Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (27.8.1903)
- Article
- Dienstag-Nachmittagssitzung
- Date
- 1903-08-27
- Page
- 7 (sequence 5)
- Language
- German
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?To. 4 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite" 7 dem, was uns vorgeschlagen wird, ist eine neue Illusion für das Volk geschaffen. Warum haben wir verhältnismässig noch wenig Zionisten? Unser Gedanke ist so klar und fesselnd, aber viele Kräfte arbeiten eben nicht mit, weil sie Illusionen haben. Die Notlage ist kolossal und unser Vrolk kennt keine Ruhe mehr, seit es die Heimat verlassen hat. Darum haben wir einen Kernpunkt, den ersten Satz unseres Programmes geschaffen, worin steht, dass wir bestrebt sind, eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen. Das ist dasjenige, was den Zionismus kennzeichnet. Unser Programm und unsere "Wege sind klar und wir können nicht davon abweichen. Aber wir wissen, dass^ Hindernisse da sind, dass der Weg schwer ist und da wende ich mich an Sie und insbesondere an unsere verehrten Führer. Wir werden warten und lange warten, bis derjenige Moment kommt, der in unserem Programm und hier auf unserer Fahne steht. Wir hoffen, dass, da das grossherzige britische Volk erklärt hat, uns zu helfen, es auch unsere Heimatsliebe verstehen wird. Wir bitten unsern Führer: „Gehen Sie vor dieses Volk und sagen Sie, dass Zion unsere Heimat ist und bitten Sie, dass diese Nation uns zu diesem Zwecke Beihilfe geben soll." Dr. Fink (Wien). Die vielen Argumente gegen Ostafrika seien an ihm vollkommen abgeprallt. Auf der einen Seite wird das russische Massenelend bejammert, auf der andern Seite befürchte man eine Gefährdung des Idealismus. Was sei leichter zu ertragen? Der Ruin von Millionen Menschen oder die mögliche Schwächung eines Ideals? Aber selbst das letztere sei nicht zu befürchten, denn wer sein zionistisches Ideal verliere, habe es nie besessen. Das Wiederaufleben des Zionismus zeige, dass Ideale schon auf dieser Erde ihre Auferstehung feiern, aber die im Elend Gestorbenen, die stehen nicht wieder auf. Wüsste er, dass die Millionen Entrechteter und Entkräfteter für die Ablehnung des ostafrikanischen Projektes seien, er würde sofort diesen Standpunkt vertreten. Würde es denn aber eine Stärkung der Bewegung bedeuten, wenn wir zu unseren Leuten kommen und ihnen sagten: Wir haben Euch „Ideale" vom Kongress gebracht?! (Unruhe.) In der Politik müsse man mit Tatsachen und nicht mit Idealen rechnen. Man werfe den Zionisten vor, dass sie Worte machen und sich vor Taten scheu zurückziehen. Nun stellt man uns vor eine Tat, und wir zittern wirklich! Das ostafrikanische Projekt kollidiere nicht mit dem zionistischen Ideal, und ruft die jüdische Geschichte selbst zum Zeugen dafür an. Wir stehen vor den ersten Versuchen in der Politik und müssen zusehen, wie andere es machen. Frankreich habe Elsass umsonst für sich reklamiert, habe es deshalb auf die Kolonisations-Idee im grossen ganzen verzichtet?! Kohan Bernstein. Wir wollen keine sentimentale Politik treiben, sondern eine reale Politik und vom rein politischen Standpunkt aus das Projekt betrachten. Es sind zwei Gründe, juridische und politische, die es notwendig machen, Stellung zu nehmen. Als ich das erste Mal von diesem Projekt gehört habe, habe ich das gefühlt, was jeder Hungrige, jeder Durstige fühlt. Geben Sie nur Brot und Wasser! Aber wir sind hier nicht nur als Vorsteher des kranken Judentunis, wir sind dazu da, um als gute Arzte überhaupt den Organismus gut zu studieren. Man fragt nicht einen Kranken, was für ein Kezept man ihm verschreiben soll. In England und Amerika führen die Hausärzte Journale, in die sie eintragen, wann