Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (27.8.1903)
- Article
- Dienstag-Nachmittagssitzung
- Date
- 1903-08-27
- Page
- 8 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 4 künftigen jüdischen Gemeinwesens? Wenn Sie dagegen sind, müssen Sie auch gegen diesen Kongress sein. Ich muss noch die Aeusserung zurückweisen, es zeige sich, wie tief der Zionismus in manchen westeuropäischen Landsmannschaften gesunken sei. Gerade weil wir die ungeheure Verantwortung fühlen, haben wir gesagt, wir können nicht so schnell und ohne weiteres über diese Frage entscheiden, sondern sie muss von einer Kommission beraten werden. Unser Weg ist vergleichbar mit einer Bergbahn, die durch viele Tunnels doch endlich zum Lichte emporsteigt. Auch wir nähern uns der Sonne Zions (Beifall). Dr. Jakobsohn: Ich fürchte, wir gehen von hier weg beraubt unseres zionistischen Ideals. Wir haben kein Recht, auf dieses Angebot zu verzichten', hat man gesagt. Mit Ostafrika werden Sie aber den Millionen leidender Juden gewiss nicht helfen. Das wäre nur eine momentane Abhilfe. Sie werden zugeben müssen, dass wir, wenn wir eine kleine Kolonisation einleiten wollen, das Land gut und ernst durchforschen müssen. Das nimmt eine grosse Zeit in Anspruch. Den grossen Strom der Emigration nach Amerika werden Sie nicht nach Ostafrika ablenken können. Um nach Amerika gehen zu können, braucht man nicht viel Geld, wohl aber nach Ostafrika. Es ist traurig für mich, mit diesen Argumenten vor sie zu treten. Eines vereinigt uns Zionisten: Der Stolz auf unser Judentum und das Baseler Programm. Es ist mir wenig verständlich, wie in Ostafrika, einem von einem Staatsmann aufs Geratewohl aus der Luft gegriffenen Lande, das nationale Bewusstsein gehoben werden soll. Anstatt das Volk zu organisieren, beginnen wir eine neue, schwere Arbeit, um nur einige Tausende zu versorgen. Entweder Palästina oder Ostafrika. Denn auf Jahrzehnte wird das alle unsere Kräfte in Anspruch nehmen. Dr. Pasmanik ist mit demokratischen Prinzipien aufgetre ten. Es ist ungemein schwierig, unser Volk in eine ganz neue Lage zu versetzen. Wir muten unserm Volke zu, dass es diese schwierige Arbeit vollbringe. Man sagt, wir brauchen nur über die Kommission zu sprechen. 'Dagegen bin ich. Es gibt verschiedene Fragen, die in einer Partei nicht in einer Kommission behandelt werden können, weil diese Fragen dem Grundgedanken der Partei angehören. In diesem Punkte kann man keine Kompromisse eingehen. (Stürmischer Beifall). Pin es spricht gegen Ostafrika und die Einsetzung einer Kommission. Diesenhof spricht französisch. Er wendet sich gegen das Ostafrikaprojekt und gegen den „Politiker" Friedemann: Schliesslich wäre es ja auch „politisch", den leidenden Juden die Assimilation zu empfehlen. Die russischen, rumänischen und galizischen Juden wollen kein Asyl, sondern ein Vaterland. Ein Vaterland ist niemals gegründet worden durch einen Majoritätsbeschluss. (Beifall). Ein Antrag auf Unterbrechung der Sitzung wird abgelehnt und die Sitzung fortgesetzt. Dr. A. Marmorek: Damit keine Missverständnisse obwalten, erkläre ich, dass ich durchaus gegen das Ostafrikaprojekt bin. (Beifall). Alle jene Argumente mehr philanthropischer Natur haben mich nicht wankend machen können in der Meinung, dass das Ostafrikaprojekt im Grunde antizionistisch ist. (Lebhafter Beifall). Die Frage, die uns hier beschäftigt, ist aber nicht die, ob wir Ostafrika mögen oder nicht, sondern ob wir uns entschliessen sollen, bevor wir geprüft haben oder nicht. Wir haben eine unnötige Angst vor dieser Kommission. Sie soll ja nicht entscheiden, nicht sprechen: