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Die Welt · 1903-08-27 · 4 (27.8.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (27.8.1903)
Article
Die Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-27
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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No. 4 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 13 Zwecken der Gesamtheit, sondern Privatzwecken nutzbar gemacht, und dann kommen wir über den Anfang nimmer hinaus. Unser Anfang muss demnach sein: genossenschaftliche Bauerndörfer; das wird uns vorgeschrieben durch die Geschichte, durch die Wirtschaftswissenschaft, und durch unsere heilige Ueberlieferung. Aber wie soll das geschehen? Nun meine Freunde, wir sollen ein Netz von Bauernkolonien über das Land spannen, das wir erwerben wollen. Wenn man ein Netz spannen will, so schlägt man erst an den Stellen die Haken ein, zwischen denen das Netz entstehen soll. Dann spannt man zwischen diesen Haken starke Stricke, dann knüpft man zwischen den Stricken stärkere Fäden und stellt derart ein grobes Maschenwerk her, das man dann nach Bedarf durch das Dazwischenwirken feinerer Fäden zu immer feineren Maschen ausgestaltet. Genau so haben wir, meine ich, vorzugehen. Wir haben, soweit wie der dafür verfügbare Teil unserer Mittel reicht, in allen Teilen des verfügbaren Landes grosse Landflächen zu erwerben und zwar womöglich nur solche, deren Bodenbeschaffenheit und Wasser Verhältnisse von vornherein eine gewisse Ergiebigkeit der Ackerkultur gewährleisten. Von diesen erworbenen Flächen sind die besten Teile in solcher Grösse als landwirtschaftliche Grossbetriebe auszugestalten, wie sie einem ausgezeichneten Fachmann übersehbar sind. Die Werbung solcher Fachleute in genügender Zahl, womöglich jüdischer, wenn nicht unbedenklich christlicher, muss der zweite Akt der Vorbereitung zionistischer Tätigkeit sein. Sie haben auf dem ihnen bestimmten Gute den Wirtschaftsplan aufzustellen, den Etat zu entwerfen, die Zeichnung der Gebäude, den Bedarf an Maschinen, an Saatgut, an Geräten, an Gespann und vor allem an Bauernfamilien festzustellen. Zu gleicher Zeit müssen in Galizien, Rumänien und Russland aus der dort vorhandenen reichen Zahl jüdische Ackerbauer zur Uebersiedelung geworben und auf den Weg gebracht worden sein. Sie müssen bei ihrem Erscheinen auf der Kolonie Wirtschafts- und Wohngebäude fertig vorfinden, und ihre Ankunft muss auf den Zeitpunkt fallen, in dem der eigentliche Betrieb der Landwirtschaft beginnt, so dass sie sofort an die Arbeit gehen können. Sie werden zunächst formell, um jeder wirtschaftlichen Katastrophe vorzubeugen, fest besoldete Lohnarbeiter der Kolonie sein, Leute, die unter dem Befehle des leitenden Fachmannes für bestimmte Arbeit einen bestimmten, ortsüblichen, zur Existenz einer Familie voll ausreichenden Lohn erhalten. Man wird ihnen aber sofort sagen, dass etwaige Ueberschüsse des Betriebes, d. h. der Reinertrag nach Abzug der Löhne, Materialkosten, sowie der Zinsen des investierten Kapitals und der Abschreibungen auf lebendes und totes Inventar und Gebäude, nicht den Kapitalisten, den Begründern der Kolonie, sondern ihnen selbst zufallen wird. Man wird ihnen ferner sagen, dass man ihnen zur gesamten Hand, d. h. der von ihnen zu bildenden Genossenschaft, das Land samt Gebäuden und Inventar zum Selbstkostenpreise überlassen wird, sobald die Kolonie dauerhaft aktiv geworden ist, d. h. sobald regelmässig Ueberschüsse erzielt werden. Diese Form des Anfangs vermeidet jede in der Sache selbst liegende Schwierigkeit-, sie walzt die Verantwortung für die Wirtschaftsergebnisse der ersten schwersten Jahre von den Schultern der kapitallosen und ^n diese Form der Wirtschaftsführung noch nicht gewohnten;Bauern auf die Schultern der Kapitalbegründer bezw. auf die zionistische Bewegung