Mitglieder einer Familie sich gut befinden und wann schlecht. Wir haben so ein Buch, die jüdische Geschichte, und müssen uns ständig nach dieser Richtschnur halten. Als ich die Märtyrer von Kischinew sah, habe ich ausser meinem Schmerz auch Stolz gefühlt. Ich habe gesehen, wie jüdisches Eisen zum Stahl wird. Das Elend macht uns Juden kräftig, nicht schwächer. Deshalb gebe ich Ihnen den Rat, keine Kompromissprojekte für die Not anzunehmen. Ich schlage Ihnen vor, dass man eine Resolution anhöre, welche die russische Landsmannschaft angenommen hat und empfehle Ihnen, dieselbe anzunehmen. Ich glaube, dass wir politisch klug handeln, wenn wir so tun. Die Resolution der russischen Landsmannschaft, die in einer Abstimmimg mit 146 gegen 84 Stimmen angenommen wurde, lautet: „Der Kongress erkennt die grosse politische Tragweite des grossmütigen Anerbietens der englischen Regierung an, das dahin geht, der zionistischen Organisation zu erlauben, in Ostafrika eine autonome, jüdische Kolonie zu gründen und bittet das A. 0., der Regierung der mächtigen englischen Nation den innigsten Dank des jüdischen Volkes auszurichten. Da die Juden dem Kongress, dem Grundprinzip des Zionismus treu bleiben, und das Ziel der Bewegung in der Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte nur in Palästina erblicken, so bedauren wir, dass die zionistische Organisation sich mit diesem Projekt nicht befassen kann." (Lebhafter Beifall). Dr. Gr r o n e m a n n : Obwohl ich f ü r die Kommission spreche, finde ich doch unter all den heute gesprochenen Worten nur von einem der Vorredner ein Wort, gegen das ich Protest erhebe. Es ist gesagt worden, wir seien erst Juden und dann Zionisten. Das ist nicht wahr. Judentum und Zionismus ist für uns identisch. Es kann nichts so sein, dass wir als Juden für etwas und als Zionisten dagegen sein könnten. So ist es auch mit Ostafrika. Der Prüfstein ist unser Programm. Das was uns geboten wird, muss entweder unser Ziel oder das Mittel zu diesem Ziele sein. Das Ziel wird uns nicht geboten. Ist also das, was uns geboten wird, geeignet, uns unserm Ziele näher zu bringen? Das möchte ich bejahen. ]STicht von dem Standpunkte aus, dass wir damit der Verelendung entgegen arbeiten. Wir wollen nicht nur ein Nachtasyl, sondern eine Werkstätte für das jüdische Volk. Dr. Rosenbaum hat gesagt, es habe in zionistischen Kreisen eine grosse Furcht bestanden, der Charter möchte gegeben werden, ehe wir fertig seien. Warum sind wir nicht fertig? Wir können Musterbauern schaffen und Schulen gründen. Eines fehlt uns: Wir können nicht Musterbürger schaffen. Wir müssen eine ungeheure Schule für das .jüdische Volk haben, in der das jüdische Volk lernt, sich politisch auszuleben (Beifall). Dass wir auf die Erreichung unseres Zieles warten müssen, wissen wir. Es fragt sich bloss, wo und wie wir warten wollen, ob als gedrückte Unfreie, oder als freie, aufrechte Bürger (Beifall). Ein Zionist, der sein Programm vergisst, ist nicht wert, Zionist zu heissen (Beifall). Oder gibt es jemanden, der der Ansicht ist, dass der Zionismus nichts anderes sei als die Reaktion gegen den Antisemitismus, nichts als ein Angstprodukt, dass nur diejenigen, die in Not sind, zum Zionismus gekommen seien? Gerade das Gegenteil ist der Fall. Das werden wir zeigen auch in den besten und schönsten Tagen, wenn wir uns national ausleben können. Von da aus werden die Musterbürger ausziehen, diejenigen, welche einen Stamm bilden. Von Gefahr für unser Programm kann keine Rede sein. Ist es eine Gefahr, wenn wir auf einige Zeit zusammenkommen können und politisch leben, uns wenigstens der Illusion hingeben können, dass wir unser Ziel erreicht haben? Sind wir hier etwas anderes als ein Bild des