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Die Welt · 1903-08-27 · 4 (27.8.1903) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (27.8.1903)
Article
Die Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-27
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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Seite 12 „Die Welt« Separat-Ausg&be. No. 4 die Berge, sondern nur der stahlbewehrte Wille; und „gute Leute gehören auf den guten Ort", sagt ebenso wahr wie hart das Sprichwort unseres Volkes. Der zweite Hauptgesichtspunkt der zionistischen Kolonisation muss der sein, dass ihre Grundlage eine agrarische zu sein hat. Alles Volkstum beruht auf der Verwurzelung einer Menschenmasse mit dem Boden, auf dem sie ruht, und diese Verwurzelung schafft nur die Landwirtschaft. Will der Zionismus ein neues Volkstum schaffen, so muss er sein Fundament in einer jüdischen Bauerschaft tief ins Land hinein legen; nur darauf kann der Weiterbau einer stolzen Kultur sicher ruhen. Alle menschliche Technik hat nur dann Erfolg, wenn sie die Natur selbst in ihrem Schaffen nachahmt: alles Werden vollzieht sich nach jenem gewaltigen Gesetze der Entwicklung, wonach jedes Einzelwesen alle Hauptstufen zu durcheilen hat, die seine Art im Laufe von Jahr-Millionen überwand; so hat auch ein Volksindividuum anzufangen, wie alle Völker der Weltgeschichte begonnen haben: mit bäuerlichen Siedelungen. Wollten wir es-wagen, das Haus vom Dach an zu bauen, es würde uns zusammenstürzen, und stellten wir es auch auf goldene Strebepfeiler. Wir können unmöglich eine riesenhafte Bevölkerung von Handwerkern, Krämern und Hausierern von einem Orte der Erdoberfläche zum andern verschicken, um sie als Handwerker, Krämer und Hausierer weiter leben zu lassen. Wir müssten sie als Hausindustrielle und Heimarbeiter im Dienste von Grosskapitalisten für die Weltmarkt-Industrie arbeiten lassen, und alle Schrecken des Ostendes von London mit seinen Schwitzhöllen, und alle schmutzige Not der galizischen Landstädtchen und der russischen Biesendörfer voll Schmutz und Rohheit, die sich Städte schimpfen, würden wir mitbringen in das Land des Herrn. Unsere Aufgabe ist es im Gegenteil, in dem Lande unserer Wahl mit möglichster Schnelle einen möglichst ausgedehnten Markt von möglichst grosser Kaufkraft für Handwerksprodukte herzustellen, d. h. wir haben so viel wie möglich Bauern anzusiedeln und zu möglichst hohem Wohlstand zu führen. Dann schaffen wir gleichzeitig in jedem Dorfe Raum und behagliche Existenz für grosse Mengen von Handwerkern, die von dem Ueberschuss unserer Bauern leben, während sie ihnen mit ihrer Handfertigkeit dienen; dann schaffen wir gleichzeitig zahlreiche Städte, in denen auch wieder städtische Elemente Platz und Lebensluft finden*, denn das ist das tiefste Geheimnis, das meine wirtschaftswissenschaftlichen Studien erkannt haben: dass Bauern schaffen muss, wer Städte schaffen will! Der dritte Hauptgesichtspunkt unserer Kolonisation ist der, dass das Land durchaus und für alle Zeit im Eigentum der Gesamtheit stehen und bleiben muss. „Mein ist das Land", spricht der. Herr, „und mir sollt ihr es verwalten". Wir müssen im modernen Gewände die uralten Agrargesetze Israels wieder herstellen, die das Land für ewige Zeit dem Geschlecht oder der Dorfgenossenschaft zuweisen, die es ihrerseits auch nur als Lehen des Gesamtvolkes besassen. Die antike "Welt kannte kein anderes Mittel, jene Gleichheit des Grundbesitzes zu erhalten, die sie mit voller Klarheit als die einzig mögliche Grundlage eines gesunden Volkstums erkannte, als die Zurückgabe jedes verkauften oder verpfändeten Bodenstückes an die Erben nach einer bestimmten Zeit: das Halljahr oder Jubeljahr. Daran, dass sich die Rückgabe nicht durchführen liess, weil die Macht der Grossgrundbesitzer stark genug wurde, um die Durchführung des Gesetzes zu verhindern, daran allein ist Jsrael zu Grunde gegangen