selber ab. Es wird aul diese Weise jede Möglichkeit, Almosen zu fordern 0der zu geben, vermieden, denn der Lohn deckt in guten und bösen Jahren die Bedürfnisse der Siedeier. Es wird aber gleichzeitig vom ersten Anfang an die Kraft der Selbstverantwortung, das wirtschaftliche Selbstinteresse voll angespannt, kurz, es wird nichts anderes geleistet als aristokratische Hilfe. Um die bäuerlichen Siedeier einerseits für die spätere Uebernahme des Landes gut genossenschaftlich zu erziehen, und um sie andererseits zu befähigen, für ihren festen Lohn möglichst viel Genussgüter zu erwerben, wird man vom Anfang an der Hauptgenossenschaft Untergenossenschaften angliedern, vor allem einen Konsum-Verein. Man wird durch eine Grosshandelsgenossenschaft alle diejenigen Produkte des Ackerbaues oder der Industrie, die im Lande nicht hergestellt werden, an der besten Quelle und gegen Barzahlung kaufen und wird sie ohne anderen Preisaufschlag als die Transportkosten an die Konsum-Vereine der einzelnen Kolonien ablassen. Auf diese Weise entgehen die Kolonisten der Besteuerung durch einen Krämer, der einen um so höheren Aufschlag auf die einzelnen Waren erheben muss, je kleiner der Personenkreis ist, der ihn mit ernähren soll; nach deutschem Verhältnis zu urteilen, erhöht man durch solche Konsum-Vereine die Kaufkraft des Lohnes um 30 bis 50%, oder was dasselbe ist, man erhöht den Reallohn um ebenso viel über den Nominallohn. In die Verwaltung dieses Konsum-Vereins sollen von vornherein die Frauen und Männer der Kolonie in immer steigendem Masse zur Mitarbeit zugezogen werden, damit ihnen die schwierige Aufgabe kaufmännischer Kalkulation und die noch schwierigere der Leitung und Lenkung einer genossenschaftlichen Generalversammlung allmählich geläufig wird, beides unerlässlich für die Leitung der Gutsgenossenschaft, die ihnen später zufallen soll. Dasselbe gilt für eine Anzahl anderer Untergenossenschaften. Ich schlage nämlich aus einer Anzahl von guten Gründen vor, nicht das gesamte Land dieser Grossbetriebe in gemeinsamer Wirtschaft zu bestellen, sondern jedem einzelnen Kolonisten, der es wünscht, so viel Garten- und Feldland in eigene Regie und Verantwortung zu übergeben, als er in den Stunden, die ihm die Arbeitspflicht des Grossbetriebes lässt, mit den Kräften seiner Familie und mit Hilfe des Grossbetriebes bewirtschaften kann. Ich meine, dass durch diese Form der Organisation das Heimatsgefühl sich noch vertiefen wird, und dass manche freie Stunde des Hausvaters selbst und seiner Frau und seiner Kinder dadurch nutzbringend zur Hebung des Wohlstandes der Familie Verwendung finden kann, namentlich dann, wenn das Haus mitten auf dem kleinen Pachtstück steht, so dass dieses leicht und bequem gedüngt und bearbeitet werden kann, und wenn der Grossbetrieb seine Maschinen und Gespanne gegen Erstattung der Selbstkosten für die groben Ackerarbeiten herleiht. Wir werden dann in diesem Falle um den Zentralbetrieb einen Kranz kleiner bäuerlicher Betriebe haben, die sowohl in ihrer Erzeugung wie in dem Absätze der Produkte eine grosse Anzahl Genossenschaften bilden werden; sie werden mit dem Grossbetriebe zusammen zunächst eine Bezugsgenossenschaft bilden, die Saatgut, Stecklinge, Zuchttiere, künstlichen Dünger, Geräte, Kohlen, Futtermittel u. s. w. u. s. w. durch Vermittlung der Zentrale von der Grosshandelsgenossenschait bezieht und zum Selbstkostenpreise an die einzelnen Betriebe weitergibt, so dass diese der Besteuerung durch den Zwischenhandel entgehen. Sie werden ferner Werkgenossenschaften bilden, die eine Dreschmaschine, Oelpresse, Keltereien und Brauerei, eine Molkerei, eine Rüben- und Zuckerfabrik u. s, w. errichten und betreiben und den Gewinn des Betriebes an die Genossen zurückvergüten, denen auf diese Weise der Unternehmer-

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