Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Vormittagssitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 5 Wir sind immer mit dem Gedanken und der Verpflichtung und der Verantwortung aufgetreten, dass wir das ganze jüdische Volk vertreten, selbst diejenigen, welche nicht Zionisten sind. (Lehhafter Beifall.) Und in dem Momente, wo Sie sagen: ich kann nur das beurteilen, was ich mir aus kleinem Kreise zusammengezimmert habe, stellen Sie sich auf einen Parteistandpunkt. (Bravo!) Es darf nicht sein, weil wir uns selbst unser Gebiet nicht so eng gezimmert haben, weil das ganze Volk an uns jetzt schon herantritt, und es in allen Notlagen an uns sich wendet, uns befragt und von uns Hilfe erwartet. Die Befürchtungen, die zum Ausdrucke gekommen sind, sind zweifacher Natur. In erster Linie die Frage nach dem Rechte. Ich gebe es Ihnen zu, und versichere Ihnen heilig, dass dieselbe Frage nach der Berechtigung bei jedem von uns ebenfalls aufgetreten ist. Wir sind gewählt als Zionisten. Wir haben zu beraten, um zionistische Angelegenheiten zu fördern. Mit welchem Rechte wollen wir eine andere Frage aufs Tapet bringen? Wir haben kein Recht, irgend ein Projekt anzunehmen. Aber haben wir ein Recht, es abzulehnen? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das jüdische Volk hat uns dazu nicht ermächtigt. Aber hat das jüdische Volk etwas davon gewusst? Haben wir es schon befragt? Nein! Nun kommt man wohl mit einem grossen Weisheitsschlusse und sagt: Ja, ja, das jüdische Volk muss behandelt werden wie ein Kranker, und wenn der Kranke vielleicht zu einer Unzeit Brot essen oder Wein trinken will, weil er hiezu ein ungeheures Bedürfnis in sich zu fühlen glaubt, so werden wir gleichwohl als Aerzte sagen müssen: Du darfst nicht Brot essen und WTein trinken, denn du setzest dich einer Gefahr aus. Richtig. Aber wir haben die Juden noch nicht gefragt und auch noch nicht gehört, ob der Kranke sagt: Ich will das essen und trinken. Ein zweiter Gesichtspunkt ist wohl nicht der rein zionistische, sondern ein ganz anderer. Ein Redner pro von gestern hat Ihnen erklärt: „Ich bin gegen Ostafrika; aber weil ich gegen bin, stimme ich für die Kommission". Ich wäre glücklich, wenn ich mich in derselben Lage befinden könnte, Ihnen zu erklären: Ich bin gegen Ostafrika. Ich bin nur in der Lage Ihnen zu erklären; Ich bin weder für noch gegen. Ich will erst die Sache prüfen. Ich will erst dem Volke am Pulse fühlen und hören, ob es nicht noch viele Elemente gibt, die auch das als ein Glück ansehen. (Stürmischer Beifall). Und ohne für Ostafrika zu sein, stelle ich Ihnen folgende Erwägung anheim; Ich stelle mir vor, wenn wir schon tatsächlich in die Lage gekommen sind, dass alle unsere Wünsche erfüllt sind: gesetzt, wir haben schon Palästina, wir haben es bereits besiedelt, ja, glauben Sie, dass wir uns dann darauf beschränken werden und sagen, wenn wir auch zu viel Produkte haben, die einen Absatz brauchen, wenn wir auch viele Menschen haben werden, die wir abgeben müssen, — dass wir uns dann darauf beschränken werden und sagen: Wir müssen da in diesem kleinen Kreise verharren. Nehmen Sie die Gesichtspunkte grosser Nationen wie Deutschland, England, Frankreich an. Alles sucht wreite, fernere Absatzgebiete. Wo man den Ueberschuss von Menschen und Produkten absetzen kann! — und auch wir würden dasselbe thun müssen. Aber man wird sagen: Das ist schön und gut, wenn man sein eigenes Land bereits hat. Wenn man es noch nicht hat, wie kommen wir dazu, schon weitere Absatzgebiete zu suchen? D a s kann sich wohl erklären infolge der Unnatürlichkeit unserer Verhältnisse im Allgemeinen. Wir sind ja leider Gottes ganz anders geartet. Alle unsere Wege sind nicht die kürzesten, kleinsten, sondern wir müssen sehr oft herumgehen und Umwege machen, um zum Ziele zu kommen. Seit nahezu 2000 Jahren befinden wir uns auf der Wanderung nach Hause, nach Zion. Wir wandern dorthin durch Amerika, Brasilien, Australien, durch die Steppen Russland, durch alle Himmelsstriche. Warum sollen wir nicht auch, wenn es sein müsste, durch Ostafiika nach Zion wandern??! (Tosender Beifall). Die Präge ist auch eine taktische. Glauben Sie nicht, dass, wenn es uns im Momente nicht möglich wäre, unser letztes Ziel zu erreichen, dass es besser wäre, von einem Punkte aus, wo wir gesammelt sind, nicht die atomisierten, zerstreuten Teile des Volkes von da und dort und mit einem ungeheueren ökonomischen und moralischen Aufwand zusammen zu fassen, als wenn wir