ja oder nein, bevor sie nicht wieder zu uns gesprochen hat. Wird sie nicht aus unserer Mitte genommen? Und unser Votum über die Sache bedeutet mehr, je mehr wir darüber wissen. Glauben wir doch nicht, dass bloss auf ein vages Phantom hin unsere Führer bereit gewesen wären, Zion zu verlassen. Es muss vielleicht etwas an der Sache sein. Und dann wird uns das Einsetzen einer Kommission nicht wankend machen daran, unsere Gedanken nach Zion zu richten. Das ist kein Kompromiss. Ferner: ist es recht, dass wir unsern Führern, wenn sie uns Mitteilungen machen wollen, sagen: Wir wollen nichts hören? Wird man nicht sagen: „In der zionistischen Bewegung wird verworfen, bevor man angehört hat? Der Zionistenkongress ist nicht ernst zu nehmen?" Ich habe Vertrauen zur Kommission, die man entsendet. Prüfen müssen wir. Wir zweifeln daran, dass sich etwas ändern wird an unserer Gesinnung, unserm Streben nach Palästina. (Beifall). Granowski spricht gegen das Ost-Afrika Projekt. Er bemerkt gegen Dr. Friedemann, er wolle keine „Rachmonesu-Zionisten. Es schliesst seine Anregungen über die in Palästina zu befolgende Politik: Eine öffentlich gesicherte Heimstätte, die kauft man nicht, die nimmt man als Volk entgegen. (Beifall.) Dr. Herzl, Präsident: Ich mache dem Vorredner wegen seinen Bemerkungen eine Rüge: Dinge, wie er sie vorgebracht hat, schädigen unsere Sache schwer. Ich kann das nicht passieren lassen und fordere die nachfolgenden Redner auf, solche Dinge, die nicht im Sinne der Versammlung sind, fern zu halten. (Lebhafter Beifall.) Rabin owitsch spricht russisch. Bogoratscho spricht hebräisch. C h a s a n : Es handelt sich hier im Saale um zwei Parteien, um Afrikaner und Nicht-Afrikaner (Heiterkeit). Das Ziel jedoch, das wir Zionisten im Auge haben, werden wir so wie so nie vergessen, also warum wollen wir uns widersetzen, eine Kommission einzusetzen und die Sache von vornherein ablehnen? Wir wollen eine Kommission, die zwar nicht beschliesst, aber berät! Herr Mosisson spricht im Jargon. Dr. Moses, Mannheim. Ich möchte behaupten, dass das für und wider des Ostafrika-Projektes keineswegs eine Einschränkung oder Erweiterung des zionistischen Programms bedeutet, sondern wir haben die strikte Ablehnung des Projektes als ein Stück unüberlegter Politik betrachtet. Diese Erwägung hat uns dazu geführt, dafür einzutreten, dass die Vorlage des A. C. von uns acceptiert wird. Es ist doch zunächst ein Akt der Höflichkeit, dass man einen Vorschlag untersucht, den man angeboten bekommt, zumal von einer Macht, die sich vorher in der El Arisch-Frage äusserst freundlich verhalten hat. Wir sind es der Klugheit und besonders unserem Volke schuldig, nicht über ein dargebotenes Anerbieten einfach zur Tagesordnung überzugehen ohne jegliche Beratung. (Bravo!) Es wäre aber auch ein Unrecht an unsern Führern, wenn wir das Werk ihrer Arbeit einfach ablehnen würden. Es ist so viel vom Vertrauen zu unseren Führern gesprochen worden,-die so redlich gearbeitet haben, und es wäre starke Undankbarkeit, wenn wir das Projekt ablehnen würden, ohne uns der Mühe zu unterziehen zu untersuchen, was das Projekt eigentlicfh bedeutet. Was wir wollen, ist nichts anderes als eine Prüfung durch Vertrauensmänner im Verein mit dem A. C, sowohl vom Standpunkte einer einfachsten politischen Besonnenheit, als auch vom Standpunkte des Vertrauens zu unserm Führer Dr. Herzl (sehr richtig) und vom Standpunkte der Pflicht gegen unser jüdisches Volk. Vorsitzender D. Wolffsohn. Es ist der Antrag eingebracht worden auf Schluss der Debatte mit Anhörung von zwei Generalrednern, zwei für und zwei gegen.