Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-08-28 · 5 (28.8.1903) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (28.8.1903)
Article
Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-28
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316023-3336567--37134-3336589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 5 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 3 jenige, der zuerst prüft, was er unternehmen will, wird aber sagen: ich überlege mir die Sache und dann antworte ich. Dasselbe spielt sich auch im öffentlichen Parlamentsleben ab. Wenn irgend ein Antrag einer grösseren Versammlung unterbreitet wird, ist es faktisch eine Sache der Unmöglichkeit, dass diese grössere Versammlung sofort einen Beschluss fassen soll. Wir können hier höchstens 10 Minuten sprechen, wir haben Generalredner gewählt, die die Materie nicht genügend kennen, die vielleicht mit Gefühlen und Zahlen operieren können und gestützt auf diese Gefühlsreden, gestützt auf diese Sentimentsreden, falen Aeusserungen von Herren, die im guten Glauben denken sie seien des Volkes Vertreter, die aber nicht die Vertreter des hungernden Volkes sind! Die Herren, die vielleicht noch nicht mit acht Kindern in einem Dachzimmer geschlafen haben, die Herren sollen hier nicht von Gefühlen sprechen, wenn sie vielleicht selbst in Amt und Würden sind und eine hohe Stellung einnehmen. Man kann gefühlvoll sprechen und eine schöne Predigt halten, insbesondere, weiin es das Amt mit sich bringt, wenn man aber hungern muss, ist das nicht Gefühl, sondern es handelt sich um Menschenleben. Drei Gesichtspunkte verlangen von uns eine reifliche Ueberlegung der Sache: 1. Eiicksicht auf die Regierung, die uns die hochherzige Offerte gemacht hat. 2. Eiicksicht auf die Masse der Juden. o. Eiicksicht auf unsere Gegner, damit sie nicht sagen, wir hätten die Sache leichtsinnig von der Hand gewiesen ohne sie einer Prüfung unterzogen zu haben. Entweder ist das Land gefährlich, dann werden wir sagen: nein, oder es ist günstig, dann fürchten die Herren die Wahrheit. Nur die Einsetzung einer Kommission wird die Wahrheit festsetzen. Wir sind nicht da, um Gefühlspolitik zu treiben; wir sind hier, um die Wahrheit zu erforschen, weil wir uns sagen müssen: wir können im Laufe von einigen Tagen, gestützt auf die Auseinandersetzungen einzelner Eedner, deren Eedezeit auf 10 Minuten beschränkt ist, die Wahrheit nicht ergründen, darum wollen wir sie in einer Kommission suchen. Ich weiss nicht, was sie findet, aber wir wollen nach der Wahrheit streben. Sie befürchten, die Kommission könnte eine Ansiedelung beantragen. Ich weiss es nicht, ich kenne die Verhältnisse nicht. Im Antrage der schweizerischen Landsmannschaft, den ich verlesen habe, heisst es, das& der Kommission alle Dokumente vorzulegen sind, die sich auf die Sache beziehen. Die Kommission wird prüfen, ob Ostafrika als Nachtasyl geeignet ist und es keinen andern Ausweg gebe, und erst wenn die Kommission zur Ueberzeugung gekommen ist, dass die Lage der Juden eine trostlose, aussichtslose ist, dass man ins Nachtasyl gehen muss, wird man zur Frage über Ostafrika übergehen. Ich b€greife, dass diejenigen, die nicht auf das Nachtasyl angewiesen sind, die Lage nicht begreifen und sich nicht in dieselbe versetzen können. (Bravorufe). Ich beantrage, die Ostafrika-Frage einer Kommission zu überweisen. (Bravorufe). D. Heinrich Leewe: Ich glaube, bei diesem plötzlich auftauchenden Gegensatz zwischen Zionismus und, sagen wir abstraktem jüdischem Nationalismus, bei dem ich übrigens in meiner Landsmannschaft nicht ganz allein stehe, liegt auch dem Kongress die grösste Verantwortlichkeit ob. Es ist niemand hier, der nicht fühlen kann, dass wir vor einem Wendepunkt stehen, wenn wir auf das Projekt eingehen. Unter dem Eindruck der Rede des Hrn. Dr. Herzl habe ich einen Leitartikel nach Deutschland geschickt, in dem ich vor allem den Ausdruck des Dankes zur Geltung bringen wollte für eine Natibn, die so Grossartiges getan hat, wie die englische. Der Grund, warum ich ursprünglich für die Ueberweisunff an eine Kommission war, war der, dass ich wünsche, dass der englischen Regierung gezeigt wird, dass wir ein Projekt in Erwägung zithen,. obwohl es unserm Programm entgegenläuft. Die englische Regierung wird unsere Beratungen verfolgen, sie muss, ob sie will oder nicht. Wäre der Vorschlag nicht von der englischen Regierung, nicht von unserm Dr. Herzl ausgegangen, der ganze Kongress wäre mit Lachen