wie Sparta und Rom; das ist die letzte Ursache aller der Leiden Ahasvers. Dieses Unheil haben wir zu verhüten, und eine zweitausendjährige Geschichte hat uns das Mittel dazu, ein besseres Mittel als das Jubeljahr an die Hand gegeben. Die einzelnen Kolonien besitzen ihr Land zur gesamten Hand unter dem Obereigentum des Volksganzen; und jeder einzelne Kolonist ist nur Erbpächter seiner Genossenschaft gegen einen festen Canon, der nicht gesteigert werden darf; er ist unkündbar, so lange er seinen staatlichen Verpflichtungen gegen das Volk, seinen wirtschaftlichen und kommunalen Verpflichtungen gegen seine Gemeinde nachkommt, Diese Form des Besitzes, unvollkommen verwirklicht in allen alten Volksrechten, gewährt alle Vorteile des eigenen Bodeneigentums und ist frei von seinen schweren Fehlern. Sie gibt die volle Sicherheit des Besitzes, sie gibt das volle Heimatsgefühl und jene unlösbare Verwurzelung mit Boden und Acker, die den Bauer sein Feld pflegen und lieben lässt mit allen Kräften; aber sie schliesst aus die Verschuldung des Bodens, die in allen Ländern des römischen Rechts dem Bauern die Früchte seines Fleisses nimmt, um sie der Grundrente in den Schoss zu werfen, sie schliesst ferner aus die Zersplitterung des Feldlandes hier und die Anhäufung dort, die die Dorfgemeinde feindlich spaltet in eine Aristokratie und in ein Proletariat und damit jene Interessengemeinschaft vernichtet, die allein nach dem Zeugnis der Weltgeschichte unverwundbar machen kann. Sie schliesst ferner aus jene Proletarisierung des armen Landvolkes, das massenhaft in die Städte drängt, sie zu moralisch und physisch ungesunden Riesenmassen aufbläst und mit seinem Hungerangebot für Lohnarbeit alle Gräuel des Kapitalismus in die Welt ruft. Der genossenschaftliche Besitz des Grund und Bodens gewährleistet für alle Zeit Freiheit und Brüderlichkeit de3 Bauernstandes, der von Epoche zu Epoche in höherem Wohlstand sich immer grösserer Bildung und Gesittung erfreut. Sie gewährleistet ferner für alle Zeit ein gesundes Gleichgewicht zwischen städtischer und bäuerlicher Bevölkerung, gleichmässige Entwickelung aller Stände, die Abwesenheit riesiger Metropolen und eine vernünftige, sittlich und politisch gleich heilsame wirtschaftliche Gleichheit auch der städtischen Berufe, und dadurch auch hier Freiheit und brüderliches Zusammenhalten. Ein anderes System kann nach meiner Ueberzeugung der Zionismus gar nicht wählen. Wollten wir das von uns erworbene Gebiet an reiche Kapitalisten austun, so wäre es erstens viel zu eng für die Massen, die der Erlösung harren; denn das Gross - Grundeigentum verödet die Welt; es hat nicht den hundertsten Teil der Fassungskraft für Menschen wie die kleinbäuerliche Kolonisation mit ihrer reichen städtischen Entwickelung, und wir würden zweitens nichts anderes tun, als Stadtproletarier in noch jämmerlichere Akkerbauproletarier verwandeln. — Und wollten wir das Land in Bauernstellen zu freiem römischen Recht austun, so würden wir nicht nur alles Elend mit importieren, dass das Eigentumsrecht dieses Raubstaates über die Kulturwelt gebracht hat, wir würden nicht nur auch hier die Fassungskraft des Gebietes für Menschen ungeheuer verringern, sondern wir würden vor allem das Wichtigste verschleudern, die gewaltige Kreditbasis, die eine genossenschaftliche Kolonisation schafft, denn unter ihr wächst der im Quadrat der Bevölkerungsdichtigkeit ^steigende Bodenwert de r Gesamtheit zu und kann von ihr nutzbar gemacht werden, um die gigantischen Kapitalmengen zu werben, die für die Vollendung des Werkes unentbehrlich sind, Kapitalmengen, die der westeuropäische Jude uns nie geschenkweise zur Verfügung stellen wird. Geben wir aber das Land zu Privateigentum aus, so wachsen die gigantischen Bodenwerte, die Schöpfung der Gesamtheit, einzelnen Privatpersonen zu und werden natürlich nicht den

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