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Die Welt · 1903-08-28 · 5 (28.8.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (28.8.1903)
Article
Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-28
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 5 In religiöser Hinsicht muss die Kolonisation in einem andern Lande als Palästina für die Religionsjuden einen schweren Schlag bedeuten. Ich weiss; Es werden sich Talmudweise finden, die sagen werden: Im Gegenteil, wir ziehen ein anderes Land vor; denn an Palästina können und dürfen wir nur in Verbindung mit Meschiach denken, wenn auch glücklicherweise schon auf den Esel verzichtet worden ist. (Heiterkeit.) Inzwischen ist jedes andere Land ebensogut. Den Washington-Jeruscholaim Rabbinern ist Washington ihr Jerusalem geworden. Jetzt erleben wir in unserer Mitte plötzlich Ostafrikahierosolymiten. (Beifall.) Aber die wahrhaft Frommen im jüdischen Volke werden ein solches Zumuten von sich weisen. Wir haben gestern hier das merkwürdige Schauspiel erlebt, dass ein Herr Rabbiner Esra für Ostafrika ausnützen wollte. Wenn Esra heute in unserer Mitte wäre, diese Mauern würden widerhallen von harten und schweren Anklagen gegen die modernen Eiferer in Israel für Ostafrika. (Beifall.) Die Ostafrikasache ist eine philanthropische Privatangelegenheit, die uns Zionisten als Privatleute wohl interessieren kann und muss, ebenso wie ein grosser Teil von uns sich an der von der J, C. A. im Osten gegründeten philanthropischen Institutionen beteiligt. Aber nicht mehr als das. (Präsident Dr. Herzl macht den Redner auf den Ablauf seiner Redelrist aufmerksam.) Ich appelliere an Sie. Verlassen Sie die alte treue Mutter, die seit 2000 Jahren auf unsere Rückkehr harrt, nicht. Kämpfen wir weiter. Unsere Vorfahren haben auf dem Scheiterhaufen mit dem Schemah Jisroel ihren Atem ausgehaucht. Auch wir wollen leiden und kämpfen und bis zum letzten Atemzug wollen wir rufen: umpn rros n%£? *n>; (Beifall.) * * * Dr. Nordau (jubelnd begrüsst): Im Laufe der langen und leidenschaftlich erregten Erörterung, die eben zum Abschluss gekommen ist, habe ich häufig bei einzelnen Aeusserungen gelitten. Im ganzen aber hat sie in mir einen überaus erhebenden Eindruck zurückgelassen. Gerade die Länge, gerade die Leidenschaftlichkeit dieser Erörterung war der lebendigste, und überzeugendste Beweis dafür, wie sehr bei uns die tiefsten Quellen des Gefühls zu sprudeln, zu rauschen, stürmisch hervorzubrechen beginnen, wenn an die Zionsfrage gerührt wird. Ich freue mich, Sie in dieser Seelenstimmung zu wissen. Temperamentvoll sind wir ja» Das ist bekannt. Wir sind es in dieser Erörterung mehr als je gewesen. Und wenn das aus dem Gesichtspunkt parlamentarischer Ordnung nicht eben nützlich war, so schadete es im Ganzen doch auch nicht viel. Jedenfalls ist mir die Erregung, die seit zwei Tagen in Ihren Reihen herrscht, ein vollgiltiger Beweis, dass Sie selbst in Ihrer Treue gegen Ziön nicht wankend zu machen sind, und dass Sie dieses Gefühl der Treue auch Ihren Kindern vererben werden. (Beifall) Nun aber gestatten Sie mir hinzuzufügen, dass Ihre Empfindlichkeit zu gross und Ihre Erregung meines Dafürhaltens unangebracht, weil missverständlich war. Es handelt sich bei der Frage, die Sie in diesen zwei Tagen erörtert haben, tatsächlich um drei verschiedene, wenn auch vielfach durcheinander geschlagene Fragen. Von talmudistisch geschulten Köpfen hätte ich doch erwartet, dass Sie dieses Gewebe der drei ineinander geschlungenen Fragen reinlich, säuberlich auseinander zu dröseln verstehen würden. Da Sie dieses zu meinem Erstaunen nicht getan haben — wenigstens die gegnerischen Redner nicht — so muss ich mit einigem Bangen — denn es ist leider lange her, dass ich mich mit dem Talmud beschäftigt habe, und ich kann als Talmudist mit dem schwächsten von Ihnen nicht ringen — mich der Mühe unterziehen, diese reinliche Scheidung vorzunehmen. Worum handelt es sich hier? Um die Beantwortung dieser drei Fragen. 