Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Vormittagssitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Damit wir über den Sinn und Gang einer Ansiedlung eine richtige Vorstellung erhalten, wird zuerst der Vortrag, das Referat des Herrn Dr. Franz Oppenheimer über «Ansiedlung» kommen, bevor wir den Generalrednern, die gestern noch nicht sprechen konnten, das Wort weiter erteilen. Es wird sich daran schliessen die Fortsetzung und Abstimmung über den jetzigen Gegenstand. Bevor ich Herrn Dr. Oppenheimer das Wort gebe, erlauben Sie mir, einige Worte über diesen neuen Delegierten zu sprechen, der ein neuer Glanz für die jüdische Tribüne ist. Die seine wissenschaftlichen und literarischen Leistungen kennen — es dürfte wohl die Mehrheit der Gebildeten sein — denen brauche ich über den Schriftsteller Oppenheimer nichts zu sagen. Ich möchte nur ihn vorstellen als das, was er für unsere Bewegung schon ist und noch werden kann. Viele von uns, zu denen ich mich zähle, verdanken ihm den festen Kern ihrer Anschauungen über die Fragen der Bodenreform, Besiedlung und Produktivgenossenschaften , namentlich der landwirtschaftlichen Genossenschaften. Ich betrachte es als besondere Auszeichnung, dass es mir vergönnt war, diesen Vortrag schon vorher lesen zu dürfen, und ich bitte Sie, Ihre ganze Aufmerksamkeit diesen Ausführungen zuzuwenden, die jedenfalls etwas Frieden in unsere Bewegung hineintragen werden. Dr. Oppenheimer (von lebhaftem Beifall begrüsst) hält seine in Nr. 4 der «Welt» bereits veröffentlichte Rede. Die Rede Dr. Oppenheimers wird mit rauschendem, nicht enden wollendem und sich immer wieder erneuerndem Beifall aufgenommen. Präsident: Wrr führen* die allgemeine Erörterung über die Frage der Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der ostafrikanischen Fiage zu Ende. Ruf: Zur Geschäftsordnung! Präsident: Ich erteile jetzt das Wort zu nichts anderm. Wir werden jetzt die Debatte zu Ende führen, nachher werde ich allen dazu Berechtigten selbstverständlich das Wort erteilen (Beifall). Mr. Bentwich (englisch). Der Piäsident gibt den Gedanken der Rede deutsch wieder: Mr. Bentwich ist der Ernennung eines Ausschusses entschieden abgeneigt. Er freut sich, dass diese Frage aus dem allgemeinen Bericht des A. C. ausgeschieden wurde, so dass mit der Annahme oder Verwerfung dieses besondrrn Antrages ein Vertrauens- oder Misstrauensvotum für das A C. und seine Führer nicht verbunden ist. Man kann aUo den Antrag ablehnen, ohne dass eine derartige Entscheidung ihre Spitze gegen die Führung der Partei zu richten scheint. (Sehr richtig!) Das Anerbieten einer Landbesiedeiung ist wichet lieh sehr dankenswert. Es mag geschickt scheinen, die grundsätzliche Annahme in die Annahme eines Vorschlages zur Wahl eines grossen Ausschusses einzukleiden. Das sei gerahrii<h und Mr. Bentwich warnt uns davor. Er ist überze gt, dass dies eine Abweichung vom Baseler Programm bed uten würde. Wir können, meint er, einen Ausschuss auch ni ht z iv P.ütung der Einzelheiten des Antrages einsetzen, ohne schon durch diesen Entsehluss den weiteren Beschlüssen vorzugreifen. Unser Programm muss unveränderlich bleiben (B.-ifall). Wenn wir uns in der ostafrikanischen Frage entscheiden würden, wäre dies weder ein Sieg für unser religiöses, noch für unser politisches Ideal. Wir müssen daran festhalten, dass das einzige Laud, dessen Besitz unser altes Ideal verwirklichen würde, Palästiua ist und bleibt. (Lebhafter Beifall). Man verlangt von uns, dass wir von diesem festen Felsen abweichen sollen. Er sieht in dem Antrag nichts anderes als eine Rükkehr des Dr. H^rzl zu seiner alten Anschauung, von der er abgewichen war. Mr. Bentwich ist auch gegen die vom ersten Vizepiäsidenten erwähnte Idee eines Nachtasyls. Er beantragt, den Autrag auf Einsetzung eines Ausschusses abzulehnen, jtdoch der briti>clnn Regierung für ihr freundliches Entgegenkommtn den Dank des Kongresses auszusprechen. Dr. Leopold Kahn (mit Beifall begrüsst): Ich habe vielleicht nie im Leben die Tribüne mit solcher Angst betreten wie heute und gerade dieses Moment der Angst, welches sich in mir so gewaltig geltend macht, gibt mir mehr Mut, nämlich den Mut der Pflicht, zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte Sie in allererster Linie bitten, dass man, wenn man zum Gegenstände der Tagesordnung spricht, nicht sofort den Prüfstein anlegt: Zionismus oder Antizionismus. Denn ich fürchte, dass man sich schon dieser Art der Beurteilung zugewendet hat. Alle, dio wir hier im Saale sind, sind anerkannte und verpflichtete nicht nur. sondern auch Zionisten aus dem eigenen Herzen und dem eigenen Gefühle heraus. (Lebhafter Beifall.) Aber ich warne Sie davor, dass Sie eine grosse Sache von einem kleinen Standpunkte aus beurteilen. Verfallen w»r nicht in den Fehler jener geaichten und offiziellen jüdischen Vertreter in den einzelnen Kultu^gemeinden, dass wir sagen; Was gehen uns fremde Juden an? Wenn Sie diesen kleinlichen Standpunkt einnehmen, dann sagen Sie sich vom Zionismus los.