irgendwo ein geeintes Centrum hätten, wo wir die Leute dazu erziehen, wo wir unsere Kräfte sammeln können, wenn wir irgendwo einen kleinen Konzentrationspunkt hätten? (Rufe: nein!) Das sage ich Ihnen nur, ohne für Ostafrika zu sein. Ich weiss nicht ob ich dafür bin. Aber vergessen Sie nicht, was uns ein guter Zionist, Dr. Katzenellensohn vorgehalten hat: dass man in Libau spricht: Es werden 250 Juden und 300 Pferde in einem Schüfe hinübergeschickt. Also auf diese Tiefe sind wir gesunken! Es sind keine zionistischen Juden, aber Juden sind es, die man mit den Pferden gleich stellt. Aber ihr Schicksal ist ärger als das der Pferde. Die Pferde werden hinüber geführt, damit man ihnen Arbeit gebe und sie füttere; das wird den Juden nicht zuteil: Die gehen ins Ungewisse. Es gibt Tierschutz vereine, für die armen Juden aber gibt es keinen Schutz!! (tosender Beifall). Und da wollen Sie die Verantwortung auf sich laden, dass man die Juden nicht irgendwohin führt, wTeil Sie fürchten, der Jude könnte sein Zionsideal aufgeben? Glauben Sie, dass man es aufgeben kann? (Ruf: Ja, in Ostafrika!) Nein! Man hat uns nach Argentinien geführt und dort haben sich die besten Zionisten erwiesen! (Tosender Beifall, Händeklatschen und Tüchersclrwenken). Wenn uns der Druck ein bischen genommen wird, dann sind wir erst Zionisten. Nicht Zionisten aus Not, aus Angst, sondern aus Liebe und Treue! (rauschender Beifall). Gestatten Sie noch einen Gesichtspunkt Ihnen vorzulegen. Unsere rumänischen AusAvanderer, welche seiner Zeit durch Wien gezogen sind, trugen den Magen David. Manche von den Herren Antizionisten, die berufen sind, dem jüdischen Volke auf seiner Wanderung zu helfen, haben sich darüber lustig gemacht. Da hat man gefragt: Ja, wohin ziehen Sie eigentlich, dass Sie da als zionistische Korporation auftreten? Da wurde ihnen geantwortet : Herr, ich ziehe nirgends wo anders hin als nach Zion. Ich kann im Momente nicht dorthin kommen. Darum gehe ich über Kanada, über New-York u. s. w. nach Zion. (Grosser Beifall). Präsident: Die Redefrist ist seit einer Minute abgelaufen. Redner: Man sagt, dass wir unsere Arbeitskräfte zerstreuen werden. Es steht erstens einmal noch nicht fest, ob wir das thun werden. Ich sage nein! Politische Arbeit habe n wir nicht zu leisten, weil hier schon apriori die Autonomie gewährt erscheint. Das wird also der politischen Bemühung um Palästina nicht Abbruch thun können. Man sagt, dass wir Träumer seien. Zeigen wir, dass wir auch einer Tat fähig sind. Diese Tat besteht darin, dass uns 0 s t - afrika Zion retten und erlangen helfen wird. (Tosender, nicht enden wollender Beifall.) Bruzkus spricht russisch gegen die Einsetzung der Kommission. Er weist darauf hin, dass den Gegnern des Ostafrika-Planes der Vorwurf mehrmals gemacht worden ist, dass sie an das Gefühl appellieren, statt dass sie von Vernunft reden. Wir können nicht beweisen, dass, von der praktischen Seite, das Ostafrika-Projekt den Wohlstand der Juden haben kann, denn es kann sich hier nicht um eine grosse Kolonisation handeln, sondern es werden im besten Falle vielleicht tausende emigrieren. Wir haben aber jedes Jahr 40—60.000 Juden, die emigrieren. Sodann weist er darauf hin, dass man nach Ostafrika gehen will, ehe man etwas genaues von Palästina weiss. Ferner findet er, dass man doch irgend eine höfliche Form finden wird, um der englischen Regierung, der wir ja grossen Dank schuldig sind, im Verzichtsinne zu schreiben Wir können uns schon auf unsern Führern Dr. Herzl verlassen, er wird schon einen Modus finden. Im besten Falle gehört die Ostafrika-Frage in das Gegenwartsprogramm, aber nicht in das Basler Programm und das Gegenwartsprogramm ist noch nicht zur Debatte gekommen. Dr. Farb«stein-Zürich. Ich glaube, der ganzen Debatte über die Einsetzung einer Kommission liegt ein Missverständnis zu Grunde. Ein grosser Teil derjenigen, die gegen die Kommission sprechen, sind sich vielleicht gar nicht dessen bewusst, was man im parlamentarischen Leben von einer Kommission denkt. Wenn Privaten jemand einen Vorschlag macht, so kann ich grob und unhöflich denselben ablehnen und kann ihm einfach sagen: ich gehe auf deinen Vorschlag nicht ein, oder ich kann ihm eine höfliche Antwort geben und ihm sagen: ich überlege die Sache. Der Mensch, der in seinem Privatleben übereilig ist, der sich vielleicht von einer Laune regieren lässt, der vielleicht darüber nicht so gründlich nachdenkt, hat sofort eine Antwort in der rechten oder linken Hosentasche, der-