1. Soll eine Kommission zur Prüfung einer gegebenen Frage ernannt werden, unvorgreiflich, lediglich zum Zwecke der Prüfung dieser Frage? 2. Sollen wir nach Ost-Afrika aufbrechen? 3. Darf und soll der Zionismus an die Frage eines Nachtasyles herantreten? Da dieses Wort von mir leider unvorsichtig in die Diskussion geworfen worden ist, da es von Ihnen sichtlich gründlich, bis zum Erdmittelpunkt, missverstanden worden ist, werde ich mir gestatten dürfen, es zwar jetzt noch zu gebrauchen, aber später zu erläutern. Also: eine Kommission ernennen, nach Ost-Afrika ziehen und die Frage erörtern, ob der Zionismus sich mit der Errichtung eines Nachtasyles — wo das zu errichten ist, ist eine andere Frage — beschäftigen darf und soll; das ist es, womit Sie befasst sind. Fast alle Redner, selbst die erbittertsten Oppositionsredner, begannen immer mit der Versicherung ihres Vertrauens zu unserm verehrten Führer Dr. Herzl. Das war immer das erste Wort. Viele von Ihnen, die gebildeten Russen, kennen Tolstoi. In einem der rührendsten Teile seines Gesamtwerks, in seinen Kindes- und Jugenderinnerungen erzählt er eine Szene, die mir unvergesslich geblieben ist. Es scheint, dass sein Vater die erste Frau verloren hatte und von einer Hetze kleiner Kinder umgeben war, die einer Pflegerin und Erzieherin nicht entbehren konnten. Er dachte daran, sich ein zweites Mal zu verheiraten. Eines Tages erschien eine Gouvernante, und wurde den Kindern vorgestellt. Nachdem die Gouvernante sich eigentümlich zärtlich gegen die Kinder erwiesen hatte, mehr als Gouvernanten bei ihrem ersten Eintritt in ein Haus zu tun pflegen, rief der Vater die Kinder und fragte sie: „Kinder, wie gefällt euch eure neue Gouvernante? Liebt sie euch? Glaubt ihr, dass ihr auch sie lieben könnt?" Da brach der Aelteste in Tränen aus und sagte: „Vater, du willst uns eine Stiefmutter geben." Das ist Ihr Vertrauen. Wir sagen Ihnen bei jeder Gelegenheit, wir wiederholen es Ihnen bis zur Lächerlichkeit — denn wir sind als Stilisten keine Freunde der Tautologie-, wir halten die Tautologie für das ererbärmlichste stilistische Hilfsmittel eines Stümpers, und wir haben die Eitelkeit, uns nicht für Stümper zu halten—: Das Ziel bleibt unverrückbar. Dieses Ziel heisst Zion. Wir stehen auf dem Basler Programm. Man kann uns die Füsse abhauen; man kann durch äussere Gewalt das .Baslerprogramm zerstören, niemals aber wird man uns mit heilen Beinen, lebendig, vom bestehenden Baslerprogramm wegrücken. Und Sie sagen: „Wir haben ungeheuer viel Vertrauen zu Ihnen; folglich nehmen wir an, dass Sie sicher vom Basler Programm abgehen wollen." (Beifall) Sie fürchten, wenn man Ihnen von einer Kolonie, in Ost-Afrika oder wo immer spricht, dass man Ihnen ein Stief-Zion geben will . . . Das ist ein Vertrauen mit .seltsamen Vorbehalten, ein Vertrauen mit schweren Hypothesen. Seien Sie ganz sicher: Niemand denkt daran, das Basler Programm aufzugeben oder nur ein Haar breit davon abzuweichen. Was wollen Sie denn? Können Sie denn, etwa bis zum Augenblick des Märtyrertodes — der ist allerdings noch nicht von uns gefordert worden — als Beweis der Aufrichtigkeit mehr verlangen, als dass ein Mensch, der sich eines hübschen Fahrzeuges erfreut; der eine gut gebaute Brücke hat, damit beginnt, die Brücke abzubrechen, sein Schiff zu verbrennen und sagt: „Hier stehe ich, hier muss ich fallen." Das ist geschehen. Das haben diejenigen, die Sie Ihre Führer nennen und Ihres Vertrauens versichern; getan. Sie haben ihre

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