darüber hinweggegangen. Mir wurde gestern Abend von einigen Herren der Vorwurf gemacht, ich sei umgefallen; diesen Vorwurf lasse ich mir nicht machen; der Kongress ist ebenfalls nicht derselben Meinung gewesen, wie nachdem er Dr. Herzl gehört hat. Ich bin nicht umgefallen, aber der Zionistenkongress wird zusammenbrechen, wenn wir auf dieses Projekt auch nur eingehen. Wir fühlen tiefes Mitleid mit unsern Brüdern in Kischinew, mit allen den Unglücklichen, aber wir dürfen uns dadurch nicht leiten lassen in unserer endgiltigen EntSchliessung. Aus Mitleid Folgerungen ziehen, die von politischer Tragweite sind, wäre der grösste Fehler, den wir machen können. Sollen wir das Geld des Nationalfonds dazu geben, das der Kolonialbank? Man verweist uns auf die Ica; wenn sie will, wird sie's tun, Wir müssen alle Kräfte auf Palästina konzentrieren. Wir sind Zion niemals so nahe gewesen, wie in diesem Augenblicke. Dr. Herzl will uns nur prüfen, ob wir mit ihm nach Zion durch Dick und Dünn wollen. Ich glaube, Dr. Herzl wünscht ein ehrenvolles Begräbnis für den Antrag. (Bravo). Wir, die wir Tantalusqualen in unserem Lande ausstehen, uns zeigt Dr. Herzl diese lachenden Gestade, um zu sehen, ob wir treu und ehrlich mit ihm gehen, nach Zion. Wegen Zion dürfen wir nicht schweigen, wegen Zion müssen wir sprechen und müssen eine Tat tun, Ostafrika verwerfen und mit Dr. Herzl gegen Zion gehen. Dr. Abrahamovitsch spricht für die Kommission. Eosenbaum (Rum.): Es wandert mich, dass von den bisherigen Eednern auf einen Hauptpunkt so wenig Gewicht gelegt wurde, nämlich auf die Frage: «Auf welche Basis hin hat das A. C. es unternommen, in Unterhandlungen für Ostafrika einzugehen?» Während wir einfache Sterbliche uns für Palästina begeistern, werden wir plötzlich kalt gestellt und vielen guten Freunden ruft man zu: Ihr seid Träumer, vergeudet eure Zeit mit Luftschlösser bauen. Seht her, was in der Zwischenzeit für euch gebracht wurde. Palästina ist für euch nichts realisierbares. Zion ist gut, aber die Erlösung kommt nicht von Jerusalem, sondern von Ostafrika. Man hat mit der britischen Eegierung verhandelt. Haben Sie aber den Souverän befragt, der allein in prinzipiellen Fragen zu entscheiden hat? Sie haben mit Chamberlain verhandelt. Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Chamberlain. Als er vor kurzer Zeit das so wichtige Projekt der fiskalischen Eeform in England einführen wollte, ging er so vor: Er kam eines Tages vor das Haus der Commons und von der Eegierungsbank aus lanzierte er die Idee. Dann aber sagte er, weil das eine so wichtige Sache sei, mache er das englische Volk zu erst von einem neutralen Boden aus damit bekannt. Die englische Eegierung werde, bevor das Parlament zur Abstimmung schreite, die Sache vor der Oeffentlichkeit vertreten. Man werde vorerst das alte Parlament auflösen, Neuwahlen ausschreiben und damit dem englischen Volk Gelegenheit geben, seine Ansicht zu äussern. Wie aber ist es bei uns zugegangen. Man hat diese wichtige Frage wie eine Bombe hinein geschleudert , und die Wirkung war auch bombenartig. Bis vor 2 oder 3 Tagen haben wir von der ganzen Sache absolut nichts gewusst. Es sitzen hier manche — es ist keine Schande dies zu sagen — die von britisch Ostafrika eine sehr nebelhafte Vorstellung haben. (Beifall.) Und von diesen Herren wird nun plötzlich verlangt, dass sie eine Kommission ernennen und abstimmen. Schauen Sie doch, worum e3 sich handelt — der Vorsitzende wird entschuldigen, wenn ich einen vielleicht wenig parlamentarischen Ausdruck gebrauche. — Es ist das einer kleinen Komödie etwas ähnlich. (Präsident Dr. Herzl: Das werden Sie zurückziehen. — Geschieht.) Man spricht von einer momentanen Hilfe oder wie unser hochverehrter Hr. Dr. Nordau das so schön umschrieben hat: Wir wollen ein Nachtasyl für das jüdische Volk schaffen. Aber seit wann ist es Aufgabe des Zionismus geworden, Nachtasyle zu schaffen? (Beifall.) Nein, wir haben bis jetzt bei hellem Tag für eine Wohnung gekämpft, die wir sowohl bei Tag als bei Nacht benützen können. Wir sind des bittern Beigeschmacks der Nachtasyle satt, selbst wenn sie wie das eleganteste Boudoir ausgestattet sein sollten. Anderseits hören wir: Wenn wir auch für Ostafrika arbeiten, Palästina bleibt immer unser Ideal. Das erinnert mich an den besonders in Oesterreich üblichen Gebrauch der langsamen Abschiebung eines unliebsam gewordenen Beamten und Ernennung zum geheimen Hofrate.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.