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Die Welt · 1903-08-28 · 5 (28.8.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (28.8.1903)
Article
Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-28
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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No. 5 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 5 Schiffe verbrannt, ihre Brücken abgebrochen und stehen da. Ein Zurückweichen gibt es für sie nicht. .Zurückweichen heisst in ihrem Falle: ins Wasser! ersaufen! Und da sagen Sie : „Sie haben hier eine kleine Komödie gespielt. Sie wollten uns irgendwie mundgerecht machen,! dass es auch ohne Zion geht. Ich qualifiziere dieses Vorgehen nicht weiter. (Beifall) Und nun, da ich auch mich als Temperamentjuden offenbart habe, da auch ich meine Gefühle ausgedrückt habe, wollen wir tun, wozu ich Sie in meiner ersten Rede einlud: Kühl, geschäftsmässig, nüchtern die Frage behandeln. Ich will nur die Hauptargumente hervorheben, die im Laufe der Diskussion gegen den Antrag zur Einsetzung einer Kommission laut wurden. Einzelnes war so schön, dass ich es eigentlich aus ästhetischen, aus Feinschmeckergründen hervorheben muss. Es soll doch auch ein lichter Sonnenblick auf die im ganzen düstere Farbenstimmung der Diskussion fallen. Herr Wortsmann sprach gar nicht von der Kommission; er nahm schon als feststehend an, dass wir nach Ostafrika auswandern, und wandte sich mit der ganzen Heftigkeit seines erregten Gemütes gegen die angebliche Auswanderung. Seine Besorgnis war, dass wir in die Wildnis Kultur tragen könnten, dass wir also infolgedessen England für sein Anerbieten gar nicht dankbar zu sein brauchten, dass im Gegenteil England uns dankbar sein müsste. Denn wir verwandeln ja Wildnis in kultivierte Gegend. Da ist ihm eine kleine Verwechslung mit untergelaufen. Er dachte wohl, dass wir nach Sibirien oder nach Sachalin gehen sollten. Dort arbeitet man allerdings nicht für sich, wenn man arbeitet; und wenn man in Sibirien oder in Sachalin eine Wildnis in eine Kulturstätte umgewandelt hat, dann hat derjenige, der das Werk getan, gar nichts davon. Wenn man aber in einer britischen Besitzung unter einem Charter mit dem Rechte der Selbstverwaltung eine Wildnis unter den Pflug nimmt und dort Kultur schafft, so hat man die Kultur für sich geschaffen. Der grosse Einwand läuft also darauf hinaus, dass Herr Wortsniami sagt: „Was, Ihr nehmt arme Leute und schickt sie in eine Weltgegend, wo sie reich werden? Das ist nicht zu dulden." — Auch dafür kenne ich eine russische Geschichte. Es scheint, dass man in Russland einen Kutscher um so höher schätzt und bezahlt, je stattlicher, fetter, grossbärtiger und schöner gekleidet er ist. (Heiterkeit.) Es kam nun ein armer Muschik zu einem vornehmen russischen Herrn und bat um eine Anstellung. Der Mann war in ein zerrissenes Lammfell gehüllt und sah miserabel, verhungert, dünn und schlottrig aus. Er bekam eine Kutscherstelle mit 10 Rubeln im Monat. Nach drei Monaten war er ein Riese mit dreifachem Kinn, ungeheurem Bart, gewaltigem Bauch und einem wunderschönen Pelz. Da trat er vor seinen Herrn und sagte: Ich habe dir einen grossen Gefallen getan und du bist mir grossen Dank schuldig. Ich bin elend und beinschlotternd, abgelumpt und verhungert zu dir gekommen. Jetzt bin ich dick und stark und schön. Dafür, wiederhole ich, bist du mir Dank schuldig, und darum musst du mir meinen Gehalt erhöhen." (Heiterkeit.) Das ist ungefähr die Auffassung des Herrn Wortsmann. Herr Dr. Levin erinnerte an Argentinien und die andern Wohltätigkeitskolonien, wo ebenfalls" Juden hingeschickt wurden, allerdings von Leuten, die keine Zionisten waren. Er fragte: Was ist der Unterschied zwischen dem Projekt, womit Sie uns kommen, und