenswürdigen jüdischen Kaufleuten auf Kredit gekauft worden waren.2) Der Kahal hatte für das Handwerk eine Institution der Züntte nach der Art der christlichen ausgebildet. So finden wir schon im 17. Jahrhundert im polnisch-litauischen Reiche sogen. Pinkesaoth der Judenzünfte, d. h. Vereinschroniken mit Statuten der jüdischen Zünfte. Der Kahal sorgte für die Schulen, besoldete jüdische Gelehrte und unterhielt als Arme seine arbeitsunlähigen Mitglieder.3) Von nennenswerten grossen Wohltätigkeitsanstalten war in der alten Zeit keine Rede: von ihrem nationalen Zentrum abgeschnitten, hatten die Juden höchstens an den allgemeinen lokalen Institutionen sich beteiligen können, was aber schon um deswillen unmöglich war, weil die nichtjüdischen Institutionen für die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerungsklassen eingerichtet waren, mit denen, wie wir bei den Zünften sehen, sie fortdauernd um ihre Existenz zu kämpfen hatten; und auch während der kurzen Epochen weitgehendster Toleranz, so lange jüdische Eigenart existierte, konnte von derartigen Mischungen keine Rede sein. So völlig auf sich selbst gestellt und allein auf den Ertrag einer Selbstbesteuerung angewiesen, bewahrten sie während des Jahrhunderte langen Kampfes um die Selbsterhaltuag die Einfachheit der väterlichen Sitte und damit auch im Wesentlichen die latente nationale Einheit des Volkes. Das wird erst anders mit der spätern Kahalszeit, als die Juden, das bis dahin unterdrückte uud nicht selten den Verzweiflungskampf um seine Existenz führende Volk zu einer nicht unbedeutenden Stellung im' ökonomischen Leben der Ostvölker kamen. Die Quellen über diese bessere Kahalszeit, welche uns einen Einblick in die sozialen Zustände der Juden gewähren, fliessen freilich ausserordentlich spärlich, immerhin reichen die übergebliebenen Schriften der Kahal- und Vereins-Privilegten aus, um die Anfänge des Bildes zu erkennen, welches die späteren Pinkesaoth uns mit lebhafteren Farben und in kräftigeren Zügen zeichnen. Es tritt uns in einzelnen Kreisen des Volkes ein Schwinden der Einheit und des Gleichgewichts entgegen. „Manche Juden erhielten das Recht, Grund und Boden zu erwerben und frei Handel und Handwerk zu treiben. Unter dem Schutze!) Berschadsky: Dokumente und Register. 2) Schorr. Studien. 3) Rabinowitsch: Die Organisation des jüd. Proletariats. solcher Privilegien begann eine merkliche Assimilation der Juden mit der einheimischen Bevölkerung. Die wirtschaftlich Tüchtigen oder Glücklichen machten von dem Rechte des Gelddarlehens, der Steuerpacht und des Handels erfolgreichen Gebrauch, oder sie wurden Grossgrundbesitzer uud näherten sich ihrer Bildung und Lebenshaltung nach immer mehr dem christlichen Adel. Ein Teil ging zum Christentum über, ein anderer war nahe daran; die wirtschaftlich Schwachen führten eine kümmerliche Existenz als Kleinhandwerker oder Krämer; in bestimmten Stadtvierteln angesiedelt, behielten sie ihre nationalen Gebräuche und Sitten; aber auch sie hätten in der Mas^e der einheimischen Bevölkerung untergehen müssen, wenn das parallel gehende Steigen der städtischen Selbstverwaltungsrechte nicht eine entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen hätte."4) Das so bedingungslos verurteilte System der Chasaka und Maarufia, welches darin bestand, eine zügellose Konkurrenz unmöglich zu machen und die Selbstständigkeit der Gewerbe zu beschützen, war im Grund ein Versuch, welcher von dein Prinzipe der wirtschaftlichen Solidarität ausging, konnte aber infolge der äussern Verhältnisse sich nicht erhalten. So musste der Kahal zu den kleinen traditionellen Formen des Zedakah zurückgedrängt werden. Sehen wir von den rein rituellen Gemeindeeinrichtungen ab, so treten uns namentlich vier Forderungen, welche zu Gunsten der Armen geltend gemacht werden, entgegen: 1) Der unentgeltliche "Unterricht für die Kinder der Armen, der sogenannte Talrnud-Thora, wobei allerdings fraglich ist,, ob die ersten Anstalten dieser Art speziell für die Kinder der Armen, oder zusammen mit den Kindern der Bemittelten eingerichtet waren. 2) Das Armenhaus, der Hekdosch, der eine Unterkunftstätte für die Obdachlosen, ein Nachtasyl und in seiner ursprünglichen Form auch ein Krankenhaus war. 3) Die Nahrungsversorgung, (der „Tarnehu") die primitive Form der Armenküchen. 4) Die gastliche Aufnahme der wandernden Juden, Hachnasath Orchim, die nicht nur für verarmte, sondern auch für die vertriebenen und heimatlos Herumirrenden bestimmt war. 1 An diese Grundinstitutionen reihte sich eine grosse Masse verschiedenartiger Anstalten. Der Hekdosch differenzierte sich zu Krankenhäusern, Asylen für Greise, für Unheilbare und Krüppel, Vereinen für Krankenpflege, Bikur C ho lim u. v. A. Dann kamen veschiedenartig gestaltete Vereine für Almosenverteilung, für zinslose Darlehen (Gemilus Ohasoclim), nebst einer langen Reihe von Spezialvereinen für Handwerker, sogenannte Chevroth, die spezielle berufliche Bedürfnisse teils sozial teils philanthropisch behandelten. Auch Hachnasath Orchim war mehr als eine Anstalt; es war ein Prinzip, aus dem sich eine Masse von Anstalten je nach dem Bedürfnisse entwickelte. Besonders erfolgreich sind diese Einrichtungen des alten Kahals freilich nie gewesen, einerseits scheiterte ihre Tätigkeit an der wachsenden Armut und an der Fruchtbarkeit des jüdischen Stammes, anderseits waren sie doch nicht ausreichend, um die vorhandenen Golus- Schwierigkeiten zu heben. Namentlich aus den Schriften *) Ibid.

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