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Die Welt · 1903-08-27 · 4 (27.8.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (27.8.1903)
Article
Die Mittwoch-Vormittagssitzung
Date
1903-08-27
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nö. 4 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 11 einer Menschenmasse lastete, diezuPariasherabgesunkenen und jeder Gewalttat vogelfrei preisgegebenen, zum tiefsten denkbaren Grunde menschlichen Elends niedergedrückten Juden Halb-Asiens, das sind weder Krieger noch Ackerer, sondern fast durchaus städtische Handwerker. Seitdem vor 2000 Jahren das Schwert der Römer die Wurzel zerschnitt, die das Volk in seinem Stammlande geschlagen hatte, hat man ihm in aller Welt die Berührung mit der Mutter Erde versagt, die den Riesen Antäos immer wieder in ungeminderter Kraft sich wieder erheben lässt; sie durften nirgends Bauern sein. Und so haben wir es heute mit einem körperlich minderwertigen und ausserdem noch durch Hunger, schmutzige Not, Gram und soziale Erniederung verkümmerten Menschenmaterial zu tun : unzuverlässige Bausteine für ein neues Volkstum. Diese Schwierigkeiten sind von so ungeheurer Grösse, dass es wohl zu begreifen ist, wenn auch der Optimismus mutlos den Arm hängen lässt, der helfen möchte. In der Tat, wenn man nur die Ponderabilien der Geschichte in Rechnung setzt, so erscheint die Aufgabe unlösbar. Aber es gibt zum Glück Imponderabilien in der Weltgeschichte, unwägbare, unmessbare Seelenkräfte von solcher Spannung, dass sie imstande sind, das unmöglich Scheinende dennoch möglich zu machen. Mit diesen Kräften müssen wir rechnen, und, meine ich, dürfen wir rechnen. Diese Kräfte sind das ungebrochene Herrengefühl des Volkstums, das hier errettet werden soll. Dieses Herrengefühl, wurzelnd in der uralten Ueberlieferung von der Gottes-Kindschaft, hat die Juden Russlands und Rumäniens trotz aller Not bisher davor bewahrt, unter dem grauenhaften Drucke der vereinigten Höllenmächte des Absolutismus, des Feudalismus und Antisemitismus zermalmt zu werden, während doch der Sklave unter den beiden ersteren allein alles Gefühl seiner Menschenwürde und alle Widerstandskraft eingebüsst hat. In den Juden erzeugt immer noch der Druck von oben den entsprechenden Gegendruck von unten; je stärker die Feder der Volksseele zusammengepresst wird, um so stärker presst sie zurück Das beweist der unstillbare Bildungshunger dieser unseligen Proletarier, die in Not und Schmutz nie aufgehört haben, alter Weisheit nachzuhängen und neue Weisheit zu schöpfen. Mit diesen Imponderabilien, mit dieser unzähmbaren Kraft der Seelen werden, so dürfen wir hoffen, unsere Kolonisten das ausgleichen, was ihnen an Kräften des Körpers mangelt. Und wir dürfen mit einem zweiten 1mponderabile rechnen, mit der Sehnsucht dieser Verbannten von 2000 Jahren nach dem Lande ihrer Väter. Die Sehnsucht, die 2000 Jahre des Golus immer stärker und stärker gespannt haben, ist auch eine ungeheuere Förderung der zionistischen Kolonisation und nur der zionistischen Kolonisation. Die Zuweisung der herrlichsten Ackerbreiten in Kanada oder Argentinien würde nicht imstande sein, die Kräfte Ahasvers so anzuspannen, wie die Ansiedelung in einer ärmsten Steppe, durch die der Jordan fliesst und auf die der Libanon herabschaut Dennoch ist es die heilige Aufgabe derer, die es wagen, diese modernen Ziegelstreicher und Festungsbauer vom Drucke des Pharao zu erlösen und hinauszuführen in das Land, wo Milch und Honig fliesst, alle Vorkehrungen zu treffen, dass diese Seelenkräfte den rechten Punkt des Angriffes finden, um nutzbare Kraft zu leisten, und die Hindernisse so weit wie nur tunlich zu vermindern. Wird hier etwas versäumt, so ist die Verantwortung zu schwer für menschliche Schultern; diese Hoffnung darf nicht getäuscht werden. Diese Millionen, die