jenen andern, die der Zionismus mit Recht immer bekämpft oder als durchaus unzureichend hingestellt hat? Ihm ist wieder ein kleiner Unterschied entgangen. Nach Argentinien und Canada werden Juden in nicht jüdische Umgebung geschickt, um dort als Juden zu verschwinden, sich zu assimilieren, weiter die entrechtete Minderheit zu bleiben, die sie auch in den alten Ländern waren. Hier aber — wie konnte Ihnen dieses Moment entgehen! — handelt es sich darum, Juden nicht irgendwohin ins Blaue nach Argentinien oder Canada zu schicken, sondern nach einer Stelle, wo sie Juden sein, sich als Juden national ausleben, zu jüdischen Bürgern erzogen werden und ihren Kindern Gelegenheit bieten können, als Juden jüdisch heranzuwachsen. Glauben Sie wirklich, dass das dasselbe ist? Hr. Dr. Levin hatte noch einen sehr mächtigen Einwand, und ich stelle fest, dass, als er das sofort zu zitierende Wort sprach, der ganze Saal in ein dröhnendes Beifallklatschen ausbrach: „Wozu brauchen wir Ostafrika?" fragte er; „wir haben Erez Israel." Ich freue mich, das zu erfahren. Bitte, geben Sie es uns doch, wenn Sie es haben. (Beifall.) Ich möchte jetzt, damit kein Irrtum besteht, eine Feststellung machen: Ich persönlich habe kein Wort der Empfehlung für Ostafrika, aus einem ganz einfachen Grund: Ich weiss nichts von Ostafrika, ich ahne nichts davon. Ich habe über Uganda, über den Kilimandscharo und die andern in der Nähe der in betracht kommenden Gegenden gelegenen Gebiete das gelesen, was ein gebildeter Europäer darüber gelesen haben muss. Aber ich gestehe, dass ich es mit zerstreutem Auge, ein bischen obenhin gelesen habe: Ich empfehle Ostafrika nicht. Nie soll ein Jude sagen dürfen: Ich bin nach Ostafrika gegangen, weil Nordau mich hingeschickt hat. Ich schicke niemand hin. Das einzige, was ich sage, ist: Man spricht mir plötzlich von Ostafrika. Prüfen wir, was daran ist. Nun die zweite Frage: Also soll der Zionismus sich mit dem Nachtasyl beschäftigen? Das Nachtasyl! Ich habe nicht gesagt: Nur Nachtasyl, nicht gesagt: Gorkisches Nachtasyl, wo Vagabunden zusammenkommen und in poetischer Stimmung oder mit dem schönen Ton der Selbstverständlichkeit, der den Erzählungen Gorkis so tiefe Wirkung gesichert hat, miteinander über ihre vergangenen Verbrechen, über ihre künftig geplanten Morde, zwischendurch über ihre Liebeserregungen und ihre allgemeine vage Menschenfreundlichkeit sprechen, nein, ich habe hinzugefügt — und ich bin beschämt, festzustellen, dass dieses Wort an Ihnen vorübergegangen, von Ihnen abgeglitten ist, obschon Sie es nicht nur gehört haben, sondern es seitdem auch gedruckt haben lesen können —, dass unser Nachtasyl ein eigentümliches Nachtasyl sein soll, nämlich zugleich Nachtasyl und Erziehungsstätte. (Beifall.) Die Juden, die zu unserem Nachtasyl kommen, werden nicht mit einer Pritsche und einem Bissen trockenen Brotes abgespeist. Sie werden als Vagabunden eingeführt und drinnen zu Bürgern gedrillt, zu jüdischen Bürgern, nicht für Ostafrika, wenn es Ostafrika ist, nicht für ein anderes Land, wenn es ein anderes Land ist, sondern für Zion. Was machen Sie denn jetzt? Worin besteht denn Ihre ganze zionistische Agitation? Darin, dass Sie hierher kommen und Lärm machen? Ist das frlles? (Unruhe.) — Ich werde Ihnen, wenn nötig, noch härtere Dinge sagen! — Sie arbeiten in aller Herren Ländern an der Erziehung von Zionisten. Sie arbeiten daran, eine formlose chaotische Masse zu Bürgern zu erziehen. Was tun Sie anderes, wenn Sie autonome Kolonien gründen, um dort dieses Erziehungswerk ungehinderter, gründlicher, zielbewusster, vollständiger auszuführen? (Beifall.) Einer der Redner, Herr Diesenhof, der mir, nebenbei bemerkt, persönlich besonders sympathisch ist,

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