der Erlösung harren, müssen sie finden, soll nicht ihr Fluch zermalmend auf die Führer fallen, die, guten Glaubens oder nicht, zu ihren Verführern geworden sind. Wie das zu geschehen hat, darüber haben wir uns heute erstmalig zu verständigen. Ich bin berufen, Ihnen das Ergebnis langjähriger Studien und Gedankenarbeit als Grundlage einer solchen Verständigung vorzulegen, nicht etwa als der Weisheit letzten Schluss. Des einen aber bin ich sicher, dass jeder, der zu dieser Grund- und Lebensfrage das Wort ergreifen wird, es mit dem Bewusstsein tun wird, eine furchtbare weltgeschichtliche Verantwortung zu tragen. * # 'K Das folgende halte ich für die Hauptgesichtspunkte, denen die zionistische Kolonisation zuzustreben hat: L. Sie hat durchaus auf Selbsthilfe zu beruhen. Selbsthilfe, wie sie die Theoretiker des deutschen Genossenschaftswesens verstehen,* d, h. dass im regelmässigen Verlauf des Wirtschaftslebens jeder arbeitsfähige Erwachsene sich in allen materiellen Dingen nur auf sich selbst zu verlassen hat. Dieses Prinzip verträgt aber, ohne verletzt zu werden, viele Milderungen oder wird vielmehr erst dadurch vollkommen. Es ist damit vereinbart erstens dasjenige, was der grosse und kluge Menschenfreund Viktor A. Hub er die „aristokratische Hilfe" nannte: das heisst die immaterielle Unterstützung der Wirtschaft durch freien Rat der Gebildeten, der Sachverständigen; und zweitens wird das Prinzip der Selbsthilfe geradezu erst vervollkommnet durch eine K r e d i tg e wä h r u ng, die der Breite der neugeschaffenen Kreditbasis voll entspricht. So ist also grundsätzlich die allgemeine Aufgabe des Zionismus, den Aermsten der Armen unverzinsliche Darlehen oder gar nach Massgabe der verfügbaren Mittel, geschenkweise Subventionen für die Uebersiedelung selbst von dem bisherigen Stiefvaterlande in das neue Vaterland zu gewähren; dann aber hat auch er sie auf eigene Füsse zu stellen und auf die eigenen Kräfte der Seele und des Leibes zu verweisen. Aber er soll sie nicht ins Leben hinein schicken und dann schuldig Aver den lassen, sondern es sollen erstens seine besten Männer den Tastenden der ersten Anfänge mit ihrem Rat und ihrem sachverständigen Urteil jeder Zeit zur Hand sein; und es sollen Zweitens die Geldmittel der zionistischen Bewegung den neu geschaffenen Kolonien gegen mässige Zinsen und unter weitherzigsten Bedingungen der Tilgung in dem Umfange zur Verfügung stehen, wie es die durch die Kolonisation selbst neu geschaffene Kreditbasis erlaubt. Almosen aber sind streng zu verpönen, man löst mit Almosen keine sozialen Probleme, sie brechen das Rückgrat aller wirtschaftlichen Kraft der Selbstverantwortung, sie verderben die beste Saat. Mag man bei elementaren Unglücksfällen, wie Missernten und Eeuersbrünsten etc. mit den Mitteln der Allgemeinheit helfend einspringen, eine Art von gegenseitiger Selbst - versicherung, die in allen Kulturstaaten ohne Schaden geübt wird; mag man, bis die Kraft der einzelnen Kolonien genügend erstarkt, für die Erhaltung der Alten, Schwachen und Kranken Beisteuern leisten; aber darüber hinaus muss mit eiserner Konsequenz das Gesetz durchgeführt werden: „hilf dir selbst, hilft dir Gott;" und unter keinen Umständen dürfen die Siedler das Gefühl haben, dass hinter ihnen reiche Herren-Kapitalisten stehen, die ihren Karren aus jedem Sumpf ziehen werden. Die Wirtschaftsgeschichte beweist, dass ein solches Bewusstsein, Helfer hinter sich zu haben, ganz von selbst, auch unter günstigeren äussern Umständen, Armut erzeugt, während umgekehrt das Bewusstsein, auf die eigene Kraft angewiesen zu sein, selbst in der Wüste Reichtum schafft. Wehe also dem allzuweichen Manne, der durch Güte an der unrechten Stelle das Riesenwerk verpfuschen würde, das l^ier zu leisten ist; nicht Güte durchbricht

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